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[art_2] Nicaragua: Die Gesetze sind für die Dummen
Hans Sitarz als "Gelddoktor" in Nicaragua

Zeit seines Lebens huldigte der 1889 in Wien geborene und in Stettin zum Kaufmann ausgebildete Hans Sitarz dem Grundsatz, "dass es jedermann durch Bildung, Fleiß sowie durch das Meiden von schlechter Gesellschaft auf ehrliche Weise zu Wohlstand und Ansehen bringen könne". Und er hat sich an diesen Grundsatz gehalten, obwohl er den Großteil seines Geschäftslebens in Lateinamerika verbrachte, wo er in Nicaragua auf folgende Einstellung stieß: ¡Las leyes son para los bobos! (Die Gesetze sind für die Dummen), der meiner Erfahrung nach auch heute noch für viele Geschäftsleute auf dem gesamten amerikanischen Kontinent Geltung besitzt. Insofern ist das ansonsten sehr überhebliche und oft - u.a. von den Nazis - übel missbrauchte Schlagwort „Am deutschen Wesen mag die Welt genesen" aus Emanuel Geibels Gedicht "Deutschlands Beruf" (1861) auf Hans Sitarz angewendet, sicher nicht unangebracht.

Die Grenzen des "American Dream"
Hans Sitarz als "Gelddoktor" in Nicaragua 1930-1934

Thomas Fischer/ Anneliese Sitarz (Hrsg.)
Lateinamerika-Studien 50
Vervuert, Frankfurt a.M. 2008, 192 S.

Seine Ehrlichkeit und Geradlinigkeit bescherten ihm denn auch oft Konflikte, vor allem in seiner Zeit als Geschäftsführer der "Nicaraguanischen Nationalbank" (1930-1934), um die es hier geht. In dieser Funktion war er der viertwichtigste Ausländer in einem Land, das zu dieser Zeit "faktisch ein Protektorat der USA" war, wie Thomas Fischer in seinem Vorwort schreibt, da die Zoll- und Geldpolitik und der Außenhandel durch ausländische, vor allem US-Experten, gesteuert wurde. Die nicaraguanischen Eliten mussten somit erhebliche Souveränitätseinbußen hinnehmen, was dem Leser zunächst ungerecht erscheint, ein Gefühl, das sich im Laufe der Lektüre legt, wenn man aus erster Hand erfährt, wie korrupt und geldgierig diese waren. Übrigens ein Umstand, der sich seither weder in Nicaragua noch in den anderen Ländern Lateinamerikas geändert hat.

Schon Fischers Einführung in die Geschichte des Landes zu jener Zeit zeigt die machtpolitischen Ränkespiele, in die Sitarz verwickelt wurde, aber lebendig werden sie erst durch seine exakten Beobachtungen der Menschen und ihrer Handlungen. So als er beispielsweise zu einem Bankett geladen wurde, worauf man von ihm Gefälligkeiten erwartete, die er natürlich verweigerte und daraufhin den Kontakt zu vielen Mitgliedern der Oberschicht - auch Deutschen - mied. In den wichtigen Clubs Managuas wurde er nur pro forma Mitglied, nahm selten an Aktivitäten teil. In seiner spärlichen Freizeit widmete er sich dem gerade in Mode gekommenen Tennis und zahlreichen Ausflügen in seinem Dienstwagen in die Umgebung der Stadt, die nach dem Erdbeben von 1931 noch an Attraktivität verlor, bei dem auch das Bankgebäude und Sitarz' Wohnung stark zerstört wurden. Sowohl beim Krisenmanagement nach dem Erdbeben als auch beim Tod seines kleinen Sohnes legt Sitarz eine Disziplin an den Tag, die uns unnatürlich erscheint, aber zu dieser Zeit wohl noch verbreitet war.

Hans Sitarz Meinung über das Land verschlechtert sich mit der Zeit zusehends. Er klagt über unfähige Großgrundbesitzer, die lieber in der Stadt feiern und sich bei der Bank verschulden, über die korrupte, ineffiziente und trotzdem teure Guardia Nacional, deren General Somoza 1934 trotz eines vereinbarten Waffenstillstands hinterrücks den Rebellenchef Augusto Cesar Sandino ermordete, wenige hundert Meter vom Hause Sitarz' entfernt oder über die Präsidentengattin, die mit illegalen Geschäften ihr Vermögen vergrößert (exakt beschrieben) und Sitarz ob seiner Unbestechlichkeit anfeindet. Als Bankdirektor beschäftigt er sich auch mit dem Anbau und Verkauf von Kaffee und den in den Ruin getriebenen haciendas und muss sich gegen die Einflussnahme der Regierung wehren, die meistens Kredite wünschte, um Günstlinge zufrieden zu stellen oder ökonomisch unsinnige Projekte zu finanzieren. Die Einführung einer Devisenkontrolle bringt das Fass zum Überlaufen, Teile der Elite verschwören sich gegen die Bank und sorgen dafür, dass beinah täglich Schmähschriften über Sitarz und seine Politik in den Zeitungen erscheinen. Sitarz widersteht noch eine Zeit lang, nimmt dann aber seinen Abschied. Seine pessimistische Einschätzung bewahrheitet sich nach seinem Weggang, Mitte der 1930er Jahre zählt Nicaragua zu den schwächsten Volkswirtschaften des Kontinents.

Natürlich zählte Sitarz zur polyglotten ausländischen Oberschicht und betrachtete von dort die als rückständig empfundene nicaraguanische Gesellschaft inklusive ihrer Oberschicht. Andererseits beschrieb er bei seinen Ausflügen detailversessen alles, was er zu sehen bekam und äußerte sich fast immer positiv über die "einfachen" Leute, deren Lebensweise und -gewohnheiten er schon in seiner Zeit in Kolumbien geachtet hatte. Momente echter Freude - wie z.B. über einen plötzlich entdeckten Vorrat deutschen (Kulmbacher) Biers - sind allerdings selten zu finden.

Als Geschäftsmann in Kolumbien (1911-1929)
Autobiographische Aufzeichnungen von Hans Sitarz

Thomas Fischer/ Anneliese Sitarz (Hrsg.)
Lateinamerika-Studien 46
Vervuert, Frankfurt a.M. 2004, 314 S.

Hans Sitarz hat einen - zugegebenermaßen subjektiven - sachlichen Bericht aus deutscher Sicht hinterlassen, der für die Zentralamerika-Forschung aufgrund seiner biographischen Beschreibungen vieler Persönlichkeiten, der historischen Ereignisse und der ökonomischen Entwicklung Nicaraguas wichtig, aber auch für Nichtexperten interessant zu lesen ist, weil er neben diesen Fakten auch kulturgeschichtliche Beschreibungen enthält, die Sitarz in seiner Freizeit zeigen (Tennis, Schwimmen) oder bei einer seiner (wenigen) Urlaubsreisen in benachbarte Länder und die sowohl den Werdegang eines Deutschen Emigranten schildern, als auch die Lebensverhältnisse der Nicaraguaner in den 1930er Jahren. Ergänzt wird der Bericht durch - nicht immer in bester Qualität - digitalisierte Bilder aus Sitarz' Privatarchiv.

Insofern ist es den Herausgebern - neben Fischer Sitarz' Tochter Anneliese - hoch anzurechnen, diesen "Globalen Lebenslauf" 50 Jahre nach seiner Niederschrift veröffentlicht zu haben, ebenso die schon im Jahre 2004 erschienenen Erinnerungen zu seinen Jahren in Kolumbien, wo Hans Sitarz vom kleinen Angestellten zum einflussreichen Bankdirektor aufstieg. Dort gesteht Sitarz, der 1958 in den USA verstarb, sehr zu meiner Freude, dass er sich auch nach Jahren in Lateinamerika nicht an den Geschmack von Koriander gewöhnen konnte: "Der Geschmack war für mich so, als ob ich in eine Stearinkerze hineinbiß".

Text: Torsten Eßer
Cover: amazon

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