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[art_1] Spanien: Die zwei Kathedralen im goldenen Salamanca
 
Die kastilische Renaissance-Stadt Salamanca hat nicht nur die älteste Universität Spaniens (1218) und eine wunderbar harmonische Altstadt aus goldenem Sandstein zu bieten, die von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurde. Aus dem Dutzend der wichtigsten Monumente dieses Städtewunders in der Steppe Kastiliens ragt nicht nur eine Kathedrale hervor, sondern (wie in Zaragoza und Plasencia) gleich zwei! Und eine schöner als die andere.

Begonnen wurde der monumentale Bau der Neuen Kathedrale mit dem höchsten Kirchturm Spaniens (110 Meter) in der spätesten Spätgotik im Jahr 1515 vom Architekten Gil de Hontañón. Voraus gegangen waren Jahrzehnte der Beratungen und eine Sammlung von Empfehlungen der Dombaumeister aus Toledo und Sevilla, wie man das Problem einer inzwischen viel zu klein gewordenen alten Kathedrale lösen könnte: Abriss und totaler Neubau oder (Teil-)Integration der alten Domkirche in die neue? Endlich wurde um 1510 beschlossen, die alte romanische Kathedrale, deren kostspieliger Hochaltar ja erst 50 Jahre zuvor vollendet worden war, komplett zu erhalten und die neue spätgotisch-platereske Kathedrale unmittelbar daneben zu errichten.

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Aber nur die Grundstruktur mit Bögen, Pfeilern und Gewölben der neuen Kathedrale sind noch gotisch, während die Fassaden in der Ausschmückung im plateresken Renaissancestil gestaltet sind und bei der Dekoration im Innern, vor allem was Chorgestühl und Kuppel betrifft, schon barocke Formen dominieren. Die Kuppel-Laterne musste nach dem Erdbeben von Lissabon 1755, das auch hier in Salamanca einige Gewölbe zum Einsturz brachte, erneuert werden, und wurde 1765 zum zweiten Mal vollendet. Barock ist auch die Hauptfassade auf der Westseite mit der Szene der Anbetung der Könige in Bethlehem.

Vor dem der Plaza de Anaya zugewandten Seitenportal im Renaissancestil kann man oft ganze Pulks von Touristen beobachten, die Gesichter und Kameras suchend nach oben recken. Was suchen sie? Bei Restaurierungsarbeiten in der letzten Dekade des vergangenen Jahrhunderts integrierte ein kunstvoller Spaßvogel unter den Restauratoren die inzwischen berühmte Mini-Skulptur eines Astronauten (1993) in die Reliefs des 16. Jahrhunderts. Und besonders Schulklassen oder andere Kindergruppen wetteifern darin, wer als erster den Astronauten in dem verschnörkelten Dekorations-Wirrwarr der nördlichen Portalfassade entdeckt.

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Im Innenraum der neuen Kathedrale, die durch ihre Weite und die reich verzierten Gewölbe verzaubert,  befinden sich neben der imposanten Kuppel viele faszinierende Kunstwerke. Die schöne und tragische Pietà vom Barockbildhauer Salvador Carmona (1763) mit der Madonna im blutroten Kleid und dem toten Erlöser im Schoß, die entzückende Madonna mit Kind und wehendem blauen Mantel von Luisa Roldán, Spaniens größter Bildhauerin aus Sevilla (ca. 1790), eine halbnackte Skulptur Johannes des Täufers vom Renaissancekünstler Juan de Juni und ein Madonnenbild von Luis de Morales dem Göttlichen.

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Doch die alte Kathedrale übertrifft dann alles. Sie hat zwar viel bescheidenere Dimensionen (sie würde in die Neue Kathedrale etwa viermal hineinpassen) und entstand zwischen 1140 und 1280. Von außen wirkt sie unscheinbar - mit Ausnahme der außergewöhnlichen Kuppel, die durch  byzantinische und arabische Einflüsse geprägt wurde und sich mit extrem schlanken Fenstern und Türmchen und wie mit einem Schuppenpanzer bedeckt präsentiert. Doch innen entfaltet sie einen ungeahnten Zauber. Schon die frühgotischen Fresken von Anton Sánchez (ca. 1260) in der Turmkapelle sind beeindruckend und sehr gut erhalten. In einer Nische die Anbetung der Könige mit Stern von Bethlehem und darüber Christus von Engeln umrahmt und mit den Gesichtern von Sonne (feurig) und Mond (traurig und rätselhaft).

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Aber der Höhepunkt des Salmantiner Doppel-Tempels ist ohne jeden Zweifel der unfassbar grandiose Hochaltar der Alten Kathedrale, einer der drei oder vier schönsten der Welt. Die Gebrüder Nicolas Delli (genannt Nicolás Florentino) und Daniel Delli aus Florenz haben einen guten Teil ihres Lebens, ca. 20 Jahre,  damit verbracht, hier in 53 (!) Gemälden und einem darüber thronenden Halbkuppel-Fresko den gesamten Chorbogen auszufüllen (1425 - 1445). Allein hier könnte man Stunden lang verweilen, um alle Details zu würdigen und die prächtigen Farben in diesem spätgotischen Wunderwerk zu bestaunen. Über den 53 von vergoldeten gotischen Bögen eingerahmten Gemälden, die Szenen aus dem Leben von Jesus zeigen, erscheint ganz oben im Fresko der Auferstandene vor nachtblauem Himmel als Weltenrichter, der die Welt unter ihm von Posaunenengeln in Gut und Böse einteilen lässt: in Erlöste, die in den Himmel einziehen und in Verdammte, die in die Hölle gestoßen werden. Während wir dieses Apokalypse-Szenario heute vor allem als grandioses Kunstwerk wahrnehmen, werden viele Menschen des Mittelalters  bei seiner Betrachtung durchaus Angstzustände bekommen haben und schnell zur Beichte geeilt sein und Geld fürs Seelenheil gespendet haben.

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Auch die übrige Dekoration in der alten Kathedrale ist ähnlich beunruhigend und ebenso künstlerisch wertvoll. An den Säulenkapitellen und Gesimsen präsentieren sich prächtige Monster und Höllenkreaturen, von der bösen Phantasie ihrer Schöpfer vor ca. 700 Jahren in den Stein gehauen. Als Kontrast dazu, als ob man die verängstigten Gläubigen wieder beruhigen wollte, präsentieren sich hier aber auch schöne Heiligenfiguren wie die vergoldete Skulptur der heiligen Barbara mit dem Turm in der Hand in einer Seitenkapelle des Kreuzgangs sowie friedlich aussehende Sarkophag-Skulpturen mit Schwertern in der Hand, unter denen die Gebeine von lokalen Aristokraten seit Jahrhunderten schlummern.

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Es gibt wahrlich schlechtere Plätze für den ewigen Frieden und beim Verlassen der alten Kathedrale von Salamanca kann man als Lebender fast etwas neidisch werden auf die Toten, die hier umgeben von so viel Pracht und Herrlichkeit zur ewigen Ruhe gebettet wurden.

Text + Fotos: Berthold Volberg

Tipps und Links:
http://catedralsalamanca.org/

Öffnungszeiten der beiden Kathedralen: April-September: von 10 bis 20 Uhr, Oktober - März von 10 bis 18 Uhr
Eintrittspreis: 4,75 Euro

Restaurants: an der Plaza Mayor (wenn man schon in Salamanca ist, sollte man diesen Blick auch beim Essen genießen) sind besonders zwei sehr unterschiedliche zu empfehlen (beide auf der Seite gegenüber dem Rathaus):
"Las Tapas de Gonzalo", Plaza Mayor 23, Tel. 923-271353, www.lastapasdegonzalo.es
Klassisches Restaurant bietet Spezialitäten der Region von hoher Qualität, v.a. Gerichte mit dem Fleisch des schwarzen iberischen Schweins und gegrillten Ferkelbraten, aber auch empfehlenswerte Überraschungen wie Salat mit Mango und Joghurteis oder Schweinshaxe mit Portweinsoße und getrüffelten Süßkartoffeln; sehr aufmerksamer, professioneller Service.

"La Tentazion de las Tapas", Plaza Mayor 18, Tel. 923-059636, www.latentazion.es
Bietet innovative, teils gewagte Tapas (z.B. Lachstartar mit Avocado, Entenleber mit Maracujaschaum, Medaillons vom iberischen Schwein mit Steinpilzsoße, Krebsfleisch im Tempurateig mit Kimchi-Soße) und eine exzellente Weinauswahl mit besonders guten Entdeckungen aus den Anbaugebieten Toro und León. Leider sind die Kellner oft überfordert und teils unprofessionell.

Einkaufen: Im authentischen Laden "J. Sanz" Salamanca (C. San Pablo 2, Tel. 923-263531; www.jamonesjsanz.es) erhält man Spezialitäten wie Schinken und Wurstwaren vom schwarzen iberischen Schwein (und zwar vom feinsten) sowie als besondere Spezialität Empanadas, die mit Lomo ibérico oder Chorizo gefüllt sind und beste kastilische Rotweine (Ribera del Duero, Toro und León).

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