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An unsere Zuschauer! Sílvio Santos schlägt zurück

Sílvio Santos, der Held des brasilianischen Fernsehens, Erfinder und Präsentator unzähliger erfolgreicher Fernsehshows, Herr über den zweitgrößten brasilianischen Fernsehsender SBT und einer der reichsten Brasilianer überhaupt, schlüpfte in die Rolle seines Lebens und erreichte nach mehr als 30 Jahren im Showbizz mit der Adaptation seines Klassikers „O Show do Milhão – Wer wird Millionär“ die höchsten Einschaltquoten der brasilianischen Fernsehgeschichte. Die einwöchige Real-life-soap rund um die Entführung seiner Tochter Patrícia und ihre von Gott höchstpersönlich eingeleitete Befreiung war beim brasilianischen Publikum so beliebt, dass sie von allen brasilianischen Fernsehsendern gleichzeitig ausgestrahlt wurde.

Auf vielfachen Wunsch unseres Publikums haben wir unten die wichtigsten Szenen noch einmal für Sie aufbereitet. Tauchen Sie ein in diese bizarre Groteske oder spielen Sie sie doch einfach einmal zuhause mit ihrer Familie nach!

Wer wird Millionär ?!

eine Real-Life-Soap aus dem Land, in dem 90% hungern und die restlichen 10% Diät machen.

Sehen Sie

Patrícia A. in der Rolle der kleinen Patrícia Patricinha, mit dem Stockholmsyndrom kämpfendes Mitglied der Evangelischen „Neues Leben“-Gemeinde, deren Motto lautet: „Gott ist treu!“

Fernando D. P. in einer Doppelrolle, zuerst als braunhaariger Entführer Fernando D.P. und danach als blondhaariger „Spiderman“ Claudemir Souza

Die drei Polizisten XY1 bis XY3, ebenfalls in einer recht undurchsichtigen Doppelrolle

und natürlich

Sílvio Santos spielt sich wie immer selbst!

Szene 1

Dienstag, 21 August 2001, vor dem Haus der Familie Santos in der Straße Antônio Andrade Rebelo Nr. 595, Stadtteil Morumbi in São Paulo

Zwei als Briefträger verkleidete junge Männer nähern sich zu Fuß dem Haus. Gleichzeitig nähert sich ein mit drei Personen besetzter Corsa. Wir erblicken Fernando Dutra Pinto, zu diesem Zeitpunkt noch mit seinen ungefärbten dunklen Haaren, seinen Bruder Esdras, seine Freunde Marcelo Batista dos Santos, Jenifer und Valdemir. Plötzlich ziehen alle fünf Waffen und zwingen den Wachmann des Hauses dazu, das Tiefgaragentor des Hauses zu öffnen. Kurz darauf sehen wir sie mit der Tochter von Sílvio Santos, Patrícia Patricinha, in einem blauen Passat und einem Cherokee flüchten. Wir wurden soeben Zeugen einer Entführung!

Schnitt

Szene 2

Eine Woche später, vor dem Haus von Sílvio Santos stehen Tausende von Reportern und Hunderte von Fernsehteams, die ihre Mikrofone an langen Stangen zum Balkon der Familie emporrecken. Dort steht die strahlende Patrícia in einem lila Pullover und einer weißen Trainingshose. In den nächsten 20 Minuten wird sie 69 mal das Wort Gott benutzen.

Patrícia: „Es war Gott, der mich befreit hat. Gott ist treu! Einer der Entführer hat gesagt, dass er das alles bereuen würde. Sie haben mich Prinzessin genannt, ich hatte mein eigenes Bett, Zimmer, Fenster und Fernsehen. Ich habe Karten und Domino mit ihnen gespielt. Und Gott war die ganze Zeit dabei. Gott hat mir sehr geholfen. Gott ist treu! Ich wurde nicht geschlagen. Gott ist treu! Die Gemeinde hat für mich gebetet. Gott ist treu! Es scheint so, als ob die Gemeinde für mich gebetet hat.

Sie haben mich gut behandelt; sie brachten mir sogar Tee. Gott ist treu! Sie brachten mir Kaffee, versorgten mich mit Essen, Tee und Popkorn. Gott ist treu! Sie haben mich tatsächlich frei gelassen. Und das, ohne dass ein Lösegeld bezahlt wurde! Gott ist treu!

Ich fühle mich so sehr von dem brasilianischen Volk geliebt. Gott war mein Komplize in meiner Gefangenschaft. Ich liebe Gott. Deswegen bin ich so glücklich.

Entführungen passieren, weil die Regierung sich nicht richtig um das Volk kümmert!“

Ein lächelnder Sílvio Santos betritt den Balkon. Er winkt den Reportern zu, nimmt Patrícia in den Arm.

Silvio: „Ich hätte die Entführer bitten sollen, Patrícia noch ein bisschen länger zu behalten. Wie Sie sicher schon bemerkt haben, ist sie eine Predigerin.
In den letzten sieben Tagen habe ich mich genauso entführt gefühlt wie sie.“

Patrícia: „Mein Papa hat so darunter gelitten, weil er noch nicht bei Gott angekommen ist.“

Der Jude Sílvio Santos verzichtet darauf, seine ihm so teure evangelische Tochter wegen dieser Bemerkung vor den Augen der Weltpresse vom Balkon zu schmeißen. Beide treten ab.

Schnitt

Szene 3

Zur gleichen Zeit im Stadtteil Alphaville, in dem 5 Sterne-Appartementhaus L`Étoile. Fernando Dutra Pinto, aus Tarnzwecken jetzt mit blond gefärbten Haaren und unter dem Namen Claudemir Souza abgestiegen, lässt sich das Beste vom Besten zum Essen reichen.

Er bemerkt nicht, dass ihn die Nachbarin durch das Fenster beobachtet, wie er mit seiner Waffe spielt und daraufhin die Polizei benachrichtigt. Auf dem Bett liegt eine blaue Tüte mit 464.850 Reais in Scheinen zu 50 und 100 R$.

Szene 3 Version A

Die drei heldenhaften Polizisten XY1, XY2 und XY3 haben erfahren, wo sich Fernando mit dem Geld aufhält und beschließen, auf eigene Faust, wie Helden es halt gerne machen, den üblen Halunken zu verhaften. Sie erwarten Fernando, als er aus dem Aufzug steigt und in sein Zimmer will. Bei dem Versuch, ihn zu verhaften, kommt es zum Schußwechsel, bei dem Fernando zwei der heldenhaften Polizisten erschießt und vom dritten eine Kugel in den Allerwertesten bekommt. Er springt daraufhin aus dem Fenster des 9. Stockwerkes und steigt Spiderman-gleich zwischen zwei eng zusammenstehenden Häuserwänden hinab.

Szene 3 Version B

Die drei korrupten Polizisten XY1, XY2 und XY3 haben erfahren, wo sich Fernando mit dem Geld aufhält und beschließen, auf eigene Rechnung, wie korrupte Polizisten es halt gerne machen, einen Teil der Beute von ihm zu verlangen. Fernando gefällt dieser Vorschlag überhaupt nicht und knallt daraufhin zwei von ihnen ab, der dritte gibt ihm eine Kugel in den Allerwertesten. Fernando springt daraufhin
aus dem Fenster des 9. Stockwerkes und steigt Spiderman-gleich zwischen zwei eng zusammenstehenden Häuserwänden hinab.

Unten angekommen, flieht er, sich den wunden Popo haltend, in Richtung eines Schildes, auf dem steht: „Zum Haus von Sílvio Santos“

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Szene 4

Der nächste Morgen, 7.00 Uhr, vor dem Haus von Sílvio Santos, welches immer noch von Reportern belagert und von der Polizei bewacht wird.

Fernando erscheint vor dem Haus, in der einen Hand die Biografie von Sílvio Santos, in der anderen einen Revolver 38 Automatik – beides eine existentielle Bedrohung des Lebens auf dieser Erde. Er schaut sich verstohlen um und klettert dann über die Mauer des Grundstückes. Als sein blutverschmierter Hintern über die Mauer gleitet, hören wir die Stimme des Wachmanns ertönen: „Nicht Sie schon wieder!“
Wenig später sehen wir die ganze Familie Santos und ihre Angestellten, in Pyjamas und T-Shirts bekleidet, das Haus in wilder Panik verlassen. Alle, bis auf einen… Sílvio Santos!

Schnitt

Szene 5

Die Küche von Sílvio Santos. Durch das Fenster sind unzählige Fernsehteams zu sehen. Sílvio steht am Mikrowellenherd, nur mit einer Shorts und einem T-Shirt bekleidet. Daneben erblicken wir Fernando, der eine Revolver dicht an Sílvios Kopf hält.

Szene 5 Version A

Fernando, der reuige und bekehrte Blondgefärbte: „Ich bin hier, weil mir Ihre Tochter Patrícia versprochen hat, mir zu helfen, wenn ich sie freilassen würde.

Ich habe zwei Polizisten erschossen! Die da draußen werden mich sofort töten. Helfen Sie mir. Aber zuerst mal machen sie mir das Fertiggericht heiß. Bitte Danke!“

Szene 5 Version B

Fernando, der kaltblütige und geldgierige Killer: „Ich bin hier, um an Ihrer Spielshow „Wer wird Millionär“ teilzunehmen. Die richtige Antwort lautet: Ja, ich habe schon zwei Polizisten getötet und jetzt wäre eigentlich zur Abwechslung mal ein Showmaster dran. Also, her mit der Million und einem Fluchthubschrauber. Aber zuerst mal machen sie mir das Fertiggericht heiß. Bitte Danke!“

Sílvio spielt die ganze Routine eines Mannes aus, der am Nordpol Kühlschränke verkaufen kann: „Wir werden das Ding hier in aller Ruhe lösen.“

Auf Fernandos Stirn tauchen die kleinen roten Laserpunkte der Scharfschützen auf. Gelassen stellt sich Silvio schützend vor ihn.

Da ist plötzlich die Stimme von Fernandos Vater, ebenfalls eine in die evangelische Sache verstrickte Gestalt, von draußen her zu vernehmen: „Was hast Du nur getan? Ihr habt das Haus Gottes verlassen, um über uns Schande zu bringen!“ Daraufhin senkt Fernando sofort seine Waffe.

Und als dann auch noch der Gouverneur von São Paulo am Küchenfenster auftaucht und Fernando verspricht, dass ihn eine gemütliche Gefängniszelle erwartet, gibt Fernando endgültig auf. Er entschuldigt sich bei Sílvio für die Unannehmlichkeiten, die er diesem in der letzten Woche und besonders in den letzten sieben Stunden in seiner Küche bereitet hat. Als letzten Wunsch erbittet er, ein Bad nehmen zu dürfen. Sílvio borgt dem reuigen Fernando noch frische Kleider und ein Paar Schuhe.

Fernando: „Ich möchte sauber aus der Sache rausgehen!“

Sauberer Abgang von Fernando.

ENDE

Und was sagt die Presse zu Sílvio Santos neuestem Fernsehknüller?

„Sílvio Santos hat sich mit seiner neuesten Show einen Lebenstraum erfüllt: alle brasilianischen Fernsehstationen mussten sein Programm ausstrahlen!“

„Es ist bezeichnend, dass der Entführer von dem Moment an, wo er sich die Haare blond färbte, nur noch Mist gemacht hat!“

„Aber wir sollten Fernando auch zu Dank verpflichtet sein, hat er es doch geschafft, dass der Super-Macho Sílvio Santos an diesem Tag mehr Zeit in der Küche verbrachte, als in den ganzen 70 Jahren davor“

„Die brasilianische Polizei scheint den brasilianischen Wirtschaftspolitikern an Effizienz in nichts nachzustehen!“

Abschließend bleibt noch anzumerken, dass die dramatischen Ereignisse dieser Woche offensichtlich nicht spurlos an der brasilianischen Gesellschaft vorbeigegangen sind:
Ein Reporter kommentierte die Kugel im Hintern des Entführers mit den Worten: „Er wurde an einer unwichtigen Körperstelle verwundet!“ Hat man jemals solch einen Satz aus dem Mund eines Brasilianers gehört?

P.S.: In Anbetracht der Tatsache, dass nach neuesten Statistiken des IBGE 8,3 % der weißen Bevölkerung, 21% der Farbigen und 19,6% der Mischlinge in Brasilien Analphabeten sind, haben wir nachfolgend die wichtigsten Ereignisse szenisch dargestellt:

Written by Thomas Milz

Thomas Milz

Seit 1999 ist Tom für den Caimán in Südamerika unterwegs, seit 2002 lebt er in Brasilien. Dort arbeitet er als Texter und Fotograf für den Bayerischen Rundfunk (BR), die Katholische Nachrichtenagentur (KNA), die Deutsche Welle (DW), die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) und andere Zeitungen und Magazine. Bibliografie: "Brasil Subtil" (deutsch, 2004), "O Brasil dos correspondentes" (portugiesisch, 2008, Herausgeber), "Joias de Crioula" (Fotobuch 2010). 

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