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Spanien: Atlantis re-visited (Ibiza Teil II) (Ibiza Teil I)

Heimweih. Ibiza re-visted 22 Jahre lang. Alle Träume von Atlantis sind Teil des big business geworden, und der Atlantis-Buddha ziert die alljährlich herausgegebene und mittlerweile global erhältliche CD
(Cafe del Mar 2004, Volumen 11) mit samtiger sundowner music des Café del Mar in San Antonio. Ich suche weiter. Auf Feldwegen in nach Rosmarin duftenden Pinienwäldern gelingt es mir tatsächlich für kurze Momente, Zipfel von Atlantis zu erhaschen. Aber es gelingt mir nicht, mich an die Transformation anzupassen. Immer wieder bricht sie mir das Herz.
Seit der erneuten Inselregierungsübernahme durch die Partido Popular im Jahr 2003 sind "Reformen" angesagt. Das zur Verhinderung der rasant fortschreitenden Zersiedelung eingeführte Gesetz über die Mindestgröße von Grundstücken wurde zurückgenommen. Dem weiteren Ausverkauf des Grundes an EU-Mitbürger steht somit nichts mehr im Wege; auf einer Insel, wo traditionellerweise der erste männliche Nachkomme (der "hereu") alles erbte, um eine Zersplitterung des bäuerlichen Betriebes zu verhindern. Mein Traumhaus von damals wurde längst an ein schwules amerikanisches Designer-Paar verkauft. An die Kirche in San Carlos wurden Siedlungen für Landidylle suchende Europäer angebaut, Wälder für versteckte, gut bewachte Paläste und Landhäuser aber auch primitive Feriensiedlungen ausgehöhlt. Wenn ein Sohn das Land nicht verkauft oder darauf Häuser zum Vermieten baut und die Landwirtschaft tatsächlich weiterführt, ist das etwas ganz außergewöhnliches. M.‘s Bruder wurde so zum Protagonisten in einem Film über die Insellandwirtschaft, der im Volkskundemuseum in St. Eulalia gezeigt wird.
| Weil der Hippy-Markt in Es Cana eine lieblose Massenveranstaltung ist, propagieren Lifestyle-Magazine den "idyllischen kleinen Markt" in Las Dalias, wodurch er gleichzeitig diese Qualität einbüßte. |
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Der einstige Nachbar "erweiterte" seinen Garten und pflügte auch gleich das Feld daneben um, um es in einen kostenpflichtigen Parkplatz für die samstäglich heranrollende Blechlawine umzugestalten. Ebenso wurden die kochenden Fischer in den kleinen Buchten wie Pou des Lleo, Cala Mastella und Cala Carbó in allen Medien zum "Geheimtipp" für Touristen auf der Suche nach dem "stillen Ibiza". Ibizenkos wie sie sind jetzt mehrsprachig und haben angebaut. Sie fahren große Wägen und schenken ihren Kindern ebensolche.
Da Reich & Schön nicht mehr an der zum Ballermänner-Eldorado verkommenen Playa d’en Bossa promenieren will, finden sich jetzt die Luxus-Beach-Clubs in den eigentlich vor einiger Zeit zum "Naturschutzgebiet" erklärten Salinas. Die Yellow Press sichtet jetzt dort ihre Busenstars, Industriellen und Mediengrößen. Ja, ich gestehe, ich ließ mich auch schon auf ein frisch überzogenes Strandbett und einen von einem gestylten Transvestiten servierten Drink im Malibu einladen. Malibu ist auch im Besitz des Matutes-Clans, der wirklich jede Marktnische abdeckt. Aus den Lautsprechern kommt schmeichelweicher angelsächsischer Mainstream, gekonnt durchmischt mit brasilianischem Urwaldtrommeln und feinrieselnder Flamencogitarre. Das Publikum: viele Damen mit prallen Brüsten und Herren mit dicken Bäuchen. Hier kann man ein Boot draußen im türkisen Wasser mieten, wenn man Intimsphäre braucht. Jemand hat eine goldene Kreditkarte im Sand verloren. Dem Kellner wird befohlen, im Sand zu buddeln. Wenn man nach einer Weile Lust auf was Härteres hat, kann man in den Techno-verströmenden Jockey Club wechseln.
Sa Trinxa ist noch immer irgendwie sexy und trendy. Junge und Junggebliebene aus der ganzen Welt. Babylonisches Sprachgewirr. Kühle Drinks, und noch immer der Holzsteg, der nicht nur über felsigen Untergrund ins Wasser führt, sondern auch als eine Art Catwalk dient. Aber die letzte Bastion der Freiheit ist gefallen, da die Freiheit zur trademark gestylt wurde und längst anderswo gesucht wird. Vor einigen Jahren wehte hier eine Fahne: "The Age of Aquarius". Nun gibt es Plastiksessel. Und in der Nähe einen Erste-Hilfe-Posten sowie eine neue Fahne: "¡Atención medusas!" Quallen treiben im seichten Wasser. Ibizenkos erklärten mir, dass sie eben der Wind vom Meer hereintreibt. Die nährstoffreichen Fäkalien der ins mit Plastikbetten vollgepflasterte Naturparadies strömenden Sonnenanbeter werden hiermit nicht in Zusammenhang gebracht. Auch hat man grünes Licht für den Bau eines Golfplatzes bei der Cala d’Hort mit dem göttlichen Blick auf Es Vedrá gegeben. Und die Feigenbäume sterben, weil der Grundwasserspiegel gesunken ist.
Mein Ex-Geliebter ist weiterhin ein geschickter Geschäftsmann, der seinen Erfolg genießt. Ich hätte ihn fast nicht wiedererkannt, als ich ihn vor sechs Jahren unbedingt wieder treffen wollte, so dick, so anders ist er geworden. Meine ibizenkische Model-Kollegin erfüllte sich, nachdem sie nach einem schweren Autounfall aus dem Koma erwachte, den Traum einer Luxus-Hochzeit mit 200 Gästen und 2000-Euro-Kleid. Ihr Ehemann ist arbeitslos. Meine Rezeptionskollegin starb bei einem Unfall mit dem Mofa. Der Surflehrer driftete von der Kokseuphorie in die Schizophrenie.
| Der Hoteldirektor stieg zum höchsten Inseltourismusbeamten auf, während der Hotelbesitzer seinen persönlichen Besitz vor dem Konkursverwalter rettete und jetzt anderswo investiert. L. ist in Pension und kämpfte erfolgreich mit dem Krebs. Natürlich trägt sie keine Tracht. |
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Die meisten anderen Kollegen und Bekannten gingen nach einiger Zeit ebenfalls weg. Nach einer Weile käme der Punkt, wo man gehen muss und wo die Suche beendet sei, meinen manche. Die Insel hätte einem ohnedies ihren Stempel aufgedrückt. Vom Tourismus-Job ausgelaugt, emigrierte die beste Freundin von damals nach Holland, wo sie nun Salsa-Events organisiert. Und manche wirft Ibiza ganz aus der Bahn, bringt sie um. Vielleicht weil die Insel im Zeichen des Skorpions steht, wie der Mythos besagt, und damit für Tod, Transformation und Wiedergeburt zuständig ist. Ein belgischer Architekt in meinem Hotel, der zweimal jährlich - zur Zeit der Opening- und Closing-Parties der renommierten Discos - nach Ibiza kommt, erzählt mir vom tödlichen Verkehrsunfall einer mit ihm befreundeten deutschen Krankenschwester, die im Sommer Schicht arbeitete und fast jede zweite Woche nach Ibiza flog, wo sie in breitkrempigen Hüten zu einem Inseloriginal mutierte. Wir sind uns beide einig, dass man in den Film "Sueño de Ibiza"
(El sueño de Ibiza". Spanien 2001. Regie: Igor Fioravanti) nur eintauchen kann, wenn man selbst irgendwann einmal den Magnetismus der Insel und die Fragen, die sie einem stellt, kennengelernt hat.
Weil alles andere - trotz Jets und Medien - so weit weg ist, wird hier ein unvergleichbarer Kult des Vergessens gepflegt. Bei der Landung auf dem Hinflug hörte ich meine Sitznachbarn sagen: "Ibiza endlich, jede Nacht wird es schneien." Für die Drogenprobleme gilt noch immer die Empfehlung an die Polizei "hacer la vista gorda", also großzügig darüber hinwegsehen. "Aber wenn unsere Insel doch sonst nichts zu bieten hat und wir für unsere Toleranz in der ganzen Welt berühmt sind", erklärte mir ein Ibizenko. Sommer für Sommer berichten die lokalen Zeitungen nicht nur von den Verkehrstoten im Zusammenhang mit Drogenkonsum, sondern auch der steigenden Anzahl von Menschen, die sich von Hotelbalkonen stürzen, weil sie glauben, der Swimmingpool wäre gar nicht so weit weg.
Die Ibizenkos nehmen wiederum das "Gib uns unser tägliches Brot" wortwörtlich. Heute ein ererbtes Grundstück verkaufen und ein noch besseres Auto fahren. Die Umweltprobleme werden ignoriert, wie fast überall, nur dass man es in einem ein paar Quadratkilometer großen Mikrokosmos deutlicher sieht. Disneylandia im hübschen Finca-Stil braucht - angeblich - mehr und immer bessere Straßen, vor allem eine Autobahn von acht Kilometer Länge von der Hauptstadt nach San Antonio, mit direkten Zufahrtsrampen in die Discos Amnesia und Privilege, die zu "Gütern allgemeinen kulturellen Interesses" erklärt wurden. Offiziell soll die horrende Verkehrsunfallstatistik (Die hohe Anzahl von britischen Verkehrstoten führte sogar zu einer parlamentarischen Anfrage im UK und zur Unterstützung des Autobahnprojekts durch Tony Blair) mit Hilfe der vom EU-Kohäsionsfonds finanzierten Straßenbauprojekte verbessert werden, die ganz nebenbei die Profite der Bau- und Politmafia steigern. Promiproteste - von Roman Polanski bis Niki Lauda - gingen zwar durch die Weltpresse, konnte die Autobahn Ibiza-San Antonio aber ebenso wenig verhindern wie Massendemonstrationen.
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Für das 2006 vom Inselrat (Verantwortliche für Infrastruktur und Bauindustrie: Estrella Matutes, Tochter von Abel Matutes) verwirklichte 261 Millionen Euro teure, den Ibizenkos unter dem Banner der "Modernisierung" angepriesene, Projekt wurden mehr als 500 Familien enteignet. 2006 war das erste Jahr, in dem ich kein "Heimweh" nach der Insel hatte. Neue Straßen, Urbanisationen in ehemaligen Feuchtschutzgebieten, Yachthäfen in winzigen Buchten sind in Planung. Der Tourismus ist nach der Bau- und Immobilienindustrie nur mehr der zweite Einkommensfaktor.
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Die Mehrheit der nur im Sommer in gleichermaßen schlecht bezahlten Tourismus- und Bau-Jobs beschäftigten Ibizenkos glaubt, dass es so sein muss. "Was können wir schon tun?" oder "Von etwas müssen wir ja leben!" sind die üblichen Argumente. Den neuen Mitbürger aus Deutschland, Großbritannien und dem Rest der Welt begegnet man mit der gewohnten Toleranz, aber zunehmenden Distanziertheit - mit dem Katalanischen als eine Art linguistischem Bollwerk. Die multikulturelle Gesellschaft ist jedenfalls möglich, denn die neuen Invasoren sind nicht arm (obwohl der Orient so nahe, sah ich in einer Woche nur zwei verschleierte Frauen).
L. sagte mir bei meinem letzten Besuch ganz unvermittelt, dass sie Angst hat, dass Ibiza eines Tages vom Meer verschluckt würde, so wie die Pazifikinsel Tuvalu, über die sie im Fernsehen einen Bericht gesehen hatte.
Text + Fotos: Nora Vedra