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[kol_2] Lauschrausch (live): Jarabe de Palo vs. La Vega Puerca

Jarabe de Palo mit seiner neuen Scheibe Adelantando
"Vorwärts" - Das ist das Motto der jüngsten Scheibe von Jarabe de Palo mit ihrem charismatischen Sänger Pau Donés. Und wer schon einmal Gelegenheit hatte, die mittlerweile seit zehn Jahren aufspielende Band live zu erleben, der will immer wieder hin. Und so konnte auch ich mir diese Gelegenheit nicht entgehen lassen und hörte mir das zweite Konzert der diesjährigen Deutschlandtournee in München an. Man merkt es gleich: die Hallen werden größer, das Publikum vielfältiger, aber der Sound bleibt unverkennbar und zwingt die steifen Hüften in den rockigen Latino-Rhythmus.

Ein reifes Album haben die Damen und Herren mit Adelantando herausgebracht und getreu ihrem Motto nimmt man es sprichwörtlich so, wie es nun mal kommen mag. Mit den schlechten Zeiten, mit den guten Zeiten, aber eben immer eins im Sinn: vorwärts! Es geht immer weiter. Irgendwie.

Zunächst allerdings beginnt es gemütlich: wir holen uns gerade die erste Maß im Biergarten an der Muffathalle, da sitzt die ganze Band plötzlich neben uns und schaufelt sich noch schnell Bratfisch inklusive gutem bayrischen Bier in die hungrigen bzw. durstigen Musikerkehlen. Ja, man spiele gern in Deutschland, erfährt man vom Gitarristen Jordi Mena. Warum? Die Leute seien nett, es sei entspannt und es mache ungeheuer viel Spaß, mit spanischer Musik in Deutschland erfolgreich sein zu können. Gerade, weil nicht alle die Texte verständen.

Es hat etwas von familiärer Atmosphäre und die Jungs und Mädels sind alles, nur nicht abgehoben. Man merkt, dass sie Spaß haben, hierzulande in den kleineren Hallen zu spielen. Noch ein kurzes Salud, hoch die Krüge und schon geht's zur Vorbereitung auf das Konzert, das sich sehen lassen kann. Keine komplizierte Bühnenshow, sondern ein erstklassiges Zusammenspiel von Pau Donés’ Rhythmus- und Jordi Menas Sologitarre, den femininen Bassläufen und der glasklaren Stimme Carmen Ninos, den Rhythmen von Alex Tenas und Quino Béjar vermischt mit dem virtuos verrückten Keyboarder Jorge Rebenaque. Letzterer ist im Übrigen auch einen Extrakommentar wert, weil er wirklich alles gibt auf der Bühne, als sei es sein letzter Auftritt. Die Tasten hat er im Griff und auch das Akkordeon gehorcht ihm willig, wenngleich er beide Instrumente manches Mal arg strapaziert. Das Publikum dankt es ihm mit lautstarkem Applaus nach Nummern wie La Flaca oder En el Puro no hay Futuro, wenn er mit seinen Sololäufen doppelt punktet. Und so ergibt sich ein gelungener Abend mit Latino-Rock-Sounds, die ihres gleichen suchen. Und das Publikum geht wunderbar mit, ist ausgelassen, tanzt, singt und man könnte fast meinen, man stehe irgendwo in einem Madrider Vorstadtklub, wenn da nicht mit großen Lettern Augustiner auf dem Bierbecher stehen würde. Offensichtlich sind alle Hispanophilen in die Muffathalle gekommen, um Jarabe de Palo live zu erleben. Und wer möchte es ihnen verdenken?

Es ist diese einzigartige Mischung von Pau Donés Kompositionen und seiner Stimme, die diese Band so speziell machen.

Natürlich werden neben den neuen Stücken wie Adelantando, No Escondes Tu Corazon, Ole, auch die älteren Hits wie Romeo y Julieta, La Flaca, Depende, El Lado Oscuro gespielt.

Schade ist allerdings einmal mehr, dass bei den Touren heutzutage alles derart durchorganisiert ist, dass nach dem letzten Lied unweigerlich das Licht angeht. Gut, mit Grita fand das Konzert einen würdigen Abschluss, aber wenn schon nach dem Abklingen des letzten Gitarrenakkords Retortenmusik aus den Lautsprechern kommt, dann hat das dieser Abend einfach nicht verdient. Normal ist es wohl, aber gewöhnen werde ich mich daran nicht können. Da hilft nur ein: Vorwärts, Blick nach vorn, das nächste Konzert ist nicht weit…


La Vela Puerca stellen ihre neues Album El Impulso auf Deutschlandtournee vor - theoretisch
Zum siebten Mal sind sie jetzt in deutschen Landen. Man kann also gar nicht mehr von einem Geheimtipp sprechen und dennoch: sie füllen noch nicht die ganz großen Hallen, aber zufrieden scheinen die Herren um die Sänger Sebastián Teysera und Sebastián Cebreiro allemal zu sein. Warum auch nicht?! Das neue Album El Impulso kommt hervorragend an in Lateinamerika und ist soeben auch in Deutschland erschienen, die im Mai absolvierte Spanientour lief ziemlich gut und nun lässt die Band den Europabesuch in Deutschland ausklingen, ehe das nächste Konzert Ende Juli im argentinischen Córdoba stattfinden wird, wo sicherlich mehr als 200 Leute zum Konzert kommen werden. Wahrscheinlich müssen dort noch zwei Nullen an die Zuschauerzahl dran gehängt werden.

Mit El Impulso entfernen sich die Uruguayer vom Ska Image, das ihnen anhaftet. "Mir war das eigentlich immer egal", erklärt mir Santi, der Gitarrist.

"Wir machen unsere eigene Musik und das ist wichtig. Aber es stimmt schon, die Scheibe ist eher rockero geworden und das passt ziemlich gut zu uns." Ja, rockig ist sie geworden, aber auch tiefgründiger als ihre Vorgänger. Und persönlicher. Die Texte sind auf der einen Seite recht düster und pessimistisch wie in Para no verme mas, aber hoffnungsvoll und lebensbejahend wie in Hoy tranquilo auf der anderen. "Enano (so heißt der Leadsänger Sebastán Teysera - Anm. d. Red.) schafft es einfach, die ganz alltäglichen Gefühle und Lebenssituationen in Liedtexte zu verpacken. Jeder kann sich damit identifizieren und das ist uns sehr wichtig", fügt Santi an. Musikalisch sind sie zwar noch unter dem Label Surco des berühmten Gustavo Santoalalla (erhielt seinen zweiten Oskar für den Soundtrack des Films Babel), aber für den Sound ist ein anderer zuständig: Juan Campodónico, der sagt, dass das Konzept der neuen Scheibe die Kreation einer Wand aus Gitarrensounds sei. Und diese Wand kommt auch live zum Tragen: Wenn die Klänge zu Colabore, Neutro und La Sin Razon angestimmt werden, dann hält es niemanden mehr in der kleinen Halle.

Leider blieben das die einzigen Songs der neuen Scheibe, die zum Besten gegeben wurden, was der Stimmung allerdings keinen Abbruch tat.

Zu kraftvoll ist die Show der acht Musiker und die drei vorherigen Scheiben können überdies mit einprägsamen Liedern aufwarten. Unter ihnen auch das in Uruguay am häufigsten im Radio gespielte Lied Llenos de Magia, welches das Konzert mit einem Paukenschlag eröffnete. Das Publikum konnte sich in den folgenden zwei Stunden und knapp 30 Liedern an einem musikalischen Mix aus Ska / Rock / Funk / Reggae erfreuen, in der Hoffnung, dass La Vela beim nächsten Mal mehr Songs ihrer aktuellen Scheibe dabei haben.

Text: Andreas Dauerer
Fotos: (C) 2007 Universal Music Group / La Vela
Warner / Jarabe de Palo
Cover: amazon.de