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Adrenalin – die Flucht vor dem Stier

Wer kennt sie nicht, die berühmten Fiestas de San Fermines in Pamplona. Spätestens seit Hemingways Beschreibungen in seinem Buch „Fiesta“ ist dieses Volksfest zum wohl bekanntesten Spaniens geworden.

Auch ich begab mich eines Tages zu diesem Feste auf der Suche nach der wahren Adrenalinexplosion.

Kaum in Pamplona angekommen, wurde die eigene Kleidung gegen weiße Hose und T-Shirt getauscht, ein rotes Band um die Hüften geschwungen, ein gleich farbiges Halstuch in die Hand gedrückt. Mit unzähligen Flaschen Sekt ging es dann am 6. Juli zur Plaza Major, wo um zwölf Uhr mittags der chupinazo, der Schuß der die Fiesta eröffnet, vom Bürgermeister abgefeuert wurde. Trinkend und singend ziehen die Pamplonesen durch ihre kleinen Gässchen, voll freudiger Erwartung auf das Hauptspektakel, den encierro.

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Jeden Morgen um acht, die meisten sind vom Vorabend noch betrunken, geht es in den Kampf – den Kampf um die Ehre, der die Tapferkeit eines jeden Pamplonesen beweisen soll.
Ich dagegen wollte zudem noch um die weibliche Ehre kämpfen, allerdings stellte ich mich mit meinem spanischen Begleiter in der Mitte des Weges auf, dem Ort der Feiglinge. Von hier aus ist es möglich, dem Gefühl der Rennenden Masse beizuwohnen, ohne Gefahr zu laufen, einem Stier tatsächlich zu begegnen. Die Sperre vor uns sollte sich um zehn vor acht auflösen, damit die sogenannten „Feiglinge“ gemütlich in die Stierkampfarena hineinschludern können.
Die Polizisten an der Sperre hielten jedoch unbekümmert ihr Schwätzchen und machten uns Feiglinge nervös. Fünf vor acht, nichts geschah!
Nun sollte man denken, dass hier die übliche Unpünktlichkeit der Spanier mit im Spiel war. Doch wenn etwas pünktlich in Spanien beginnt, dann mit Sicherheit die Messe und alles was mit Stierkampf zu tun hat. Zwei Minuten vor acht, Schweißtropfen bilden sich auf der Stirn, und die Gewißheit, dass die sechs Stiere und die zwei Bullen, die sie begleiten vom Start bis in die Arena nur maximal drei Minuten brauchen.

Die Zeit rast dahin, die Sperre bleibt zu, ein Schuß, der Startschuß, die Stiere werden aus ihrer Box herausgelassen. Kurz darauf ein weiterer, der anzeigt, dass alle Stiere auf der Strasse sind und das Rennen eröffnet ist.

Die Menge wird hektisch, die Barrikade öffnet sich, und mein spanischer Held nimmt meine Hand und sagt nur noch: „Lauf!“

auch ihr spanischer held demonstriert keine gelassenheit mehr

Ich laufe, kralle mich fest und höre das Publikum, welches hinter Holzbarrikaden das Spektakel verfolgt. Sie schreien und schreien: „Die toros kommen, sie kommen“. Wir laufen immer noch, die Angst im Nacken, das Publikum macht uns nervös, keine Chance sich umzusehen, wo sind sie, diese Riesentoros.
Kurz vor der Arena können wir die Zurufe des Publikums nicht mehr ertragen und springen beschämt und unter Gelächter hinter die Absperrungen. Noch immer auf dem Boden liegend, erklärt uns ein Polizist, dass die Toros noch sehr weit hinter uns seien und uns genügend Zeit verbleiben würde, erneut in die Strasse des Adrenalin einzusteigen.

Ich schaue meinem Torero in die Augen und sehe sie vor Ehre glänzen – das gleiche will auch ich. Zurück auf der Strasse, jetzt macht uns der Lärm der brüllenden Menge Ehre.

Wir laufen und laufen dem Eingang der Arena entgegen. Diesmal sind die Schreie der Zuschauer ernst und wir Idioten befinden uns tatsächlich vor den Stieren. Wir rennen schneller und schneller, nur nicht fallen, der Tunnel der Stierkampfarena öffnet sich vor unseren Augen, ein letztes schreckliches Stück und wir sind drinnen, springen sogleich hinter die Absperrungen und freuen uns wie Kinder, dass wir noch leben.

Adrenalin total. Besser als bei Hemingway, es lohnt sich – Für immer fiesta.

Nicht nur wegen des Adrenalin allein lohnt sich der Weg nach Pamplona in der Zeit vom 6.-14. Juli zu den Fiestas de San Fermin. Das achteinhalbtägige Fest ist insgesamt unbeschreiblich.

Morgens finden die erwähnten encierros statt, (nicht die Hand des Spaniers vergessen, für die nach Ehre suchenden Touristen!) und über Tag kann man den Prozessionen folgen, denn schließlich geht das ganze Spektakel auf den Heiligen San Fermin zurück, dem Schutzpatron von Pamplona. Den Prozessionen folgen die „gigantes“, riesige zum Teil über 100 Jahre alte Holzpuppen, die von Menschen getragen werden.
Sie repräsentieren die Kontinente. Dann findet man auf jeder Plaza, in jeder Ecke, Musikgruppen, die bis in die frühen Morgenstunden spielen.
Die nächtlichen Feuerwerke und nicht zu vergessen die allabendlichen „wahren“ Stierkämpfe runden das Spektakel ab.