ed 12/2007 : caiman.de

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brasilien: Oscar Niemeyer wird 100 mit Zigarillo
Philosophisches zum Leben
THOMAS MILZ
[art. 1] druckversion:

[gesamte ausgabe]


cuba: Varadero - Auszüge aus einem Reisetagebuch
Teil 6: Zweiter Ausflug nach Havanna + Parque Retiro
NORA VEDRA
[art. 2]
spanien: Rezension: Unter dem Drachenbaum von Horst Uden
Legenden und Überlieferungen von den Kanarischen Inseln
BERTHOLD VOLBERG
[art. 3]
spanien: Cadaqués mit seinen Augen
DIRK KLAIBER
[art. 4]
helden brasiliens: Rettet die Mangroven!
Mario Moscatelli und der Kampf gegen den Müll
THOMAS MILZ
[kol. 1]
amor: Ibiza - Insel mit Aura
NORA VEDRA
[kol. 2]
macht laune: Sandy Klaus und der venezolanische Weihnachtsschwindler
DIRK KLAIBER
[kol. 3]
lauschrausch: Katalanische Liedermacher / Eduardo Galeano
TORSTEN EßER
[kol. 4]




[art_1] Brasilien: Oscar Niemeyer wird 100 mit Zigarillo
Philosophisches zum Leben

Viel wurde geschrieben über den Architekten Oscar Niemeyer. Über seine Kindheit in bescheidenen Verhältnissen. Über den Bau von Brasília, seine Aufgabe, ein neues Zentrum für Brasilien, das Land mit kontinentalen Ausmaßen, zu erschaffen. Über seine politischen Überzeugungen, die illustren Freunde und das gute Leben im Allgemeinen.

Aber warum sollte man über all dies noch einmal sprechen?

Wenige Wochen vor seinem 100-sten Geburtstag hat Oscar Niemeyer bei dem Genuss eines hervorragenden Zigarillo über das wirklich Wichtige im Leben philosophiert:

Wenige Dinge sind wirklich wichtig im Leben. Ich habe unendlich viel in meinem Leben gemacht, aber das ist alles nicht so wichtig. Das Wichtigste ist, gut zu leben und zu lernen, dass das Leben bloß eine Minute dauert, und dass es deshalb sinnvoll sein muss.

Das Leben an sich ist wichtig. Die Architektur ist es nicht. Natürlich ist es gut, über Dinge wie Kultur, Malerei und Kunst bescheid zu wissen. Aber essentiell ist das nicht. Essentiell ist das Handeln des Menschen im Angesicht seines Lebens.

Leben bedeutet, die Frau an seiner Seite zu haben, und dann kann komme was wolle. Im Grunde ist das alles.


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Fotos + Zigarilloanzünder:
Thomas Milz

[druckversion ed 12/2007] / [druckversion artikel] / [archiv: brasilien]





[art_2] Kuba: Varadero - Auszüge aus einem Reisetagebuch (Teil VI)
Ankunft / Erster Ausflug nach Havanna / Riesenlangusten ganz privat / Ausflug auf Cayo Largo / José + Fernsehen / Zweiter Ausflug nach Havanna + Parque Retiro / Trinidad / Der Inder / Abreise

Zweiter Ausflug nach Havanna + Parque Retiro

Wieder drei Stunden Busfahrt hinter mir. Wieder in La Habana. Als ich aussteige, steht auf einmal der kleine französischsprachige Mann – mein drei Stunden schweigender Sitznachbar – neben mir. Und ebenso zwei fast identisch gekleidete Männer (weiße kurze Hose, weißes T-Shirt, weiße Sonnenhütchen, große Schuhe und Taschen) aus der Reihe dahinter. Sie fragen mich, ob ich Havanna kenne. Ich berichte, dass ich nur einen Tag hier verbracht hätte. Sie haben keinen Stadtplan und auch keinen Reiseführer. Sie wollten einfach in die Sonne, eigentlich wäre ihnen die Dominikanische Republik lieber gewesen, aber es hätte keine Flüge mehr gegeben. Ich fange also an, ihnen zu erklären, wie sie zu den wichtigsten "Sehenswürdigkeiten" kommen. Sieht man mir an, dass ich einmal Reiseleiterin war? Oder ist es mein eigener "missionarischer Eifer"? Sie schauen jedenfalls sehr hilflos aus. Also mache ich ihnen noch eine Zeichnung auf einem Zettel aus meinem Tagebuch. Da sagt mein Sitznachbar: Aber wir können dich als Frau doch nicht hier ganz allein herumgehen lassen. Es ist sicher gefährlich. Er sieht eigentlich eher wie ein Alternativling aus und so bin ich ziemlich überrascht über diese Aussage, durchschaue aber das Manöver. Ich sage, dass das "très gentil" sei und ich sie bis zum Capitolio brächte, dort könnten sie sich leichter orientieren. Ich gehe den gleichen Weg, den ich bei meinem letzten Besuch mit Nanci und Mann gegangen bin. Deute mit professioneller Geste auf das Schiff im Glasbau: Das ist die berühmte Granma. Mais qu’est-ce ce la Granma?

Als wir den Arkadengang des Hotels Plaza entlanggehen, fällt mir ein, dass mir ein alter Bayer – ungebetener Gast am Frühstückstisch – erzählte, letztes Jahr hätte er im Hotel Plaza logiert und dass er immer auf der Terrasse gesessen sei. Ich will kurz einen Kaffee auf dieser Terrasse nehmen. Zwänge mich mit den Kanadiern in einen vollen Aufzug. Ein Zimmermädchen macht einen der Weißgekleideten darauf aufmerksam, dass seine Geldbörse aus der Tasche der Shorts herausragt. Die Terrasse bietet eigentlich nichts außer einem Blick nach unten. Also kein Kaffee.

Links das Grün von Bäumen, das Capitolio dahinter, ansonsten Verfall soweit das Auge reicht. Unten auf der Straße wird ein ganz langer überfüllter Bus, im Rosa der Männerschnittenpackung lackiert, gerade von einem eleganten blauen (was ich für mich "cubanisches Blau" nenne) Oldtimer überholt. Sonst besteht der Straßenverkehr aus Radfahrern und Fußgängern. Wir fahren mit dem Aufzug wieder nach unten. Ich führe die Männer zum Capitolio und erkläre ihnen nochmals den handgefertigten Plan. Wir vereinbaren, uns um vier Uhr vor der Kathedrale zu treffen und dann gemeinsam mit dem Taxi zum Busterminal zu fahren. Sie sagen mir nochmals, dass ich die "Gefährlichkeit" hier nicht unterschätzen solle. (Sie wissen nichts von der universellen Liebesaffäre zwischen mir und den Cubanern.)

Ich gehe eine Straße hinter dem Capitolio entlang, also dem Altstadtkern entgegengesetzt. So viele Menschen auf der breiten Straße. Kein einziger Tourist (zumindest nicht als solcher erkennbar). Ich gehe und gehe. Ich finde nichts, dass mein Misstrauen oder meine Angst erwecken würde.

Habe eher das Gefühl, jederzeit auf irgendeinen beliebigen Passanten zugehen, ein Gespräch über dies oder jenes anfangen zu können, das dann, wenn es einem von beiden langweilig wird, ganz einfach beendet wird. Ich gestehe meinen Genuss über dieses mühelose Eintauchen in diese "exotische Welt", darüber, dass ich für eine ganz kurze Zeit so tun kann, als wäre ich eine Figur in einem Roman oder gar, als hätte ich ein Leben hier. Ich weiß, es ist absurd. Rundherum zerbrechendes, berstendes Havanna.

Gebäude, die nur mehr vom guten Geist oder dem guten Willen ihrer Bewohner vor dem Einstürzen bewahrt werden. Gebäude, die einmal wunderschön gewesen sein müssen. Aber was bedeutet das jetzt schon? In diesem Viertel gibt es kein einziges durch ausländisches Kapital oder schöngeistige Institutionen gerettetes Gebäude.

Wie schaffen es die Menschen hier, immer so gepflegt zu erscheinen, mit Bügelfalten in den Uniformhosen und kunstvollen Frisuren? Ein Rätsel angesichts der Wohnungen, in die ich beim Vorbeigehen unwillkürlich hineinsehe.

Wechsel in den Luxus. Kaffee im Hotel Inglaterra. So traditionsreich und oft zitiert, dass ich nicht anders kann, als hineinzugehen. Die Hotelhalle im maurischen Stil, Kacheln, Plafond, Schmiedeeisen, aber trotzdem ein Hauch von "Ostblock". Die Bedienung ist freundlich. Unterhält sich dann aber lange mit einem Kollegen. Es ist mir klar, dass sie meine Bestellung längst vergessen hat. Ich rufe sie nochmals. Beide tun wir so, als hätte ich hier noch nie etwas bestellt. Eine blond gefärbte ältere Dame spielt Klavier. Ich schreibe ein bisschen in meinem Tagebuch. Ja, auch García Lorca liebte Cuba (gleich neben dem Hotel liegt ja auch das Teatro Lorca). "Wenn ihr mich sucht, sucht mich in Granada oder in Cuba", soll er gesagt haben. Verständlich. Auch jetzt und trotz allem. Ich versorge mich im winzigen Hotelshop noch mit einem neuen Film für die Kamera. Auch wenn sonst niemand da ist, dauert das alles verhältnismäßig lange. Wie in allen Tourismuseinrichtungen stehen auch hier bei der Kassa zwei Angestellte, und der Einkauf wird in eine eigene Liste eingetragen und paraphiert. Ich gehe auf die Toilette, wo mir die Klofrau – selbst hier Rationierung, denke ich – drei Abschnitte Klopapier in die Hand drückt.

Ich will mir nochmals die schön restaurierten Gebäude der Calle Obispo ansehen. Auf dem Weg dorthin zerrt mich plötzlich einer an der Hand (der wirklich einzig ungute Typ bisher), und will, dass ich in einem bestimmten Restaurant esse. Ich sage, dass ich nichts essen möchte. Er fragt mich, wo ich sonst essen werde.

Ich wiederhole, dass ich jetzt nichts essen möchte. Er lässt von mir ab. Ich gehe in ein als "Buchhandlung" beschriftetes Geschäft. Es gibt nur ganz wenige Bücher (maximal 40 Stück). Ich kaufe ein Buch von einem spanischen Autor, weil es relativ preisgünstig ist und habe ein schlechtes Gewissen, den Buchmangel auf der Insel dadurch noch zu vergrößern. Es gibt auch mehrere Ständer mit Ansichtskarten. Es sind sehr ästhetische Ansichtskarten. Die Tourismusbehörde weiß, was die Ausländer lieben. Schön restaurierte Paläste, Tänzerinnen mit langen Beinen und Federhüten im Tropicana, natürlich el máximo líder selbst und die Ikone Che Guevara. Ich kaufe gleich ein paar. Frau trägt den Kauf wieder in eine Liste ein. Eine zweite sieht ihr dabei zu und teilt mir mit, dass ich an der Kassa zahlen muss (die ist ca. drei Schritte entfernt). Blöderweise habe ich nur einen 10-Dollar-Schein. Man sagt mir, dass das nicht gehe. Ich will also das Buch und die Ansichtskarten da lassen und gehen. Aber das geht auch nicht. Die Verkäuferin sagt, dass ich warten solle. Sie verlässt das Geschäft. Ich beginne, in dem Buch zu lesen. Eigentlich finde ich das Buch von Terenci Moix jetzt langweilig und bin enttäuscht. Als die Verkäuferin wiederkommt, hat sie 10 einzelne Dollarscheine, die sie den anderen Verkäuferinnen zeigt. Ich bekomme mein Wechselgeld und gehe.

Ich folge der Musik einer Live-Gruppe. Überall Musik. Auch eine Waffe der Revolution. Das Café hat einen schönen alten Holztresen, riesige Ventilatoren an der Decke, senfgelbe Wände und spanische Fenstergitter. Kaum Menschen hier. Die Band macht gerade Pause. Ich merke, dass ich meine Bestellungen schon mit "hay" einleite. Ja "es gibt" Kaffee, aber keine Milch. Auch gut. Draußen auf der Straße stehen zwei tratschende Revolutionsgardisten. In einem der restaurierten Häuser ist eine Bäckerei, Kekse gegen Dollars. Ich stelle mich unsicher in eine Schlange. Die vor mir stehende Frau dreht sich um, mustert mich, sagt mir, dass sie dieses und jenes (ich kenne diese Kuchennamen nicht) haben wolle und dass ich es ihr kaufen solle. Ich weise das Ansinnen von mir. Und sie sagt ganz laut zu einer anderen Frau, eingeleitete mit einem Ayyyyyyy: wie hart doch das Herz der Ausländerin sei.

Restauriert sind auch das Haus des Gesichtsschreibers und die Apotheke. Im Palacio del Conde Lombillo residiert jetzt eine Parteieinrichtung, eingelassen in die Fassade der koloniale Briefkasten mit einem Mund als Briefschlitz. In irgendeinem – zweifellos veralteten – Reiseführer habe ich gelesen, dass man in der Casa del Agua auch heute noch ein Glas steinfiltriertes Wasser gereicht bekommt. Ich gehe hinein, verlange Wasser und bekomme eine kleine Plastikflasche Mineralwasser, wie immer für einen Dollar.

Im Restaurant daneben wenig Gäste, aber eine Band vom Feinsten mit Gitarren, Flöte, Bass, Geige und maracas. Das Repertoire kenne ich schon, vielleicht wird es ja auch zentral geplant. Im Park in der Platzmitte sitzen Cubaner unter alten Bäumen und lauschen der Musik. In der Mitte das Denkmal vom "Padre de la patria", Carlos Manuel de Céspedes. Den Informationen meines Reiseführers zufolge soll der Anwalt und Zuckerpflanzer 1868 seine Sklaven befreit und den ersten Unabhängigkeitskrieg begonnen haben. Die Bücherstände. Nein ich besuche meine Freunde lieber nicht. So wenig Zeit bis zur Abfahrt des Busses. Immer habe ich Zeitprobleme, egal wo ich bin. Die wahre Exotik in meinem Leben ist wahrscheinlich die Zeit.

Inzwischen weiß ich, dass es im Castillo de la Real Fuerza doch eine Sehenswürdigkeit gibt, die winzige Bronzestatue auf der Spitze des Festungsturms. Die Giraldilla, die eine sehnsüchtig ("Sehnsucht" – Cubas Leitmotiv) auf ihren Gatten, den Eroberer und Gouverneur De Soto, wartende Frau darstellt, ist aber auf den Rumflaschenetiketten (Havana Rum) ohnedies besser erkennbar.
Ich schaue in einen Innenhof hinein und bin auch schon mitten im Geburtshaus von Alejo Carpentier. Die Holzbalkone, Fenster und Türen sind in diesem typischen Blau gestrichen. Eine Palme wächst in den Himmel hinauf. Der Wärter ist betrübt, weil ich die Räume nicht besichtigen will. Seiner Meinung nach gibt es hier viel zu wenig Besucher. Ich erkläre ihm meinen Zeitmangel, und er bietet mir an, ein Foto von mir zu machen.

In einem anderen Innenhof kann ich mich den von den Wächterinnen angepriesenen Verheißungen nicht entziehen. Denn ich bin im "arabischen Museum". Um den Reiz der Ferne auszukosten, zahle ich einen Dollar und bekomme eine persönliche Führerin. Es ist völlig uninteressant, und ich will nur möglichst schnell weg. Die Führerin erklärt mir, dass in "jenen Ländern" die Frauen nicht emanzipiert seien und sich verschleiern müssten. Sie zeigt mir eine in einen Tschador gehüllte Schaufensterpuppe. Da steht auch ein Korb, wie der, den ich im Jemen erstanden habe, mit einem Schild "typischer Korb". Ich begreife wieder, wie anders die Sicht der Welt von Cuba aus ist. In einem Raum gibt es minzgrün gestrichene Sessel und eine Tafel mit arabischen Schriftzeichen. Ein paar Kinder lernten hier Arabisch, erklärt sie mir. (Ich würde mich gerne eine Weile niederlassen und in aller Stille meine Eindrücke aufschreiben.)

Die Führerin hat jetzt Vertrauen zu mir gefasst und fragt mich, ob ich nicht an Häkeldeckchen interessiert sei, ihre Tochter - eine wahre Künstlerin. Nein, ich möchte keine Häkeldeckchen (ich verabscheue sie geradezu). Im Patio gibt es grüne Tischchen und Sessel unter gefiedertem Palmenschatten. Ein Mann mit roter Mohrenmütze serviert Tee.

Ich lasse mich im nächsten Innenhof nieder, das Restaurant darin heißt schlicht und einfach "El Patio". Die Tische und Sessel sind Kreationen aus Schmiedeeisen, die Sitzfläche der Sessel ist mit Kacheln ausgelegt. Ich bitte den alten Mann, der vor der Klotür Servietten verteilt, von mir ein Foto auf einem solchen Sessel zu machen. Er sagt mir, dass die Kette, die ich trage (5 Ketten für einen Dollar), gut gegen die bösen Geister sei. Ich sage ihm, dass ich das bereits wisse und sie gerade deshalb gekauft habe. Ich verschwinde, weil ich ahne, dass er mir irgendetwas verkaufen möchte.

Im Innenhof eines offiziellen Gebäudes beeindruckende Säulengänge, eine Statue, Palmen, so groß, dass sie über den steinernen Palast hinausragen. Eine Frau in Uniform kommt auf mich zu. Ich frage, ob ich ein Foto machen dürfe. Ja, natürlich. Ich vergesse zu fragen, wo ich eigentlich bin. Sie sagt, ich solle mitkommen, sie habe etwas, das mich interessieren würde. Ich vermute Häkeldeckchen. Doch sie schließt die Tür zu einem kleinen Zimmer auf, hier liegen Bücher und Poster auf einem Tisch.

Sie sieht mich beschwörend an und sagt, dass ich mich sicher für die Situation und Geschichte der schwarzen Frau auf Cuba interessiere. (Sie ist eine Schwarze). Natürlich antworte ich mit ja. Sie zeigt mir ein Buch, eine wissenschaftliche Studie. Ich blättere sie durch. Bin schon fast dabei, sie zu kaufen, als mir einfällt – ein Dollar da und ein Dollar dort – eigentlich habe ich nicht mehr so viel Geld. Ich erkläre ihr, dass ich in Varadero stationiert sei und nicht genug Geld dabei habe. Sie reicht mir ein anderes Buch, es ist ein Kinderbuch, dünner und viel billiger. Es ist von einer schwarzen Frau geschrieben, erfahre ich. Ich schlage es auf, und finde lautmalerische Reime. Ich wiederhole, dass ich kein Geld habe, leider nichts kaufen könne. Nun bietet sie mir ein Che Guevara Poster an. Noch billiger. Ich kaufe es nicht. Auch keine Ansichtskarten mit dem jungen Fidel Castro.

Ich komme auf die Idee, sie zu fragen, ob es auf Cuba Rassismus gibt. Eigentlich kann ich es mir nicht vorstellen. Sie fängt bei der Geschichte der Sklaverei an, würdigt die cubanische Revolution gebührlich, und stellt dann fest: Im offiziellen Leben gibt es keinen Rassismus. Ich kann nicht anders, als zu fragen: Und im privaten? Eine weiße Familie wird nicht wollen, dass ihre Tochter einen Schwarzen heiratet. Und nach einer Pause. Und umgekehrt auch. Ich bedanke mich für all ihre Erklärungen. Weil sie mich so enttäuscht ansieht, gebe ich ihr doch noch einen Dollar. Sie ruft mir nach, dass ich sie das nächste Mal, wenn ich nach Cuba komme, wieder besuchen solle.

Heute sind zwei Santeras auf dem Platz vor der Kathedrale. Die, die ich schon das letzte Mal gesehen habe und eine unglaublich Dicke. Weißes Kleid, weiße Tücher um den Kopf gebunden, einen Buschen roter Blüten in das Tuch hineingesteckt, Samenketten um den Hals und eine Havanna im Mund (was wenig spirituell anmutet, aber die Götter hier haben wahrscheinlich ohnedies andere Maßstäbe, was spirituell ist und was nicht).

Den Touristen gefällt es. Sie fotografieren sie von allen Seiten. Der Schemel vor ihr ist leer. Ich setze mich schnell.

Die Santera sieht mich lange und eingehend an. Mit einem Wasserglas in der Hand beschwört sie die Ahnen. Im Wasser spiegelt sich die Kathedrale. Sie spricht viel, meistens gereimt, vieles wiederholt sich. Es ist viel dabei, was ich nicht als Wörter im eigentlichen Sinn identifiziere, Lautmalerisches wie im Kinderbuch, Rhythmus von sanften Trommelschlägen. Sie zeigt mir drei Karten, die ihre persönlichen Schutzgötter darstellen. Ich merke mir nur "Olofri". Sie legt mir die Karten. Auf den Karten mir völlig unbekannte Symbole, erdige Farben, vielleicht unterschiedliche Bohnenhäufchen? Ich muss 20 Karten ziehen. Sie legt sie nach einem bestimmten System auf. Besonders betont sie, dass auch ich die Karte des Olofri habe und es gut sei, dass ich zu ihr gekommen sei. Olofri ist der Gott der Sonne. Eine Art Übergott. Ich habe auch die Karte des Triumphs, es ist ein wichtiges Jahr für mich. Sie redet viel. Doch die Welt, die dahinter steht, die Namen der Götter, Rituale so unbekannt, dass ich glaube, nichts zu verstehen. Anscheinend erkennt man meine Ratlosigkeit. Knapp neben mir haben sich spanische Touristinnen – die Vertraulichkeit der Konsultation ignorierend – aufgebaut. Eine fragt die Santera, wozu sie mir das erzähle, wahrscheinlich komme ich aus "Nordeuropa" und verstünde kein Wort. Ich mische mich ein, teile ihr beleidigt mit, dass sie sich keine Sorgen machen solle, die Sprache wäre nicht das Problem. Weil ihr jetzt nichts mehr einfällt, um verbal zu stören, macht sie ein Foto aus unmittelbarer Nähe.

Die Santera lächelt vor sich hin, beginnt jetzt, mir Lebenshilfetipps zu geben. Ich müsse jeden Tag eine schwarze Puppe neu einkleiden. Ich bin so perplex, dass ich nichts frage, nicht – warum? – nicht – mit welchen Kleidern, wie viele Tage? – was passiert dann? Aber ganz wichtig wäre es für mich, in Kokosmilch zu baden, dabei Kokosbutter auf dem Kopf zergehen zu lassen. Vor Besteigen des Bades müsste ich weiße Blüten in die Kokosmilch streuen. Es ist ein schönes Bild. Ich sehe mich in meinem weißgekachelten Badezimmer, in der weißen Badewanne voller Kokosmilch und weißer Blüten (am liebsten wäre mir Jasmin). Aber auch jetzt starre ich nur vor mich hin, vergesse zu fragen. Was mir viel Glück bringen würde, wäre jedenfalls, einen Sack voller Bonbons zu kaufen und an Kinder in Havanna zu verteilen. Das ist schon praktischer und vor allem verständlicher. Ich müsse mir auch Sonnenbrillen kaufen. Jetzt kommt endlich ein – Warum? – meinerseits. Weil Olofri eben mein Gott sei, und ich ihn jeden Tag anschauen sollte. Ich sei überhaupt eine sehr spirituelle Person, so wie es nur wenige gäbe. Sie sagt mir noch, dass meine Mutter für mich wichtig sei.

Dass ich ein Kind hätte. Ich verneine. Dann müsse es eben erst noch geboren werden, stellt sie ohne zu zögern fest. Ich müsse viel lachen, tanzen und mich unterhalten. Sie weiß, dass ich gerne tanze. Und dass Cuba gut für mich ist.

Die Kanadier sind auch schon da, wir gehen zum Platz mit den Taxis. Ich werfe noch einen Blick auf eine ca. halben Meter lange aus Holz geschnitzte Statue. Jetzt bedaure ich wirklich, kein Geld mehr zu haben. Die Frau erklärt mir, dass die Figur eine aztekische Prinzessin darstelle. Es gäbe auch eine Statue vom dazugehörigen Prinzen.

Die Kanadier wollen, dass ich den Taxipreis herunterterhandele. Wir sind doch ohnedies zu viert, meine ich, das Feilschen hassend. Ich frage dann doch drei taxistas, aber der Preis ist überall der gleiche. Wir fahren ein Stück den Hafen entlang. Erschreckend. Endzeitstimmung. Riesige rostige Schiffe, Wracks. Hier hat das Meer nichts Freundliches. Der neben mir Sitzende sagt ungläubig und völlig überflüssig auf Französisch: Ist das der Hafen? Der Taxifahrer sagt auf Spanisch: Ja, das ist der Hafen. Die Kanadier erzählen mir, dass sie die Kathedrale besichtigt und die ganze restliche Zeit in einem Restaurant verbracht hätten, das Essen hätte unendlich lang gedauert. Sie fragen mich, warum ich die Santera konsultiert hätte, ob ich an so etwas überhaupt glaube. Weil ich eine spirituelle Person bin, antworte ich, dass ich daran glauben würde, wie an vieles andere, auch wenn ich es nicht verstünde.



Parque Retiro
Heute Nachmittag ist es mir zu kalt am Meer. Da ich es zu Fuß von meinem Hotel maximal bis zur 36. Straße von Varadero schaffe, nehme ich ein Taxi, um den Parque Retiro zu besuchen. Der Reiseleiter hatte ihn beim Begrüßungsempfang empfohlen. Ich bin verwundert, als das Taxi vor einer Schranke hält. Ich muss einen Dollar zahlen, die Schranke hebt sich, das Taxi fährt noch ein paar Meter. Ich darf aussteigen. Verdörrte Rasenflächen, ein paar schöne alte Bäume, Tischchen mit den üblichen Souvenirs, keine Menschen. Ein Park ohne Kinder. Leere Restaurants. Ich wandere ein paar Wege entlang. Der Park ist unerträglich deprimierend. Ich marschiere hinaus, die Straße immer geradeaus. Ich komme zu einer Baustelle, die Arbeiter rufen: Baby, Baby! Sie winken. Ich winke. Alle Arbeiter sind schwarz. Ich kann nicht beurteilen, ob das Zufall ist. Viele Baustellen. Gestern hatte ich im Fernsehen gesehen, dass Fidel Castro wieder einen Vertrag mit einer kanadischen Hotelkette unterzeichnet hat. Man sagte, dass dies in Form einer "empresa mixta" geschehe und der Revolution dienlich sei. Diesen Teil von Varadero finde ich furchtbar, keine leer stehenden verwunschenen Holzbungalows mehr, keine Schaukelstühle in den Veranden, nur Straße, Hotels, Baustellen.

Ich beschließe, kein Taxi für die Rückfahrt zu nehmen, sondern den Strand mit Blick auf rosa Sonnenuntergangshimmel entlang zu wandern. Ich spaziere barfuß im feuchten Sand. Der Wind ist sehr kühl. Ich trage schon seit Tagen abends den gleichen Pulli, den einzigen, den ich in meiner halbstündigen Packaktion knapp vor Abflug mitgenommen habe. Irgendwann sehe ich ein Lokal in einem Holzhüttchen ohne Gäste. Müde setze ich mich, endlich verlange ich einen Mojito (egal wie oft die Minzblätter schon wiederverwertet wurden). Er wird im Plastikbecher von einem weißen, alten und ziemlich dünnen Mann serviert. Dieser bringt auch gleich seine Gitarre mit. Er setzt sich neben mich.

Das Rosa des Himmels ist jetzt noch intensiver, durchwoben mit Fäden milchigen Blaus. Gleich wird die Sonne im Meer versinken. Das Meer geräuschlos und unbewegt, Palmen, ein schmusendes Paar im Sand. (Wie auf einer Fototapete aus den 70er Jahren.)

Der Mann beginnt – wie könnte es anders sein – mit Guantanamera. Zwischen den Liedern fragt er mich, ob es mir gefalle und ob ich noch etwas trinken wolle. Drei junge Mädchen nähern sich dem Lokal.

Der Mann sagt ihnen, dass sie sich zu mir setzen sollen, obwohl alle anderen Tische frei sind. Er verschwindet mit der Bestellung für eine Weile. Die Mädchen erzählen mir, dass sie aus Mexiko kommen und hier eine Woche Urlaub machen. Sie wundern sich ein bisschen, dass ich hier so allein vor dem Sonnenuntergang sitze. Ich bin es gewöhnt, als Alleinreisende bemitleidet zu werden und sage einen dramatischen und geheimnisvoll banalen Satz in der Art von: Hay cosas que no se dejan cambiar. Sie wechseln das Thema, wo es denn hier gute Discos gäbe. Ich weiß nur, dass es in meinem Hotel eine Disco gibt, derentwegen ich das Zimmer gewechselt habe. Soviel ich jedenfalls mithören musste, war die Musik nicht besonders gut. Noch dazu mit nervtötender Animation. Der Mann ist wieder da und nimmt Gesang und Gitarrespiel erneut auf. Die Mädchen singen mit. Cielito lindo – voller Hingabe und eben mit mexikanischem Akzent. Ich kann den Text eigentlich auch, nur leider nicht singen. Ich bin so müde, dass ich noch eine ganze Weile dasitze. Die Sonne ist längst untergegangen. Der Mann bietet mir an, mich an seinem freien Tag zu Verwandten auf dem Land zu bringen, damit ich das cubanische Land kennenlerne. Wir könnten auch in die Kirche von Matanzas gehen. Er wüsste auch ein Transportmittel. Er schaut zufrieden. Ich weiß, dass ich den Ausflug mit ihm sicher nicht machen will, drücke mich aber davor, das so klar und deutlich zu sagen. Lüge, dass ich wiederkommen werde, um das genauer zu besprechen. Er sagt, dass er mir dann eine selbst besungene Kassette schenken werde. Ich verabschiede mich mit schlechtem Gewissen, aber man kann nicht alle Angebote annehmen.

Text + Fotos: Nora Vedra

In der nächsten Ausgabe folgt Teil 7: Trinidad

[druckversion ed 12/2007] / [druckversion artikel] / [archiv: kuba]





[art_3] Spanien: Rezension: "Unter dem Drachenbaum" von Horst Uden
Legenden und Überlieferungen von den Kanarischen Inseln

"Unter dem Drachenbaum" ist ein gut gewählter Titel für eine Sammlung von historischen Legenden und vom Autor Horst Uden (1898 – 1973) anlässlich seiner Reisen in den 1930er Jahren selbst erlebten Anekdoten über die Kanarischen Inseln.

Denn geheimnisvoll und urtümlich wie ein Drachenbaum, wie jener Dinosaurier unter den Bäumen, präsentieren sich die von Uden spannend formulierten Legenden von den "Inseln der Glückseligen", von denen die meisten noch aus der Zeit der Guanchen stammen.

Der Autor geht also zurück zu den historischen Wurzeln der Kanarischen Inseln und gibt den Sagen der von den Spaniern verdrängten Ureinwohnern wieder eine Stimme - wie in der Erzählung über das Wunder des "Regenbaums" auf der mysteriösen und kleinsten der sieben bewohnten Inseln des Archipels: El Hierro.

Für jede einzelne der Kanaren präsentiert der Autor jeweils mindestens eine mythische Legende aus der Guanchenzeit vor der spanischen Eroberung und mindestens eine Episode aus der spanischen Epoche nach dem 15. Jahrhundert, manchmal ist auch eine selbst erlebte Kuriosität aus dem 20. Jahrhundert dabei. Und Horst Uden vergisst auch nicht, der nicht existenten "Phantasie-Insel" San Borondón eine amüsante Erzählung zu widmen.

Die Motive dieser Sammlung kanarischer Geschichten ist sehr abwechslungsreich. Von tragischen Dramen (die leidenschaftliche Liebesgeschichte von Mirca und Niquiomo auf La Palma) über mythologische Märchen (z.B. über den Ursprung der beiden uralten Kiefern von Vilaflor auf Teneriffa) bis hin zu humorvollen Momenten (der "Drachentanz" beim Fronleichnamsfest auf Lanzarote oder eine "entgleiste" Prozession, die auf der Insel La Gomera den ersehnten Regen herbei zaubern soll), ist alles vertreten.

Dabei mag für manch jüngeren Leser der Erzählstil von Horst Uden gewöhnungsbedürftig sein. Eine Kostprobe: "Tiefblau, wolkenlos, strahlt der Himmel wie dunkler Saphir, in den der Kegel des Teide sein flimmerndes Haupt stößt. Golden schießt die göttliche Magec, die ewige Sonne, ihre segensspendenden Pfeile über das glückliche Tal von Arautápala."

Die Sprache des Autors ist auch ein Zeugnis deutscher Spätromantik, damit beschreibt er die Kanaren mit den Augen und Worten, wie viele Reisende des 19. und frühen 20. Jahrhunderts diese zauberhaften Inseln sahen – lange vor dem an manchen Stellen verheerenden Bauboom, der durch den Massentourismus und Spekulantentum ausgelöst wurde. Horst Udens Werk ist ein Sprachdokument aus einer Zeit, in der Reisen noch das Privileg einiger weniger Auserwählter war. Und es ist nicht frei von Pathos. Das mag nicht jedem Geschmack entsprechen, aber jedenfalls ist seine Sammlung kanarischer Impressionen für jeden wirklich interessierten Besucher der Kanarischen Inseln ein Muss, da sie eine Fülle von facettenreichen Eindrücken und kulturhistorischen Hintergrundinformationen gibt.

Text: Berthold Volberg


Kontakt zum Verlag:
Zech-Verlag, Santa Cruz de Tenerife
Tel./Fax: 0034-922302596
Email: info@zech-verlag.com
www.zech-verlag.com

[druckversion ed 12/2007] / [druckversion artikel] / [archiv: spanien]






[art_4] Spanien: Cadaqués mit seinen Augen

Eigentlich müsste man nicht weiter belohnt werden für den kurzen Aufstieg auf 250 Meter Höhe, denn die Halbinsel Cap de Creus im äußersten Nord-Osten Spaniens gelegen und an Frankreich grenzend ist aus jedem Winkel betrachtet eine Augenweide. Vorherrschend sind das zarte Grün der Olivenbäume, des Rosmarins und des Thymians, das Braun der verschiedenen, oft trockenen Erdschichten und natürlich die Blauschattierungen des immer zum Greifen nahen Meeres. Kaum 40 Minuten nach Verlassen der Bucht Cala Joncols erspäht man das Mittelmeer-Städtchen Cadaqués und weiß sich schon jetzt zur Erholung in einem der wassernahen Restaurants am Weine labend.

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Je näher es rückt, desto bezaubernder sein Lockruf und dann ist Cadaqués auch schon erreicht. Auf zwei kleine Buchten und einen felsigen Weg entlang zwischen Wasser und Häuserfront folgt ein kurzer Gang durch die engen Gassen vorbei an der Kirche zur Hauptbucht. Auf der anderen Seite der Bucht führt der Weg immer am Wasser entlang und das Panorama, die Komplettansicht der Stadt, zeigt sich in immer neuem Sichtwinkel.

Es ist die einzigartige Lage und der Blick vom Wasser aus, vom Strand, von der Promenade oder von einem der unzähligen kleinen Stege, der Blick auf die Stadt mit den kleinen Booten zu Wasser und an Land, den Tischen und Stühlen vor den Tapabars, den weiß getünchten Häusern mit den blauen Fensterläden im gleißenden Licht der wärmenden Sonne. Es ist genau dieser Panoramablick, der die Ruhe und den alles bestechenden Charme Cadaqués zunächst ausmacht.

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Brutal aber, wie es nur der Mensch gegenüber seines Gleichen und einer Stadt sein kann, wird der Blick immer wieder dem Panorama entzogen und anhand einer rigiden Bildblicklenkung nicht nur auf Details, sondern auf einen Vergleich dieser mit ihren Abbildungen gelotst. Manch einer mag sich unweigerlich mit der Frage konfrontiert sehen: „Wessen mächtiges Kleinhirn war von solch imagepolitischer Fehlzündung geleitet?“

Der Erklärung im Detail soll schuldig geblieben werden, nicht aber der Nennung des beraubten Künstlers, der - völlig unabhängig davon, ob gemocht oder gehasst, genial wirr oder rein ökonomisch agierend, politisch korrekt oder faschistoid – sich der Verballhornung seiner Werke, die in Cadaqués einem disneyfizierten Konzept zum Opfer fallen, nicht mehr erwehren kann. Salvador Dalí, der sich zu Lebzeiten sein eigenes Museum erschaffen hat – in Figueras und nicht in Cadaqués -, würde nun miterleben müssen, wie Touristen zur Saison in Heerscharen mit den Fingern auf seinen Bildern herumtatschend nach Gemeinsamkeiten mit der in den Hintergrund gedrängten Stadtansicht forschen.

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Wozu dieser gesteuerte Bilderblick auf die Stadt? Zum Aufbau eines konkreten Images und zur Erzeugung von Massentourismus durch Musealisierung. Allein der Name lockt: Salvador Dalí. Im Volksmund ist der Begriff Surrealismus unweigerlich gekoppelt mit Dalí. Die Imagepolitiker aus Cadaqués wünschen sich einen ähnlichen Erfolg für das Begriffspaar: Cadaqués / Salvador Dalí. Cadaqués ist Dalí-Stadt. Wohnstadt. Figueras hat es vorgemacht. Figueras ist auch Dalí-Stadt. Geburtsstadt und Museumsstadt. – Erzählt man, man fahre nach Figueras, so bringt man Licht auf die Stirnfalten seines Gegenübers, erwähnt man im Anschluss den spanischen Künstler: Aha! Dalí-Museum. Kenne ich.

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Warum aber sollen noch mehr Touristen in das bezaubernde kleine Städtchen gelockt werden? Im Sommer zur Hauptferienzeit gleicht ein Besuch Cadaqués einem Einkaufsbummel auf der Haupteinkaufstraße einer deutschen Großstadt am letzten Samstag vor Weihnachten. Mehr Touristen kann Cadaqués gar nicht verkraften. Wählt man nicht den Weg zu Fuß, sondern mit dem Auto, so gelangt man nach Cadaqués über die Landseite und trifft zunächst auf einen riesigen unprätentiösen Touristrom-Parkplatz. Auch das verträumte fehlt, denn Cadaqués hat sich hinten raus vergrößert. An den charmanten Gässchen der Altstadt wird man vorbeigeleitet. Schon glaubt man sich in einer der rein für den Tourismus erbauten Costa-Brava-Orte. Der Weg zum Wasser führt vorbei an Maklerbüros, die Wohnungen und Häuser in Millionenhöhe anbieten.

Am Wasser angekommen stößt man auf die Statue des Aushängeschild-Künstlers, der im Anschluss an ein Herzliches Willkommen die Besucher einlädt, die Stadt modifiziert durch die rosarote Brille der Tourismuspolitik zu betrachten und seinem Blick, der ihm von den Imageverantwortlichen Cadaqués zugedacht ist, zu folgen.

Text + Fotos: Dirk Klaiber

[druckversion ed 12/2007] / [druckversion artikel] / [archiv: spanien]






[kol_1] Helden Brasiliens: Rettet die Mangroven!
Mario Moscatelli und der Kampf gegen den Müll

Der Kampf gegen den Müll ist ein täglicher. Wenn die Flut steigt, bringt sie all das mit sich, was Millionen von Anwohnern im Großraum Rio de Janeiro in die Flüsse und in die Guanabarabucht werfen: Sofas, Plastikflaschen, Fernseher und sogar Leichen.

Seit 1997 kämpft der Umweltaktivist Mario Moscatelli für die Wiederansiedelung der Mangroven in der Guanabarabucht, dort, wo einst die Gramacho-Müllhalde das Landschaftsbild bestimmte. Damit der Müll nicht von den Fluten in die Mangroven hineingespült wird, hat Moscatelli einen orangefarbenen Plastikzaun um die Pflanzen gezogen.



Die Gramachomüllhalde umfasste einst eine Fläche von 130 Hektar. Seit dem Beginn des Projektes haben Moscatelli und sein Team bereits 25 Hektar wieder in den ursprünglichen Zustand versetzt.

Wir haben Mario Moscatelli getroffen und mit ihm über die Bedeutung der Mangroven und über die Möglichkeiten, diese zu retten, gesprochen.

Welche Funktion haben die Mangroven?
Moscatelli: Die Mangroven haben verschiedene Funktionen im Bereich des Umweltschutzes und der Sozio-Ökonomie: Sie dienen als eine Art Geburtsstation für die Tiere im Wasser, die Vögel und all die anderen Tiere, die in der Guanabarabucht leben. Für sie sind die Mangroven wie ein Supermarkt. Aber die Mangroven dienen auch als biochemischer Filter. Alles toxische Material, das über die Wasserwege in die Guanabarabucht gelangt, wird vom Schlamm der Mangrovengebiete absorbiert und so aus dem Nahrungskreislauf herausgezogen. Und sie haben auch eine ökonomische Bedeutung. Zwei Krebs-Arten werden hier gefangen, die für die menschliche Ernährung geeignet sind.

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Was sind denn die Gründe für die Umweltkatastrophe, die wir hier sehen?
Moscatelli: Um ehrlich zu sein – hier tobt ein Krieg zwischen zwei Welten, und die Bucht ist das Schlachtfeld. Die Mangroven werden jeden Tag tonnenweise mit Müll bombardiert. Und diese Gebiete hier wurden von den Politikern vollkommen aufgegeben. Was man hier sieht, ist ein Reflex auf die Abwesenheit der Regierenden, das Resultat einer nicht existenten Abwasserklärung, Müllabfuhr und öffentlichen Wohnungspolitik.

Und es ist einfach unglaublich, dass sich der gleiche Zustand, der hier in der Guanabarabucht anzutreffen ist, auch in den noblen Orten dieser Stadt wie der Barra da Tijuca herrscht. Nehmen wir zum Beispiel Krankenhausabfälle wie Spritzen. Ich finde diese Art von Müll hier, genauso wie in den Lagunen von Jacarepaguá und sogar an den Stränden der Barra da Tijuca.

Es ist einfach absurd, dass der moderne Carioca (Einwohner von Rio) im 21. Jahrhundert die Umwelt noch genauso behandelt wie die Portugiesen, die im 16. Jahrhundert hierher gekommen sind: nämlich den Müll einfach in die Umwelt zu werfen.

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Warum haben die Menschen immer noch nicht gelernt, schonend mit der Umwelt umzugehen?
Moscatelli: Das Szenario des allgemeinen Verfalls, sei es in der Guanabarabucht, der Baixada de Jacarepaguá oder in der Baía de Sepetiba (alle im Bundesstaat Rio de Janeiro), hat einen Hintergrund: die sogenannte Brasilholz-Kultur.

Das ist die Kultur, Rohstoffe solange zu verschwenden, bis nichts mehr übrig ist. Und es ist vollkommen egal, ob wir von Brasilholz oder der Guanabarabucht sprechen. Oder aber von den Lagunen von Jacarepaguá. Das ist ein Aspekt unserer Kultur, der sich jetzt schon seit 400 Jahren durch unsere Geschichte zieht und bereits Wurzeln geschlagen hat.

Bloß, dass wir vor 400 Jahren genug Umwelterbe hatten, um es zu verpulvern. Doch heute sind wir am Limit angelangt, und wir können einfach keinen weiteren Kahlschlag mehr akzeptieren. Dieser Prozess des allgemeinen Verfalls kommt aus der politischen Klasse, die unverantwortlich und aus dem Gefühl der Straffreiheit heraus handelt - eine Narrenfreiheit, denn hier wird kein Politiker, sei er auch noch so schlecht, zur Rechenschaft gezogen und bestraft.

Und die Politiker wissen, dass sie tun und lassen können, was sie wollen. Sowohl mit der Umwelt als auch mit öffentlichen Geldern. In Rio de Janeiro müssen wir als Konsequenz dieses Horrorszenario leider mitmachen.

Hier gibt es keine guten Jungs, sondern nur Banditen.

Schuld an dieser Tragödie tragen die unzähligen Regierungen, die ihr Amt lediglich als politisches Sprungbrett verstanden haben. Im Gegenzug muss man allerdings auch sagen, dass die Gesellschaft genauso Fehler begangen hat, denn die Gesellschaft akzeptiert diese Verfehlungen und besteht nicht darauf, dass die Gesetze eingehalten werden.


Wie könnte eine Lösung aussehen?
Moscatelli: Die große Lösung ist die Bildung. Solange es keine gute Bildung gibt, gibt es auch keinen Ausweg. Wenn ich auf die Bucht hinaussehe, sehe ich die Zukunft; aber es ist eine Zukunft ohne jegliche Hoffnung.

Schaue ich jedoch hier auf die Mangroven auf dieser Seite des Zaunes, so sehe ich Hoffnung. Aber es ist ein feiger Kampf. Denn es sind Millionen von Kubikmetern an Sedimenten, Millionen von Kubikmetern an Müll, Millionen von Kubikmetern an ungeklärten Abwässern, die jeden Tag hier hinein gekippt werden. Und wir stehen hier mit unseren Plastikzäunchen und verteidigen die Mangroven.

Aber unsere Zukunft und die Zukunft meiner Töchter steht auf dem Spiel. Und wenn ich einmal alt bin, möchte ich ihnen in die Augen schauen und sagen können: ich habe getan, was ich konnte und sogar etwas mehr. Aber ich weiß nicht, ob manch anderer auch den Mut haben wird, das gleiche zu seinen Töchtern zu sagen.

Fotos + Interview: Thomas Milz
Kontakt zu Mario Moscatelli: moscatelli@biologo.com.br

[druckversion ed 12/2007] / [druckversion artikel] / [archiv: helden brasiliens]





[kol_2] Amor: Ibiza - Insel mit Aura

Wenn ich von der Stimmung eines Ortes spreche, meine ich nichts Imaginäres, Subjektives, nichts, was im Auge des Künstlers liegt. Ich meine etwas Wirkliches. Man braucht nicht daran zu glauben. Es wirkt sowieso. Es ist das Kraftfeld des Geistes, der seelische Abdruck auf die Umgebung, die Aura, das ätherische Klima.

Rolph Blakstad, zitiert nach: Blakstad, Rolph: "Verborgene Welten: Das Ibiza der fünfziger Jahre". In Schwetje, Wiltrud (Hg.): Goodbye Tanit. Heidelberg, Palmyra Verlag, 2007:143-161





















Fotos: Nora Vedra

[druckversion ed 12/2007] / [druckversion artikel] / [archiv: amor]





[kol_3] Macht Laune: Sandy Klaus und der venezolanische Weihnachtsschwindler
Märchen wider die Businesskasperei zur Festlichkeit

Seit Tagen schon war Sandy Klaus, die Schwester von Mandy Klaus, übler Laune. Wie jedes Jahr um diese Zeit stand ihr großer Arbeitstag bevor. Wie jedes Jahr sollte sie die Details ihres Einsatzes erst bei Abfahrt erfahren.

Der Morgen fing schon beschissen an, ein echter Klassiker, eingeseift im ungeheizten Bad, die Gasflasche leer, Tod durch Erfrieren nahe - Fluchen auf unterstem Niveau aus vollem Hals. Ein Schneeschauer tobte, Hölle, und ihr Erzfeind, Knecht Quäl das Kind mit widerwärtigen, zum Erbrechen reingeknüppelten Gedichten Ruprecht, hatte sich das letzte Quarkbällchen geschnappt.

Doch dann mit Pauken und Trompeten kehrte das Himmelreich auf Erden zurück: Die erst für den Nachmittag erwartete Mitteilung entfaltete ihren Glanz auf dem Bildschirm: Venezuela – drei Schwestern zwischen zwei und sechs Jahre alt. Sandy war auf einen Schlag besser gelaunt und informierte Mandy: "Sie haben mein Flehen erhört, ich darf ins Warme." Ein Urlaub am Strand würde sich anschließen lassen – dachte sie.

Der venezolanische Weihnachtsschwindler

Sie ergriff den gefüllten Sack, der mittlerweile vor ihrer Tür abgestellt worden war und düste los. Pünktlich zum Singen, wenn auch keinem allzu festlichen, wie es zunächst schien, traf sie in ihrem Bestimmungsort in den Anden Venezuelas ein: Die drei Gören hatten sich vor dem Haus in einen Jeep eingeschlossen, die Anlage bis zum Anschlag aufgedreht und grölten mit MIA, der Stimme vom Band, auf den Sitzen herumtollend: Ein hungriges Herz durchfährt ein bittersüßer Schmerz – sag mir wie weit, wie weit, wie weit willst du geeeeehn...

Sandy Klaus stahl sich um den Wagen herum, aber um überhaupt bemerkt zu werden, hätte sie schon mächtig in die Animationskiste greifen müssen, und klingelte. Ihr wurde geöffnet und "Kinder draußen bleiben" entgegengerufen. Dann erst wurde sie wahrgenommen. Doch statt eines herzhaften Empfangs, begann ihr gegenüber zu lachen, drehte sich um und rief: "Bruder, dass musst du dir ansehen und bring die Kamera mit. Jetzt schickt uns Chávez schon die Nikolausis ins Haus."
"Gestatten Sandy Klaus", versuchte sich Sandy Gehör zu verschaffen, was aber unterging, weil der Bruder um die Ecke bog:
"Wieso steht da nirgends revolución navideña, Weihnachtsrevolution, auf der roten Kutte? Ach, die will bestimmt die Glühbirnen auswechseln. Hab ich drüber gelesen."
Und an Sandy gewandt: "Du kommst doch von der Energierevolution, oder?"
"Quatsch hermano, die waren vor Monaten hier", antwortet der andere Bruder und zugleich Papi, und Sandys Artikulationsversuche verloren sich erneut im weihnachtlichen, aber zumindest wohltemperierten Abendhimmel.
In diesem Moment verstummte MIA und die Jeeptür ging auf: "Papaaa, wir wollen endlich Geschenke!"
"Ich weiß, Kinder. Wir sind bald soweit. – Bruder, hol noch zwei Bären-Bier aus dem Kühlschrank. – Wisst ihr was! Jetzt schnappt ihr euch den Sack von dem Nikiverschnitt hier und dann sind wir auch schon gleich fertig mit Baumschmücken."
"Papi, das ist langweilig. Wir wollen Geschenke..."
Nun endlich sah Sandy ihren großen Auftritt nahen: "Ich bin extra von weit her gekommen, um euch Dreien Geschenke zu bringen."
Da verstummte erst die Älteste, dann die Mittlere und endlich auch die Kleinste, nachdem ihr die Mittlere von hinten eins mit der flachen Hand über den Kopf gezogen hatte. Nun flüsterte die Älteste der Mittleren ins Ohr: "Sag der Frau, sie soll endlich verteilen."
Dann flüsterte die Mittlere der Kleinsten ins Ohr: "Díle a la señora: ¡Queremos Geschenke!"
"¡Queremos Geschenke!" Und gleich noch einmal etwas lauter: "¡Queremos Gescheeenke!", schrie sogleich die Jüngste.
Sandy Klaus war in ihrem Element und verteilte, was der Sack hergab. Eine Puppe für die Älteste, ein Puzzle für die Mittlere und einen Teddy für die Kleinste. Sie wollte nur noch schnell in die erfreuten Gesichter der Kiddys blicken, wenn diese ihre Geschenke ausgepackt hätten und dann an die Playa weiterdüsen. Doch während die Älteste, die als erste ihr Geschenk vom Papier befreit hatte, nur entgegnete: "Ne Puppe? Toll! Ist doch kein Kindergeburtstag", pfefferte die Mittlere ihr Puzzle einfach in Richtung Auto, begleitet von dem Wort: "¡Feo!"

Sandy war entsetzt. Sie blieb wie angewurzelt stehen und schaute nun auf die Kleinste. Doch die Älteste ergriff die Initiative und flüsterte der Mittleren ins Ohr: "Sag der señora, wir wollen mehr Geschenke."
Die Mittlere trat daraufhin an das Ohr der Kleinsten heran und flüsterte: "Sag, mehr Geschenke."
Und die Kleinste tat wie ihr aufgetragen: "¡Más! Más Gescheeeenke."

Oh große, schwere Not, der Sack war doch schon leer. Sandy griff in ihre Tasche und erwischte glücklicherweise ein paar neue Bolívares, die ab Januar die Währung des alten Bolívares im Verhältnis 1:1000 ablösen sollten und händigte sie an die Rasselbande aus, die sich daraufhin zu freuen und zu tanzen begann und Sandy an den Händen ins Haus zog, um mit ihnen heute Abend zu feiern. Während die Kinder in dem Schrank ihrer Mutter nach neuen Klamotten wühlten, weil ihnen der Aufzug Sandys äußerst albern erschien, ereilte Sandy die Nachricht von Mandy, dass sie einem Computervirus, dem gemeinen venezolanischen Weihnachtsschwindler, auf den Leim gegangen war, der dieses Jahr alle zu verteilenden Geschenke nach Venezuela transferiert hatte.

Egal, dachte Sandy, schaltete das Handy ab und sagte dem Bruder, er solle weitere Bären aus dem Kühlschrank holen. Immerhin schien es ihr erstes Weihnachten zu werden, das dem wahrhaften Leben nahe und fern zugleich Glanz und Gloria über ihren monotonen Businesskasperalltag bringen können würde.

Text + Fotos: Dirk Klaiber

[druckversion ed 12/2007] / [druckversion artikel] / [archiv: macht laune]





[kol_4] Lauschrausch: Katalanische Liedermacher / Eduardo Galeano

Der valencianische Songwriter Òscar Briz ist in Deutschland – trotz eines gelobten Konzertes im Oktober 2007 in Frankfurt - noch gänzlich unbekannt. Das liegt wohl daran, dass nur wenige Menschen hierzulande Katalanisch verstehen. Dabei sind die Texte seines neuen Albums, die kritisch mit der Gesellschaft umgehen (Tirar a matar) oder die alten Zeiten besingen, in denen die Menschen in ihrem Viertel noch glücklich zusammen lebten (A Ca la Rosa), für Kenner einer romanischen Sprache leicht zu verstehen und haben es auch verdient, gehört zu werden (trotzdem hätte eine Übersetzung der Texte ins Englische oder Spanische im Booklet der CD gut getan!). Musikalisch bewegt sich der in seiner Heimat mehrfach ausgezeichnete Briz in einer stilistischen Vielfalt aus Blues-, Folk- und Popmusik, garniert mit jazzigen Passagen. Das Album des sich selbst gerne als "Protestsänger" bezeichnenden Briz glänzt neben großer Abwechslung durch eine exzellente Produktion.

Òscar Briz
Quart Creixent
ventiladormusic/ galileo mc

Auch die "Altmeisterin” des katalanischen Liedes, Maria del Mar Bonet, hat ein neues Album auf dem deutschen Markt. Auf "Terra Secreta" präsentiert sie sowohl Stücke langjähriger Wegbegleiter der katalanischen Protestliedbewegung (Nova Canço) im neuen musikalischen Gewand – Dos anònims von Ovidi Montllor mit Kammermusikorchester oder La rosa de l’adeu von Joan Manel Serrat und Tant com de cerc von Guillem D’Efak – als auch vertonte Gedichte von Robert Graves – El país secret, eine Hommage an die Geliebte, oder Un exèrcit von Jordi Guardans, ein Protestlied gegen den Irakkrieg. Musikalisch abwechslungsreich, auch Jazz und ein Blues sind vertreten, wird wohl auch dieses Album der international erfolgreichen Sängerin seine Liebhaber finden.

Maria del Mar Bonet
Terra Secreta
Picap/ galileo mc

Inspiriert von Erzählungen Eduardo Galeanos hat der Darmstädter Pianist Uli Partheil ein "Jazz & Lyrik-Projekt" ins Leben gerufen. Der uruguayische Schriftsteller, der spätestens seit seinem Buch "Die offenen Adern" auch als "Gewissen" Lateinamerikas gilt, hat neben seinen Sachbüchern auch Prosa verfasst. Das Projekt "Musikgeschichten" basiert auf dem "Buch der Umarmungen" (Unionsverlag). Dort dechiffriert Galeano das Phänomen Lateinamerika in kleinen Geschichten, die oft eine überraschende Wendung nehmen. Melancholische Gedanken stehen neben heiteren Texten, gelesen von Sprecher Rolf Idler. Das spiegelt sich auch in der Musik wider: Traurig schöne Melodien (z.B. "Die Leidenschaft des Erzählens"), konzertant interpretiert, wechseln sich mit schnelleren Jazztiteln eines klassischen Trios ab (z.B. "Das Schwinden der Erinnerung"). Oft steht das Wort frei, häufig die Musik alleine, aber ein ums andere Mal liegt ein Soloklavier unter dem Text und verstärkt seine – meist nachdenklich stimmende - Wirkung. Partheils Kompositionen wirken wie eine Weiterentwicklung von Galeanos Prosa. Die enge Verbindung zeigt sich auch daran, dass er für sie die Titel von Galeanos Texten übernommen hat. Ein überaus empfehlenswertes Album, sowohl als Jazzplatte als auch als Hörbuch.

Uli Partheil / Eduardo Galeano
Musikgeschichten
S&M Records

Text: Torsten Eßer
Fotos: amazon

[druckversion ed 12/2007] / [druckversion artikel] / [archiv: lauschrausch]





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