ed 05/2011 : caiman.de

kultur- und reisemagazin für lateinamerika, spanien, portugal : [aktuelle ausgabe] / [startseite] / [archiv]


[kol_4] Lauschrausch: Bossa Harpa Nova
 
Cristina Braga swingt ihre Harfe und stellt das eher besinnliche Instrument in ein völlig neues Licht: Virtuos und perkussiv, mit Basslinien, die sich perfekt in die Läufe eines Bossa-Nova- oder Jazz-Stücks einfügen. Dazu singt die Künstlerin, die seit 1993 auch erste Harfenistin im Symphonie-Orchester von Rio de Janeiro ist, mit melancholischer Stimme.

Teenager, die sich ein Instrument aussuchen, wählen meistens die Gitarre, das Schlagzeug oder andere populäre Instrumente. Wie kommt man zur Harfe?
Ich habe in einem Buch ein Bild von einer Harfe gesehen - meine Mutter meinte, da sei ich so drei Jahre alt gewesen - und von da an wollte ich Harfe spielen. Und ich habe diese Entscheidung nie in Frage gestellt. Das „Musikabitur“ habe ich dann im Fach „Harfe“ gemacht; in Brasilien sehr ungewöhnlich, denn dieses Instrument ist in der dortigen Kultur nicht verankert.

Cristina Braga
Harpa Bossa
Enja Records

Stimmt, in Brasilien gibt es keine traditionelle Musik, in der die Harfe eine Rolle spielt...
Nein, aber im spanischsprachigen Lateinamerika kommt sie schon vor. Es gibt die bekannte paraguayische Harfe, in Mexiko existieren sogar elf verschiedene Typen und insgesamt sind es rund 50 verschiedene auf dem gesamten Kontinent. In Brasilien dominieren die portugiesische Gitarre und die Mandolinen, weshalb es die Harfe dort wohl schwerer hat. Ein weiterer Grund ist die Modulation in der brasilianischen Musik. Dort existieren viele chromatische Bewegungen, die es in dieser Anzahl in den anderen Ländern nicht gibt.

Auf den ersten Blick passt die ruhige, zurückhaltende Harfe auch nicht zur – oberflächlich betrachtet – lauten, fröhlichen und bunten Kultur!
Erstens, wenn Du auf eine Landkarte schaust, dann ist Brasilien eine Harfe, zumindest hat es diese Form (lacht!), zweitens existiert neben der offensichtlichen Fröhlichkeit und Leichtigkeit auch die saudade, die nostalgische Traurigkeit, die dem portugiesischen Fado entspringt. Außerdem hat auch die Bossa Nova eine sehr melancholische Seite. Zu dieser Seite passt die Harfe gut. Beim Spiel versuche ich zudem während der Improvisation sehr stark, brasilianische Elemente einzustreuen, also zum Beispiel nordestinische Skalen [aus dem Sertão] zu nutzen.

Der Bogen ihrer Musik bzw. musikalischen Kooperationen spannt sich von der Klassik über den Jazz bis hin zu traditioneller Musik und sogar der Begleitung von Rockbands. Wie schafft man es, alle diese Stile mit der gleichen Leidenschaft zu spielen?
In Brasilien ist der Grad der Spezialisierung der Musiker nicht so extrem wie in Europa. Ein Orchestermitglied kann auch in einer Sambagruppe spielen oder in einer Jazzband ohne seine Reputation zu verlieren. Das hat übrigens auch Villa-Lobos so gemacht.

Von ihm findet sich auf der CD „Harpa-Bossa“ das Stück „Trenzinho“ aus einer seiner „Bachianas“. Dieses „klassische“ Stück ist in Brasilien noch heute ein Gassenhauer. Wie konnte es sich dazu entwickeln?
Ich glaube, das hat damit zu tun, was wir gerade angesprochen haben: Villa-Lobos hat auch populäre Musik gespielt, z.B. in Choro-Bands, und hat diese Erfahrungen wunderbar in seine Kompositionen einfließen lassen. Er hat diese Musik gelebt, gespielt und dann geschrieben. Darum enthält sie einen großen Anteil an brasilianischer Seele.

Auf der CD gibt es neben Eigenkompositionen viele brasilianische „Klassiker“. Wonach wurden sie ausgesucht?
Nach unserem Gefühl. Natürlich ist „Girl from Ipanema“ ein Klassiker, aber ich habe es eben auch sehr gerne und darum ist es auf der CD.

Das sonst eher langsame „Insensatez“ entwickelt sich bei Ihnen zu einem energiegeladenen Popsong. War das geplant oder kam das spontan?
Die Arrangements machen wir während der Proben, aber natürlich können sich Dinge auf der Bühne oder während der Aufnahmen spontan ändern. Unsere Geschwindigkeit entspricht hier aber auch besser der Bedeutung des Textes, den wir allerdings weggelassen haben.

Cristina Braga
Feito um peixe
Discmedi (Galileo Music Communication)

Wieso ist ihre Harfe blau?
Das ist eine elektrisch verstärkte Pedal-Harfe mit 48 Saiten für Bühnenauftritte im Bereich der populären Musik oder des Jazz, wo man mit anderen verstärkten Instrumenten zusammenspielt, Bass oder Schlagzeug zum Beispiel. Gebaut wurde sie von zwei Franzosen, die auch die Farbe ausgewählt haben.

Welche Erwartungen haben Sie an die neue brasilianische Präsidentin Dilma Roussef in politischer und kultureller Hinsicht?
Ich erwarte, dass es gut geht, denn sie setzt ja Lulas Politik fort. Außerdem habe ich gehört, dass sie Opern singt und Musik mag.

Gilberto Gil war unter Lula einige Jahre Kulturminister. Könnten Sie sich vorstellen, in Zukunft ein politisches Amt zu übernehmen?
Nein, nie! Mein Gebiet sind die Gefühle. Gilberto Gil war ein guter Minister. Als Künstler versteht man andere Künstler besser. Aber man muss auch Lust dazu haben, in die Politik zu gehen.

Text: Torsten Eßer
Cover: amazon

[druckversion ed 05/2011] / [druckversion artikel] / [archiv: lauschrausch]


© caiman.de : [disclaimer] / [impressum] / [agb] / [kontakt]