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[kol_3] Lauschrausch: Brasilien ohne Samba
 
Der Titel dieses 4-CD-Hörbuchs klingt etwas provokant, wird doch das Land stark mit dem Samba identifiziert. Aber Autor Krystof Wiernicki, der uns auch als Sprecher auf der Reise durch zwei Jahrhunderte brasilianische Musik begleitet, möchte nicht provozieren, sondern aufklären. Und das gelingt ihm mit Musikbeispielen von hierzulande meist unbekannten Komponisten auf anmutige Weise. Sei es ein chôro von José Guerra Vicente, ein Teil aus der Oper "La Gioconda" oder der "Dança negra" für Klavier von Mozart Camargo Guarnieri. In diesem Zusammenhang wird gleich das Phänomen erklärt, wieso Nachnamen wie Mozart oder Rossini in Brasilien zu Vornamen werden (was übrigens auch mit Politikernamen – Lenin – oder Städten – Washington – funktioniert).

Brasilien ohne Samba
Krystof Wiernicki
Onomato Verlag

Neben der Erklärung der Genres und ihrer Entstehung liefert Wiernicki bzw. der ein oder andere Experte noch gesellschaftliche Einordnungen und Anekdoten zur Musik. Wir hören, dass in Brasilien die in Deutschland so pedantisch beachtete Trennung von E- und U-Musik nicht bzw. kaum vorhanden ist, was sicher auch Heitor Villa-Lobos zu verdanken ist, der in seinen Kompositionen bereits die beiden Welten miteinander verknüpfte. Wiernicki erklärt mit sympathisch ruhiger Stimme (manchmal etwas zu undeutlich), dass "Tico tico no fubá" (1917) eines der meistgespielten brasilianischen Musikstücke ist, was die "valsas de esqunia" mit der Straßenecke zu tun haben oder dass der ab 1870 aufkommende chôro nach fünf Generationen unterteilt wird. Er stellt uns in einem ausführlichen Porträt die Komponistin Chiquinha Gonzaga vor, die als "Mutter der Populärmusik" gilt, weil sie neben ihren klassischen Kompositionen auch Stücke schrieb wie beispielsweise 1899 den Marsch "O abre alas", der noch heute das Eröffnungsstück des Karnevals ist und der hier aus dem Grammophon erklingt. CD Nr. 4 endet mit drei Komponisten der Bewegung "Musica Nova" (1963), die sich u.a. der elektroakustischen Musik widmeten. Allerdings findet sich davon leider kein Hörbeispiel, sondern nur Kompositionen, die der "Neuen Musik" zugerechnet werden können.

Ein ausführliches Booklet mit Komponisten und Interpreten (die Jahreszahlen der Kompositionen fehlen mir) ergänzt die akustische Reise durch Brasiliens unbekannte Musik.

Text: Torsten Eßer
Cover: amazon

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