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[kol_4] Lauschrausch: Oláh, Sambeat, Szandai und Miralta treffen Rafael Cortés
 
Geologische Kenntnisse sind von Vorteil, wenn man die auf dem ungarischen Label BMC erschienene Platte von Oláh, Sambeat, Szandai und Miralta zum ersten Mal in der Hand hält. Denn wer Alfred Wegners Theorie der Kontinentalverschiebung kennt, verbindet mit "Pangea" sofort den Superkontinent, der vor rund 300 Millionen Jahren im weltumspannenden Urozean Panthalassa lag.

Kálmán Oláh, Perico Sambeat, Mátyás Szandai, Marc Miralta
Sketches of Pangea
BMC 180

"Der Begriff symbolisiert ein wenig die Entstehung unserer Musik. Die heutigen Kontinente waren eins, drifteten dann auseinander und setzten sich neu zusammen. Wir haben musikalische Einflüsse aus verschiedenen Kontinenten zusammengeführt. Hier findest Du ungarische Melodien, Flamenco und Latin-Einflüsse. Alles fängt an einem Ort an, driftet auseinander und findet wieder zusammen. Denn schließlich ist - egal woher wir kommen und welche Einflüsse wir beisteuern - unsere Musik aus einem Guss", erklärt Drummer Marc Miralta aus Barcelona, der aufgrund seiner Teilnahme an vielen Jazz-Flamenco-Projekten in Spanien und den USA Erfahrung mit der Fusion verschiedener Stile hat. Hier aber ist er durch "Addaia" und "Pedra D’Aigua" mit zwei eher jazzlastige Kompositionen vertreten.

Die meisten Stücke stammen aus der Feder seines Landmanns Perico Sambeat. Der mit vielen Formaten und Stilen vertraute Saxophonist aus Valencia steuert neben lebhaften und abwechslungsreichen Jazztiteln ("Ciudad del Paraiso"/ "Atlantis") vor allem drei Interludes bei, die das Thema des Albums fortführen: Pangea zerbrach vor rund 150 Millionen Jahren in zwei Großkontinente, von denen der nördliche später "Laurasia" getauft wurde. Ihm ist das erste Interlude gewidmet, in dem Sambeat mit seiner Flöte indigene Klänge nachahmt, begleitet von rasselnden Muscheln und einigen, markant gesetzten Tastenklängen. Diesem Prinzip folgt auch das Interlude über "Gondwana", dem Großkontinent, der während des größten Teils der bekannten Erdgeschichte auf der Südhalbkugel existierte. Allerdings ersetzt Sambeat hier die Flöte durch ein schleifendes Saxophon; in der Percussion dominiert der cajon. In "Phantalassa" schließlich erzeugen wieder die Flöte und die Muscheln den "urzeitlichen" Charakter der Musik.

Die ungarischen Musiker Kálmán Oláh am Klavier und Mátyás Szandai am Bass steuern zwei Balladen mit langen Soli, eine Hommage an Theolonius Monk zur CD und vor allem die beiden "Hungarian Sketches" von Kálmán Oláh bei. "Sketch No.2" bildet den Höhepunkt des Albums, vereint es doch eine ungarische Melodie, die Oláh arrangiert hat, mit dem Rhythmus einer Bulería. Saxophon, palmas und cajon treiben das Stück voran. "Das Zusammenführen der beiden Musikkulturen gelang ausgezeichnet, fast schon spontan. Das erscheint seltsam, aber der Takt der Bulería passte sofort zu den Melodien", erklärt Perico Sambeat.

"Sketch No.4" kommt nicht ganz so rasant daher, wird aber ebenfalls von einer schönen Melodie getragen. Dass in einem Projekt mit spanischen Musikern der Begriff "Sketches" sofort Assoziationen auslöst, war übrigens nicht beabsichtigt: "Kálmán kam mit seinen beiden "Sketches" an, bevor der Titel der CD feststand. Aber natürlich erinnert er viele sofort an die Platte von Miles Davis", so Sambeat.

Diese ungewöhnliche Platte des spanisch-ungarischen Quartetts verdanken wir übrigens einem US-Amerikaner, wie Marc Miralta berichtet: "Ein Freund, der Saxophonist Tim Ries, erzählte mir in New York von einem ungarischen Pianisten und später diesem wiederum von mir. So kam Kálmán eines Tages nach Barcelona und wir stellten fest, dass wir musikalisch harmonierten. Ich bin dann nach Budapest gereist und habe dort mit ihm und Mátyás einige Konzerte gegeben. Dann beschlossen wir, einen Saxophonisten hinzu zu nehmen und ich dachte sofort an Perico. Und so entstand mit Hilfe der Agentur Contrabaix dieses Projekt." Vielen Dank Tim Ries!


Neuer Flamenco aus Essen: Der dort lebende und aufgewachsene Spanier Rafael Cortés unterstreicht auf seinem fünften Album nicht nur seine Fähigkeiten als Gitarrist, sondern auch als Komponist: Acht der neun Titel stammen aus seiner Feder (inkl. dreier Texte), ergänzt durch einen wunderbaren polnischen Walzer mit einem Streichertrio (El último domingo).

Cortés entwickelt seine Improvisationen mit einer beeindruckenden Leichtigkeit, ob es sich dabei um eine schnelle und fröhliche Bulería handelt (El caballito) oder um eine eher nachdenkliche Rondeña (Parando el tiempo).

Rafael Cortés
Parando el tiempo
CM Records / galileo mc

In "Esperanza" drückt die Melodie sehr treffend eben jenes Gefühl aus, verstärkt durch den Klang der Mandola, die Cortés hier spielt. In "Tango de la luna" singt José Ramirez eine Liebeserklärung an den Mond (oder an eine Geliebte!) und "Mirame" ist ein Tanguillo im Stile von Ketama. Hier hört man, dass Cortés auch für Pop und andere Musikstile offen ist: "Natürlich höre ich auch andere Musik, nicht nur Flamenco. Nur so kann ich etwas Neues einbringen. Als Jugendlicher hatte ich sogar mit meinem heutigen Schwager, der Leader bei der Heavy-Metal-Band Creator ist, eine Coverband. Da haben wir Stücke von Ozzy Osborne, Iron Maiden usw. gespielt", erzählt er im Interview.

Insgesamt orientiert sich Cortés bei seinen Stücken aber eher in Richtung des klassischen Flamenco: "Fusionen funktionieren gut, wenn man es schafft, die Seele jedes Musikstils in sie einzubringen. Aber das gelingt nur wenigen. Die meisten produzieren diese Fusionen nur aus kommerziellen Gründen. Das ist legitim, aber auf Dauer setzt sich "künstliche" Musik nicht durch", sagt er. Als Gimmick beginnt der letzte Titel mit Klängen aus einer Kneipe und geht in eine "spontane" Flamenco-Session über, ausschließlich mit Gesang und palmas, um abschließend in Geflüster zu enden.

Text: Torsten Eßer
Cover "Sketches of Pangea": pericosambeat
Cover "Parando el tiempo":
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