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[kol_4] Lauschrausch: Venezuela 70 und Tiempo libre

Seit den 30er Jahren floss das Öl in Strömen in Venezuela und der Preis stimmte, zu Beginn der 70er Jahre noch gesteigert durch die "Ölkrise". So entwickelte sich das Land in kurzer Zeit zu einer relativ modernen Regionalmacht mit einer boomenden Kulturszene, die stark an den USA orientiert war, auch weil sich viele Amerikaner im Land befanden. Das beeinflusste die einheimischen Musikszenen stark. Die Rockmusiker, die zunächst noch die US-Vorbilder nur kopiert hatten, kreierten ab den 70er Jahren einen neuen, eigenständigen Sound und fusionierten die traditionelle venezolanische Musik mit Rock, Elektronik, Funk, Jazz und anderen lateinamerikanischen Rhythmen (cumbia, samba, etc.).

Diverse
Venezuela 70
Soul Jazz Records

Soul Jazz Records hat nun zum ersten Mal Stücke dieser Zeit auf einem Album versammelt. National bekannte Rockmusiker wie Vytas Brenner, der darauf mit einem "Hippietitel" aus Gitarrengeschrammel und elegischem Stimmenklang auf einem Synthesizerbett ("Araguaney"), sowie einem weiteren Instrumentaltitel mit "Videospieltönen", die klingen wie von "R2D2" ("Bang-going-gone"), vertreten ist oder wie Miguel Angel Fuster, der einmal jazzige funky-fusion-Klänge mit Geräuschen kombiniert ("Polvolunar") oder über einen Synthesizer mit Bachmelodie einen funky Bass und Rockgitarren legt ("Dame de comer") - übrigens einer der schöneren Titel der Sammlung - produzierten einen wilden, progressiven und experimentellen Mix mit Parallelen zum deutschen Krautrock (Amon Düül, CAN).

Einige Titel lassen schöne Erinnerungen an die frühen Santana aufkommen ("Caracas para locos") und zeigen originelle Adaptionen folkloristischer Musik ("Joropo No. 1"), andere nerven mit psychedelischen Endlosschleifen, Gezwitscher und grässlichem Geigengeschrammel ("Amor en llamas" von Pablo Schneider). Die Vokaltitel wie das hymnische "Barcos de papel" mit sanftem Gesang oder das rockige "Ayudame a encontrar mi camino" gehören zu den besten Titeln der Sammlung, ebenso Titel in denen die Fusion von traditionellen Instrumenten mit Moog-Synthesizern und elektrischen Gitarren funktioniert ("Machu Picchu" / "San Juan"). Einige Titel mit ihren Endlosschleifen sind aber tatsächlich nur zu ertragen, wenn man die entsprechenden Drogen im Hirn hat. Ein interessantes und wichtiges Zeitdokument mit informativem Booklet, musikalisch auch für Retroparties geeignet. Mit dem Absturz der Ölpreise und der venezolanischen Wirtschaft in den 80er Jahren brach auch der Kultursektor ein und das bedeutete das Ende der experimentellen Phase in der Rockmusik.


Kommen wir direkt zum originellsten Titel des Albums: "Berlin City", ein Covertitel, zusammengesetzt aus "Happy" von Pharrell Williams und dem Boogaloo-Abräumer "I like it like that" aus dem Jahr 1966, versehen mit nahöstlichen Klangeinsprengseln und einem deutsch-spanischen Text über die Hauptstadt. Die restlichen 11 Titel der deutsch-französisch-kubanischen Band um die Bassistin Maike Scheel aus Berlin bewegen sich zwischen Salsa, Rumba, Reggae, Funk oder Latin-Jazz und wurden fast alle von dem in Rostock lebenden Kubaner Walter Doval Martínez komponiert, so dass die cubanidad sich durch das ganze Album zieht.

Mi Solar
Tiempo libre
galileo mc

Die Titel sind durchaus partytauglich, aber manches klingt arg konstruiert, vor allem die englischen oder deutschen Textabschnitte in manchen Titeln mit denen man Multikulturalität demonstrieren möchte (?), letztlich aber nur nervt. Für die Eltern der Kinder aus dem Kleistpark haben sie dann noch die Textzeile "Multikulti … wir sind Mi Solar" in den Titel "La pista" eingebaut, dem ein englischsprachiger Rap folgt, was ein bisschen viel des GUTEN ist (solche Botschaften sollte man besser im Begleittext unterbringen). Beeindruckend allerdings ist die Stimme der kubanischen Sängerin Mayelis Guyat, die über die ein oder andere textliche Schwäche hinweg tröstet - wie gesagt ein gutes Partyalbum aus Berlin.

Text: Torsten Eßer
Cover: amazon

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