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[kol_4] Lauschrausch: Tango im Quartett

Melingo
Maldito Tango
Naïve / Indigo
Aus den vielen Tangoproduktionen, die in den vergangenen Monaten auf den deutschen Markt gekommen sind, stelle ich vier Alben vor, die mit dem Genre unterschiedlich umgehen. Daniel Melingo, ein charismatischer Sänger, der nach einem Konzert als Zugabe gerne auch mal seine Socken ins Publikum wirft, war vor seiner Tangokarriere Rockmusiker. Auf “Maldito Tango” bereichert er das “verfluchte” Genre mit Klarinettenklängen, singenden Sägen und frischen Texten, die die heutige Realität des Landes widerspiegeln. Tangos kommen vor, aber auch ländliche Musik aus dem Hinterland wie „Julepe En La Tierra", in dem er, begleitet von einer Gitarre, die gauchos besingt. Seine Stimme ähnelt der von Tom Waits, seine Depression manchmal jener von Nick Cave (z.B. in "Cha digo!"). Absolut empfehlenswert. Kaufen Sie die Spezialedition mit dem sehr originellen Aufklappcover!

Melingo
Maldito Tango
Naïve / Indigo

V.A.
Tango around the world
Putumayo / Exil
Wie sehr der Tango auch andere Musikkulturen begeistert und durchsetzt hat, lässt sich auf der gelungenen Kompilation “Tango around the world” hören. Die Reise beginnt mit einem tango-beeinflussten Titel von Ousmane Touré aus dem Senegal und endet im Mutterland Argentinien mit dem genialen und viel zu früh verstorbenen Mundharmonika-Spieler Hugo Díaz, der den Klassiker “Mi Buenos Aires querido” bläst. Dazwischen halten wir u.a. in Griechenland und Portugal, wo der Tango mit heimischer Folklore und Elektronik zu etwas Neuem verwoben wird, wir stoppen in Norwegen, wo “Electrocutango” den Spuren von “Gotan Project” folgen und schließlich auch in Finnland, wo das Genre seit den 1920er Jahren zur eigenen Folklore zählt. Eine wunderbare Reise für die Ohren und die Seele.

V.A.
Tango around the world
Putumayo / Exil

Bajofondo
Mar Dulce
Surco / Universal
Oskar-Preisträger Gustavo Santaolalla hat sich mit seinem Projekt “Bajofondo” auf seinem zweiten Album noch weiter vom Tango entfernt. Eröffnet wird “Mar Dulce” vom hitverdächtigen Dancefloortitel “Grand Guignol”, der treibende Elektrobeats mit Streichern kombiniert und mit Sicherheit in den nächsten Jahren auch bei unzähligen Gelegenheiten als Hintergrundmusik (TV-Dokus etc.) Verwendung finden wird. Der track ist in seiner Geschwindigkeit jedoch nicht charakteristisch für das Album, auf dem sich auch Balladen, Hiphop- (“El andén”) und Poptitel finden, u.a. interpretiert von berühmten Gastsängern wie Elvis Costello, Nelly Furtado oder Ex-Soda-Stereo-Frontmann Gustavo Cerati. Die Stücke haben alle einen tango-ähnlichen Charakter, und sei es nur wegen des Bandoneonklangs, “klassische” Tangos hingegen finden sich hier nicht.

Bajofondo
Mar Dulce
Surco / Universal

Tangocrash
Bailá querida
galileo mc
Davon verabschiedet hat sich auch die Berliner Formation “Tangocrash”. Ihr neues Album “Bailá querida” streift nur noch dann und wann die Atmosphäre des Tangos, wenn z.B. historische Aufnahmen mit elektronischen Klängen vermischt werden oder ein Bandoneon erklingt. Ansonsten handelt es sich um elektronisch-experimentelle Musik mit freien Improvisationen (z.B. in „La Cumpadesky“ oder „Los ejes de mi carreta“), teilweise an Freejazz erinnernd, die die volle Aufmerksamkeit des Hörers einfordert.

Tangocrash
Bailá querida
galileo mc

Text: Torsten Eßer
Fotos: amazon

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