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[kol_3] Amor: Das Weihnachten, das Sie immer haben wollten...
 
"Ist das nicht ein bisschen heiß mit der Weihnachtsmütze auf dem Kopf?" Die Kassiererin lächelt gequält: "Ich schmelze. Aber ich darf das Ding nicht abnehmen." Draußen brennt die Sonne. Die Schlagzeilen des nächsten Tages werden den heißesten Tag des Jahres vermelden – 41,4 Grad Celsius. Und das wenige Tage vor Weihnachten, wo es in den Werbespots doch so kräftig schneit.

"Das Weihnachten, das Sie immer haben wollten – Sie kaufen jetzt, und zahlen die erste Rate im Februar!" In einigen Supermärkten kann man den Weihnachts-Truthahn in drei Raten kaufen, so angespannt ist die Kassenlage bei vielen brasilianischen Verkäufern und Käufern. Selbst für den, der einen Arbeitsplatz im öffentlichen Dienst hat, kann es beim Geschenkekauf eng werden.

Die Behörden haben kein Geld, das 13. Monatsgehalt entfällt. Solche Probleme plagen die blond gefärbten Damen auf dem Sofa in den Talkshows nicht: "Schon wieder Weihnachten – dabei war der Weihnachtsmann doch gerade erst da. Wie die Zeit vergeht! Ja, und Weihnachten ist so ein Stress geworden, die ganzen Geschenke, die man kaufen muss..."

Im Gegensatz zu anderen Ländern, in denen man die Baumkronen mit bunten Lichtern schmückt, drapiert man hier die Lichterketten möglichst weit unten. Ob dies einen tieferen Sinn hat oder die Leute einfach keine Leitern haben, konnte mir niemand erläutern. Dafür steht inmitten der Lagune Rodrigo de Freitas in Rio de Janeiro einer der höchsten Weihnachtsbäume der Welt. Ein künstlicher, natürlich, denn woher sollte man einen Tannenbaum von 85 Metern Höhe nehmen? Er kann unglaublich viele verschiedene Lichtfiguren erzeugen und tut dies auch unerlässlich, während blaue Laserbündel um ihn herum kreisen. Angeblich ist er mit so vielen Lampen behangen, dass man 15.000 normale Weihnachtsbäume damit zum glühen bringen könnte.



Ganz in der Nähe, auf der kleinen Insel Ilha Caiçaras in der Lagune, nur wenige Meter vom Ufer entfernt, steigt eine Weihnachtsparty. Die geladenen Gäste werden mit einem mit Lämpchen ausstaffierten Boot hin und her transportiert. "Nur für geladene Gäste!", verkünden die Wachmänner am Steg. "Das ist ein Privatclub!"

Wer weniger Geld hat, feiert zu Hause. Im Fernsehen jagt ein Weihnachtsmann den nächsten. "Kaufe ein Vivo-Handy und spreche mit drei Personen, die auch ein Vivo-Handy besitzen, für 0,07 Reais die Minute, zu jeder Zeit, ein Jahr lang." Nun, selbst wenn ich drei Personen kennen würde, die so ein Handy besitzen, über was sollte ich mich ein Jahr lang und dazu mit allen dreien gleichzeitig austauschen? Und wird das nicht auch ein bisschen teuer, 365 Tage x 24 Stunden x 60 Minuten x 0,07 Reias?

Und dann sind da noch die Shopping-Center, eine Art Walt-Disney-Weihnachtswelt. Überall blinkt und blitzt es. Kleine Kinder reißen sich darum, mit dem vor Hitze kollabierenden und von Klimaanlage halb erfrorenen Weihnachtsmann fotografiert zu werden. In einer kleinen Verschnaufpause frage ich ihn höflich: "Kann ich ein Foto von Ihnen machen?"

Da springt auch schon ein Wachmann des Hauses auf mich zu. "Want me to make a picture, friend?" O ja, ein Weihnachtsmann Brasiliens mit mir auf einem Bild. Der Wachmann hebt die Kamera und drückt den Auslöser, Sekunden nachdem mein Objekt der Begierde den Weg zum Klo angetreten hat.

Ich liebe brasilianische Weihnacht!

Text + Fotos: Thomas Milz

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