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Mit dem Zug durch den Dschungel von Curitiba nach Paranaguá

Eisenbahnen sind in Brasilien fast schon ausgestorben. Und da wo sie noch fahren, ruckeln sie mit 15 oder 20 Stundenkilometer durch die Gegend. Das erträgt nur der, der es so gewollt hat. Wie die zahlreichen Wochenendausflügler, die die 110 Kilometer zwischen Paranás Hauptstadt Curitiba und dem kleinen Küstenstädtchen Paranaguá auf beschauliche Art und Weise zurücklegen wollen.

Wer komfortabel reisen und die Abfahrt zur Küste im Speisewagen erleben will, nimmt den teuren Litorina-Zug. Wer sich mit einer Dose Guaraná und einigen Gratiskeksen zufrieden gibt, sollte das Geld sparen und mit dem einfachen Zug vorlieb nehmen.

Los geht es an der Station Ferro-Rodoviária in Curitiba, auf 934 Meter Höhe. Der Zug schaukelt durch Curitibas europäisch angehauchte Vororte hinaus über die Wiesen des Hochplateaus. Auf dem ersten Teil der Strecke sitzt man besser auf der rechten Seite. Nachdem der Zug den Tunnel bei Roça Nova durchquert hat und der Abstieg durch das Küstengebirge der Serra do Mar beginnt, breitet sich der Stausee Caiguava prächtig zwischen den Hügeln und Bäumen aus, gefolgt von dem zweiten Stausee Ipiranga.

Hat man ein Stück weiter den Teufelstunnel verlassen, sollte man sich schleunigst auf die linke Seite setzen. Bald schon sieht man den Wasserfall Véu da Noiva, Brautschleier. In Brasilien heißt übrigens jeder zweite Wasserfall so. Höhepunkte der Fahrt sind die Passagen über die Brücke São João und über den Viaduto Carvalho. Von beiden aus hat man einen phantastischen Blick über das Küstengebirge Serra do Mar.

Noch heute ist man in Paraná stolz auf die Ingenieure und Streckenleger, die zwischen 1880 und 1885 die Trassen durch das unzugängliche Gebiet geschlagen haben und insgesamt 14 Tunnel in die Berge sprengten. Viele von ihnen stürzten in die tiefen Schluchten oder starben an Malaria.

Im Bundesstaat Paraná hat der Regenwald weniger gelitten als in anderen Regionen Brasiliens. Immerhin noch 12% seines ursprünglichen Bestandes existieren noch heute. Fast doppelt so viel wie im Landesdurchschnitt, der bei nur 7% liegt. Überlebt hat der Urwald hauptsächlich in für eine Bebauung oder landwirtschaftliche Nutzung ungeeigneten Gegenden wie den unzugänglichen Tälern der Serra do Mar. Dort liegt der Naturpark Marumbi, den der Zug nach 60 Kilometern und 2,5 Stunden Fahrt erreicht. Es sind Abenteurer die hier den Zug verlassen, um sich auf Wanderschaft durch die dichte Vegetation zu begeben.

Eine weitere Stunde später erreicht der Zug den verträumten Bahnhof von Morretes. Hier steigen die meisten Passagiere aus, um sich in den gemütlichen Cafes und Restaurants entlang des Rio Nhundiaquara von der schaukeligen Zugfahrt zu erholen. Wer weiter nach Paranaguá will, nimmt besser den Bus von Morretes Rodoviária aus, da die letzten 40 Kilometer bis Paranaguá im Zug viel Geduld erfordern.

Doch nicht nur Personenzüge bummeln über die 1885 erbaute Eisenbahntrasse. Paranaguá ist Brasiliens zweitwichtigster Hafen und so stauen sich die mit Agrarprodukten aus dem Hinterland beladenen Güterzüge oft auf den letzten Kilometern. Zudem bringen ständige Reparaturarbeiten am Gleisnetz den Verkehr endgültig zum Erliegen.

Paranaguá selbst bietet dem Besucher ein schmuckes historisches Zentrum. Wer Zeit mitbringt und nicht sofort nach Curitiba zurück möchte, kann von Paranaguá aus ein Boot zur Ilha do Mel nehmen, der Honiginsel. Die Fahrt durch die Bucht von Paranaguá dauert etwa zwei Stunden. Wer die Fähre in Paranaguá verpasst hat, kann mit dem Bus nach Pontal do Paraná fahren. Von dort legen alle 30 Minuten kleine Passagierboote mit Ziel Honiginsel ab.

Die Ilha do Mel liegt in der Bucht von Paranaguá. Sie besteht aus zwei lediglich durch einen Streifen Sand verbundenen Teilen. Der nördliche, größere Teil, Nova Brasília genannt, ist praktisch unbewohnt und wurde in ein Naturreservat umgewandelt. Der südliche Teil, Encantadas, bietet den Urlaubern Hotels, Restaurants und Campingplätze. Zum Baden geht man am besten an die dem offenen Meer zugewandten Strände, wie den Praia de Fora, Praia Grande, Praia do Miguel und dem Praia de Fora das Encantadas.

Auf dem Rückweg von Paranaguá nach Curitiba ist der die Berge erklimmende Zug fast leer. Mit dem Bus ist man in eineinhalb Stunden zurück in Curitiba, mit dem Zug sind es mindestens vier. Aber oft liegt ja gerade in der Langsamkeit ein gewisser Charme.

Fotos: Thomas Milz

Written by Thomas Milz

Thomas Milz

Seit 1999 ist Tom für den Caimán in Südamerika unterwegs, seit 2002 lebt er in Brasilien. Dort arbeitet er als Texter und Fotograf für den Bayerischen Rundfunk (BR), die Katholische Nachrichtenagentur (KNA), die Deutsche Welle (DW), die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) und andere Zeitungen und Magazine. Bibliografie: "Brasil Subtil" (deutsch, 2004), "O Brasil dos correspondentes" (portugiesisch, 2008, Herausgeber), "Joias de Crioula" (Fotobuch 2010). 

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