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Alcântara – die vergessene Stadt

Die von Mangroven überwucherte Küste ist tausendfach zerfranst, versprengte Inseln, die dem Festland entrissen wurden, geben Zeugnis von den Gewalten des Meeres. Die hier lebenden Tupinambás-Indianer nennen diese Gegend Maranan – das strömende Meer. Für die Portugiesen, die seit 100 Jahren die weiter südlich gelegenen Küstengebiete Brasiliens besiedeln, zieht sich Maranhão, wie sie Maranan aussprechen – bis hoch zum Delta des gewaltigen Amazonas.

Bis hierhin sind sie bis zum Ende des 16. Jahrhunderts noch nicht vorgedrungen. Wild wie das Meer ist auch das Land.

Die dichte Äquatorialvegetation des Amazonasgebietes erschwert den Zugang. Und so liegt Maranan lange Zeit in Vergessenheit.

1594 kommen die französischen Abenteurer Charles de Vaux und Jacques Riffault nach Maranan.

1612 schließlich fährt eine französische Flotte unter Daniel de la Touche in die große Bucht ein, die heute Baía de San Marcos heißt.

Die Franzosen gründen die Kolonie „França Equinocial“, die sich trotz der Unterstützung der Tupimanbás-Indianer nur 3 Jahre lang den portugiesischen Angriffen erwehren kann.

Um die Küste gegen weitere Überfälle fremder Mächte zu sichern, beginnen die Portugiesen mit der Besiedlung des Gebietes.

So gründet Antônio Coelho de Carvalho 1633 am westlichen Ufer der Baía de San Marcos die Stadt Santo Antônio de Alcântara, die 1648 Stadtrechte erhält.

Mit dem Beginn der landwirtschaftlichen Nutzung des fruchtbaren Bodens beginnt der Aufstieg Alcântaras zu einer der wohlhabendsten Städte des Brasiliens des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts.

Auf den im Umland errichteten Plantagen wird von afrikanischen Sklaven Zuckerrohr und Baumwolle geerntet, in den Überschwemmungsgebieten wird Reis angebaut, und selbst dem wilden Meer kann man Reichtümer abtrotzen: Salz.

Über die Salinas von Tapuitapera, so der ursprüngliche indianische Name Alcântaras, berichtet ein Reisender 1818: „Na vizinhança, à beira-mar, existem diversas lagunas salinas….Entra a água do mar, para que se evapore, deixando ficar uma crosta de sal. Raspa-se êsse sal e empacota-se, sem qualquer beneficiamento, em cêstos de fôlhas de palmeira. Produzem-se anualmente de 15 a 20 mil alqueires.” („In der Umgebung, an der Küste, gibt es einige salzhaltige Lagunen….Das Meerwasser kommt herein, verdunstet und lässt eine Salzkruste zurück. Dieses Salz wird abgekratzt und ohne jegliche Aufbereitung in Palmblätterkörbe verpackt. Jährlich werden 15.000 bis 20.000 Scheffel (ca. 20 l) produziert.“).

Die Landaristokratie residiert in Alcântara in prächtigen Bauten, ständig umsorgt von über 8.000 Haussklaven. In Erwartung kaiserlichen Besuches übertrifft man sich darin, für Dom Pedro II ein luxuriöses Ambiente in der jeweils eigenen Villa zu schaffen. Doch der Kaiser betritt niemals das entlegene Alcântara. Vielmehr sorgt das Ende der Monarchie und die damit verbundene Abschaffung der Sklaverei 1888 für Alcântaras unaufhaltsamen Abstieg.

Der Weltmarktpreis für Baumwolle fällt, der Handel verlagert sich in das auf der anderen Seite der Baía de San Marcos gelegene São Luís, die Aristokratie verlässt das sinkende Schiff.

Zurück bleiben die ca. 300 Häuser der Stadt. Diese gruppieren sich um 3 Plätze – darunter den Pelourinho von 1648 – und 8 mal10 Straßen im Schachbrettmuster, wurden aufgegeben und dem Zerfall ausgesetzt, von dem feuchten Klima und dem sich der Stadt bemächtigenden Urwald durchzogen und aufgesprengt. Vom einstigen Prunk zeugen noch einige schmiedeeiserne Erker und aus Lissabon importierte azulejos, kunstvoll verzierte Kacheln an den Häuserwänden. Die Holzkonstruktionen der Dächer stürzen ein, nur die blanken Steinmauern bleiben stehen. Wie Totenschädel starren sie mit ihren Augen gleichenden Fensterhöhlen ihrem endgültigen Verfall entgegen.

Die UNESCO versucht dies zu verhindern, indem sie die Stadt 1948 als „Monument“ einstuft.

Seit dieser Zeit warten die Ruinen von Alcântara darauf, dass man sie zum „Patrimony of Humanity“ erklärt. Dann würden endlich Gelder zur Rettung der Stadt fließen. Die IPHAN (Instituto do Patrimônio Histórico e Artístico Nacional) hat Alcântara bereits zum nationalen Denkmal erklärt, ob Flora und Fauna jedoch darauf Rücksicht nehmen und den Rückzug antreten werden, darf wohl bezweifelt werden.

Und so zerfällt Alcântara weiter vor sich hin, die Gewalten der Natur haben sich ihrer wieder bemächtigt, der Urwald dringt weiter in die Ruinenlandschaft vor, in deren Schatten heute noch 3.000 Menschen in ärmlichen Hütten ihr Dasein fristen. Die Salinas sind im Meer versunken, die Reisplantagen haben sich wieder in Sümpfe verwandelt. Alcântara – ein Symbol der Vergangenheit und der Vergänglichkeit, des Vergessens und des Untergangs in der Zeit, nur 9 km von Brasiliens Raumfahrtzentrum entfernt, dem modernsten Lateinamerikas.

„…but the city lies in broken pieces, where the wind howls and the vultures sing.“ (Sting)

Written by Thomas Milz

Thomas Milz

Seit 1999 ist Tom für den Caimán in Südamerika unterwegs, seit 2002 lebt er in Brasilien. Dort arbeitet er als Texter und Fotograf für den Bayerischen Rundfunk (BR), die Katholische Nachrichtenagentur (KNA), die Deutsche Welle (DW), die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) und andere Zeitungen und Magazine. Bibliografie: "Brasil Subtil" (deutsch, 2004), "O Brasil dos correspondentes" (portugiesisch, 2008, Herausgeber), "Joias de Crioula" (Fotobuch 2010). 

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