ed 07/2014 : caiman.de

kultur- und reisemagazin für lateinamerika, spanien, portugal : [aktuelle ausgabe] / [startseite] / [archiv]


[kol_4] Lauschrausch: Gipsy Rhumba
 
Wer kennt nicht die Gypsy Kings? Und welcher Musik-"Experte" rümpft nicht die Nase bei diesem Namen (um dann zu später Partystunde doch auf "Bamboleo" oder "Djobi, Djoba" zu tanzen und/oder mitzusingen). Tatsächlich ist die aus Südfrankreich stammende Gruppe nur die international erfolgreiche Spitze einer Bewegung, die ihre Wurzeln im Barcelona der 1960er Jahre hat. Dort vermischten die gitanos die Klänge ihres Flamenco mit der kubanischen Rumba und anderen karibischen Genres und gaben noch einen Schuss Rock ‚n’ Roll hinzu (z.B. bei "Tequila" von "Juncal y sus Calistros"), später auch Funk & Soul.

Gipsy Rhumba
Soul Jazz Records
CD 275

Sie entwickelten eine neue Spieltechnik auf der Gitarre, den sog. ventilador, bei dem während die Saiten angeschlagen werden, die Handinnenfläche den Gitarrenkörper als Rhythmusinstrument spielt. Ob nun der "Rey de la rumba", Peret, oder Antonio González "El Pescailla" diese Technik erfunden hat - beide stritten sich jahrzehntelang darum -, ist nebensächlich, hat sie doch auch auf den "echten" Flamenco eingewirkt.

Die gitanos adaptierten oft Songs aus Lateinamerika, oft ohne zu wissen, wer sie komponiert hatte. Der berühmte argentinische Musiker Atahualpa Yupanqui hörte so eines Tages in Malaga sein Lied "Los ejes de mi carreta" in der Rumbaversion, ohne dass sein Name damit in Verbindung gebracht wurde. Es hat ihn stolz gemacht. Diese Anekdote steht im 60-seitigen Booklet (engl. und span.) zur CD, in dem die Geschichte der rumba catalana, wie sie auch heißt, kenntnisreich präsentiert wird. Ergänzt werden die Texte von den Bildern des französischen Fotografen Jacques Léonard, der in den 60er Jahren durch seine Heirat mit einer gitana einen sehr intimen Zugang zum Leben der gitanos erhielt. Hier hat Soul Jazz Records (und die beiden Compiler David El Indio und Jose Manuel Gómez) es (wieder einmal) geschafft, ein Gesamtkunstwerk herauszubringen, musikhistorisch wertvoll und gleichzeitig partytauglich. Denn die einzelnen Titel aus den Jahren 1965-74, seien sie vom "Erdbeben" Dolores Vargas, von Peret oder anderen, sind echte Knaller. Und so kann die Gypsy Kings-CD endlich zuhause bleiben und keiner der so genannten Experten braucht sich mehr zu schämen.

Text: Torsten Eßer
Cover: amazon

[druckversion ed 07/2014] / [druckversion artikel] / [archiv: lauschrausch]


© caiman.de : [disclaimer] / [impressum] / [agb] / [kontakt]