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[kol_2] 200 Jahre Befreiung: Im Interview mit Michael Zeuske

In den Jahren 2009 bis 2011 feiern neun Staaten Lateinamerikas ihre Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Spanien, wobei im Jahr 2010 die 200-Jahr-Feiern – bicentenario – ihren Höhepunkt erreichen. Torsten Eßer hat mit Michael Zeuske, Professor für Iberoamerikanische Geschichte an der Universität zu Köln, über die Unabhängigkeit, ihre Folgen und die Perspektiven für den Kontinent gesprochen.


1810/ 2010! Viele Staaten Lateinamerikas feiern ihre 200-jährige Befreiung von der Kolonialherrschaft. Was hat ihnen die Befreiung gebracht?
Aus wissenschaftlicher Sicht hat das zunächst nicht viel gebracht. Sozialökonomisch sind die Strukturen in Takt geblieben, die Eliten haben sich nach langen Kriegen und einer nahezu Selbstausrottung an die Spitze der jungen Staaten gesetzt und die alte Kolonialordnung rekonstruiert, mit all ihren Ungerechtigkeiten, den Rassenkonflikten, dem Kastendenken, der ungerechten Bodenverteilung usw. Und dann wurde 200 Jahre lang in Revolutionen ausgekämpft, was Lateinamerika heute ist bzw. zu sein anstrebt.

Allerdings spielen die Befreiungskriege eine wichtige symbolische Rolle als Gründungsakte der Staaten und eines eigenen Geschichtsbewusstseins, auch wenn sie oft mythisch und mystisch überhöht werden.

Warum ist die Schaffung von nationalen Identitäten bzw. einer regionalen lateinamerikanischen Identität über diesen langen Zeitraum so schwierig?
Lateinamerika ist ein Einwanderungskontinent. Hinzu kommt, dass in manchen Regionen 30% bis 50% der Bevölkerung zwangsverschleppt ist. Diese Menschen hatten keine Familie mehr, keine Namen, nur noch eine zerstörte Identität. Sie mussten für sich und ihr Umfeld erstmal eine neue, individuelle Identität entwickeln. Ebenso wurde die Identität der meisten Ureinwohner zerstört, und somit ist es auch für diesen Bevölkerungsteil ein sehr wichtiges Thema. Und letztendlich erlitten auch diejenigen, die aus Europa kamen – also die Elite – einen Identitätsbruch, da sie ihre spanische oder portugiesische Identität ablegen mussten, um auf lange Sicht in der neuen Umgebung zurechtzukommen. Unter diesen Bedingungen gemeinsame Identitäten zu entwickeln ist enorm schwierig.

Wieso entwickelte sich gerade Bolívar zum Held der Befreiungsbewegungen?
Weil er ein sehr impulsiver, politischer Mensch war und zugleich Angehöriger einer konservativen landbesitzenden Elite. Diese Mischung ergab, dass er zunächst auf rein militärische Mittel gesetzt hat. Er versuchte die Radikalität der französischen Revolution militärisch umzusetzen. Erst als er merkte, dass das nicht funktioniert, begriff er, dass die Unabhängigkeitsbewegung auch eine soziale Dimension hat. Und da legte er Axt an zwei Grundfesten der kreolischen Gesellschaft, ans Landeigentum und an die Sklaverei. Allerdings konnte er diese Reformen nicht konsequent durchhalten.

Die unvereinigten Staaten könnte man Lateinamerika heute auch nennen. Warum wurde Bolívars Traum von Großkolumbien oder sogar einem geeinten Kontinent nicht Wirklichkeit?
Die Idee, ein so großes Gebiet zu vereinigen, war damals relativ utopisch. Als Beispiel gab es eigentlich nur Russland, denn die USA waren ja noch klein und ein Erfolg der Westexpansion war noch nicht abzusehen. Die lokalen Verwurzelungen der Oligarchien und die regionalen Sonderentwicklungen sowie die fehlende Infrastruktur standen der Idee entgegen. Aber vor allem die lokalen Eliten waren es, die diese Utopie nicht mitgetragen haben.

Bolívars Ideen wurden schon immer von Politikern aller Art für ihre Sache benutzt. Wie kann das funktionieren? Und warum ist Hugo Chávez darin besonders erfolgreich?
Der Bolívar-Mythos existiert seit etwa 1844, als Präsident José Antonio Páez diesen Kult förderte. Seither hat er alle politischen Lager durchlaufen: Bis 1960 war er ein konservativer, staatstragender Kult. Dann versuchten die kreolischen Marxisten ihn für ihr Konzept der Revolution zu benutzen. Das hat die Sache noch einmal etwas aufgemischt und einen Bolívar geschaffen, der zusammen mit der Volkserinnerung in Venezuela, mit den Liedern und Geschichten der Unterschichten, einen sozialrevolutionären Bolívar erzeugte.

In diesem Milieu ist Chávez aufgewachsen. In der Militärschule hat er den drögen, konservativen Helden kennen gelernt, aus seinem barrio kennt er den Volksbolívar, später kam dann noch der revolutionäre Bolívar hinzu. Aus dieser Mischung hat Chávez seinen neuen Bolívarkult geschaffen, der den Vorteil aufweist, an viele verschiedene Erinnerungen der Venezolaner anknüpfen zu können.

Wieso haben sich die Lebens- und Besitzverhältnisse der Mehrheit in Mexiko kaum verbessert, obwohl die Mexikaner zwei erfolgreiche Revolutionen durchgeführt haben?
Schon Marx hat gefragt, wieso im iberischen Bereich dauernd Revolutionen stattfinden müssen, ohne das sich etwas ändert. Und es ändert sich tatsächlich nichts oder kaum etwas. Wahrscheinlich weil es nie zu wirklichen Landreformen gekommen ist…

Woher kommt der Trend zur diktatorischen Regierungsform in Lateinamerika?
Das ist historisch bedingt. Die weiße Elite schaute immer mit Verachtung auf die anderen Schichten herab. Wer aus den "Unterschichten" aufsteigen wollte, konnte das fast ausschließlich im Militär tun, das war der Aufstiegskanal. Und das Militär ist bekanntlich geprägt von Befehlen, Klientelismus, Führeranhängerschaft etc., so dass das Grundmuster, auf welche Weise sich die "Unterschichten" Demokratie vorstellen, eher ein diktatorisches ist.

Daher auch die starke Neigung zur Gewaltanwendung?
Die Kultur der Gewalt entstammt einerseits den schon erwähnten jahrhundertelangen Kämpfen, andererseits den schreienden sozialen Gegensätzen, den Rassengegensätzen etc.

Ist Lateinamerika immer noch ein abhängiger Kontinent?
Obwohl noch eine starke Abhängigkeit von den USA besteht, erleben wir gerade einen Prozeß der Abnabelung. Die neuen Präsidenten sind dabei, ihre Ländern langsam von externen Kräften zu lösen.

Interview: Torsten Eßer

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