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Adiós Revolución! trifft Cubana Be Cubana Bop (03/2007)

Adiós Revolución!
Eine Reise ins Herz Lateinamerikas

Sympathisant und Kritiker der Revolutionen in Lateinamerika, so könnte die Kurzcharakterisierung von Heinz G. Schmidt lauten. Wahrscheinlich sind die Anhänger revolutionärer Ideen auch immer die Enttäuschtesten, wenn die Umsetzung dieser Ideale im und am Alltag scheitert bzw. am Egoismus der Menschen (hier merkt man es deutlich beim Interview mit Nicaraguas ehemaligem sandinistischen Innenminister Tomás Borge). Und davon handelt „Adiós Revolución!“.

Revolution, Kuba, Heinz G SchmidtHeinz G. Schmidt
Adiós Revolución! Eine Reise ins Herz Lateinamerikas
Herder Verlag, Freiburg 2005, 224 S., 19,90 Euro

Der Autor, der 30 Jahre lang als Radio-Korrespondent für den WDR u.a. den gesamten Kontinent und seine Krisenherde bereist hat, beschreibt anhand von Begegnungen mit „normalen“ Menschen, Intellektuellen und Politikern in 12 Ländern – von Mexiko über Kuba bis Argentinien – die ge- und mißglückten Revolutionsversuche, ihre Errungenschaften (von denen leider wenig geblieben ist) und ihre Mißerfolge. Boliviens heutiger Präsident Evo Morales kommt ebenso zu Wort wie ein salvadorianischer campesino oder die chilenische Schauspielerin Carla Cristi. Das Fazit der Mehrheit ist ernüchternd: Die Revolutionäre haben zwar unmenschlichen Regimen mit im Nachhinein oftmals überführten Kriminellen und Mördern an ihrer Spitze ein Ende gesetzt, aber sie haben danach nur selten ihre Versprechen eingelöst: Die peruanische Anwältin Laura Caller fragt sich zum Beispiel, warum unter der Revolutionsregierung niemand gegen den Analphabetismus vorgegangen ist. Schlimmer noch als das: Die Revolutionäre machten später manchmal mit ihren ehemaligen Feinden gemeinsame Sache wie Daniel Ortega und die Sandinisten in Nicaragua. Im Rückblick klingt die Hymne „El pueblo unido jamás sera vencido…“ somit eher bitter. Aber vielleicht machen es die sog. Neuen Linken in der Regierungsverantwortung heute besser und geben so den vergangenen Revolutionen ihre Würde zurück und es kommt doch noch zum „großen Erwachen Lateinamerikas“ (Ché Guevara)

Einige Passagen treffen den Leser – radiomäßig – sehr verkürzt: „Die Westhälfte bekamen die Spanier, die Osthälfte die Portugiesen. Das hatte im 15. Jh. ein Papst so arrangiert, unter dem Motto: Kein Streit unter den Christen!“ Wer über den Vertrag von Tordesillas nicht Bescheid weiß, hat es hier schwer, sich weiter zu informieren

Von all den Menschen, die dem Autor in 30 Jahren vor das Mikrofon gekommen sind, spielen Mario und Melissa am Ende des Buches eine besondere Rolle: Schmidt lernte den Nicaraguaner und die Kubanerin zu verschiedenen Zeiten in ihren Heimatländern kennen. Im Kapitel mit dem bezeichnenden Titel „All American Saga“ finden diese beiden in Miami zueinander und gründen dort eine Familie, und der Autor erfährt davon: diese Geschichte mutet phantastisch an. Sollte sie sich wirklich so zugetragen haben, war sie wahrscheinlich der Auslöser zum Schreiben dieses Buches, das ansonsten auf einer Radioserie über die verschiedenen Revolutionen beruht. Somit endet dieses sehr lesenswerte Buch zwar ein wenig kitschig, aber so stellt sich das Leben eben manchmal dar.

Cubana Be Cubana Bop
Jazz und lateinamerikanische Musik

Zunächst einmal möchte ich zwei Dinge zum Titel dieses Buches anmerken: Der Untertitel ist irreführend, da der Autor zwar die Wechselwirkungen zwischen Jazz und lateinamerikanischen Musikgenres darstellt, mindestens aber genauso viele Seiten darauf verwendet, die afrikanischen Musiksubstrate in beiden zu analysieren. Zweitens gibt es „lateinamerikanische“ Musik ebenso wenig (bzw. nur im Volksmund) wie „europäische“ Musik. Dieser Begriff ist falsch, es existiert nur Musik aus Lateinamerika, aus Mexiko, aus Deutschland etc.

hendler

Maximilian Hendler
Cubana Be Cubana Bop.
Der Jazz und die lateinamerikanische Musik.
ADEVA Graz 2005, S. 172, 49 Euro

Der Autor beginnt seine Analyse indem er die – schwer nachzuweisenden – romanisch-christlichen Einflüsse der Seefahrer auf den Kulturraum der westafrikanischen Küste in Erinnerung ruft, bevor dessen Bewohner als Sklaven nach Amerika verschleppt wurden. Ebenso führt er die Bedeutung der Substrate der musikalischen Folklore auf dem amerikanischen Kontinent an, von denen das andalusische sicher das einflussreichste war, selbst wiederum stark beeinflusst von maurischen Musikstilen. So gelingt es ihm zu zeigen, dass nicht jedes Element in der Musik der schwarzen Bevölkerung Amerikas als rein afrikanisch betrachtet werden kann. Indem er den frühen Jazz, also Ragtime und Cakewalk, auf kubanische Wurzeln (cinquillo) zurückführt, „entschwärzt“ er so manche afro-ideologische Entstehungslegende des Jazz.

Danach widmet er sich ausführlich der Rollenpolyphonie mit Bläserbesetzung. Seine Ausführungen zur Rollenpolyphonie in Madagaskar sind zwar interessant, aber in einem Buch über „Jazz und lateinamerikanische Musik“ hätte es gereicht zu erwähnen, dass dieses Phänomen neben New Orleans und den Kleinen Antillen dort auch existiert, denn die vierseitige Passage trägt letztendlich nicht zur Erweiterung des Wissens über das eigentliche Thema bei. Die vielen, nach Meinung Hendlers, notwendigen Exkurse verdeutlichen den lobenswerten Anspruch des Autors, einen Sachverhalt im Stile der Universalgelehrten des 18. Jahrhunderts zu erklären. Leider uferen seine Ausführungen dabei häufig aus. Vor allem hätte er einen Großteil dieses Platzes/seiner Zeit besser in das Hauptthema investiert, dem noch viele Aspekte hinzuzufügen wären: So hätte ich in diesem Buch lieber weniger über den biblischen Evolutionismus gelesen, dafür mehr über die verschiedenen afrikanischen Substrate auf Kuba oder die Vermischung des Jazz mit Musikstilen in verschiedenen Ländern Lateinamerikas, z.B. in den Anden oder in Mexiko.

Hendler gibt wertvolle und detaillierte Hinweise zum Zusammenhang der afrikanischen Musik mit der Musik der Neuen Welt und leistet viel im Bereich der historischen und etymologischen Herleitung der Musik- und Tanzgenres, so z.B. der Biguine, des Samba oder der Bossa Nova. Dabei stellt er immer wieder interessante Bezüge zur Rassenproblematik her, die allerdings an manchen Stellen fast zwanghaft erscheinen.

Wenn sich der Autor dann auf S. 87 endlich dem Afro Cuban Jazz/ Cubop zuwendet, zeichnet er die Annäherung zwischen dem Jazz bzw. Bebop und verschiedenen lateinamerikanischen Musikstilen, vor allem aus Kuba und Mexiko, nach und belegt die dabei auftretenden Schwierigkeiten, vor allem der Schlagzeuger, die ungewohnten Rhythmen zu kopieren. Und er beschreibt, wie und warum die afrikanischen Rhythmen in Lateinamerika besser überleben konnten als im von protestantischen Angelsachsen besiedelten Norden des Doppelkontinents. Sechs Seiten weiter kommt Hendler zu dem Schluss, Afro Cuban Jazz sei gescheitert, ein Versuch, Unvereinbares zu vereinen. Das halte ich für ziemlichen Unsinn, der von einer verkürzten Sichtweise auf die Anfänge herrührt. Unzweifelhaft ist es bei einigen Aufnahmen nicht gelungen, die musikalischen Elemente gekonnt zu vermischen, aber was bedeutet es denn, wenn Dizzy Gillespie im Stück „Manteca“ (komponiert von Chano Pozo, Dizzy Gillespie und Walter Fuller) über Chano Pozos Congaspiel improvisiert? Muss er auf der Trompete eine clave oder einen cinquillo spielen, damit der Autor diese Musik als Einheit bezeichnet? Nein, denn dann wäre nichts Neues entstanden, sondern nur kubanische Musik auf der Trompete gespielt worden. Außerdem existieren heute zahlreiche Bands (Irakere, Afro Cuban Jazz Project etc.) die Jazz und afrokubanische Rhythmen sehr gut zusammenbringen.

Viele Aussagen des Autors beruhen auf rein subjektiver Wahrnehmung: Es mag ja sein, dass die Zwischenrufe in „Manteca“ nicht mehr den Charakter eines kubanischen Pregón haben. Aber daraus zu folgern, dass damit ein Afrikabild beschworen werden soll, welches seine Wurzeln im rassisch motivierten Exotismus der Weißen hat, zeugt nicht von sachlicher Behandlung des Themas, sondern von seiner Ideologisierung und Verlagerung hin zu einer Rassenproblematik. Das zeigt sich auch wieder in der Schlussfolgerung, die einzige gemeinsame Wurzel in der Vereinigung von Bebop und kubanischer Musik sei die bühnengerechte Erscheinung des „Edlen Wilden“. Da, wo der Autor provokant wird, bleibt er die Belege meistens leider schuldig. Viele Fragen, die er aufwirft und deren Nichtbeantwortung er der (Jazz-) Forschung vorwirft, kann er selber nicht beantworten und/oder begibt sich auf das weite Feld der Spekulation.

Im Literaturverzeichnis fehlen abgesehen von einigen Booklet-Texten spanischsprachige Quellen und somit wichtige Autoren zum Thema: Acosta, Derbez, Carpentier, Fernández, Orozco etc.; was sich vor allem im Kapitel über den Jazz auf Kuba negativ bemerkbar macht. Hinzu kommen sachliche Fehler. So war zum Beispiel Jazz auf Kuba nie offiziell verboten. Und auch wichtige englischsprachige Werke wie beispielsweise von Roberts, Salazar oder Cornelius wurden nicht zur Kenntnis genommen (oder nicht genannt).

Fazit: Ein Buch mit zahlreichen weitschweifenden Exkursen für Studenten der Musikwissenschaft, die hier eine Fülle an Hinweisen auf tatsächliche oder vermeintliche Forschungslücken erhalten, die sie mit zukünftigen Arbeiten füllen können, sowie für den ein oder anderen Leser, der sich für die musikalische Verbindung von Afrika und (Latein-) Amerika interessiert.

Fotos: amazon.de