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[kol_4] Lauschrausch: Oh... Panama!

Die meisten Texte zu Panama beginnen mit einem Zitat des Kinderbuchautors Janosch, meiner nicht. Aber wie die Figuren in dieser Geschichte für Kinder können sich wohl nur wenige Menschen konkret etwas unter diesem Land vorstellen, dessen Name aufgrund des berühmten Kanals trotzdem fast jedem geläufig ist. Lateinamerikainteressierte kennen vielleicht noch den in Drogengeschäfte verwickelten Ex-Präsidenten Noriega und den Salsero und ehemaligen Präsidentschaftskandidaten Rubén Blades. Letzterer ist das musikalische Aushängeschild des kleinen Landes und - neben Billy Cobham - wohl der einzige international bekannte Musiker.


Das musikalisch in Panama einiges passiert und passiert ist, unterstreicht die Strategie von einigen US-Labeln: Ihnen dienten die Discotheken von Panama-City oft als Testfeld für neue Latin-Produktionen. Wenn sie dort ankamen, waren sie auch für den US-Markt geeignet. Für viele der Titel aus den Jahren 1965-1977, die auf den drei hier vorgestellten CDs des Labels Soundway versammelt sind, hätte das wohl auch gegolten, aber sie fanden nur selten ihren Weg auf den internationalen Markt.


Die Musik Panamas spiegelt dessen Gesellschaft wider: eine Mischung aus indigenen Völkern, spanischen Eroberern, afrikanischen Sklaven, karibischen und asiatischen Gastarbeitern und US-Bürgern, die seit der Übernahme des Kanals durch die USA im Jahr 1902 ins Land strömten. Son, Rumba, Calypso, Salsa, Bolero, Foxtrott, Jazz, Gospel, Funk, Rock und Militärmärsche werden fröhlich durcheinander gewirbelt und vervollständigt durch Musik der großen Nachbarstaaten, also Cumbia und Vallenato aus Kolumbien und Música Ranchera aus Mexiko. Das alles fließt auch in die hier versammelten Stücke ein, die - in der Tradition von Soundway - vor allem tanzbar sein sollen. Dabei reicht die Bandbreite von den Folkloremusiken Tamborera und Tamborito, gespielt von Papi Brandao oder Los Silvertones, über kubanischen Guaguanco von Freddy y sus Afrolatinos bis zum Soul-Boogaloo von Victor Boa, vom Akkordeonspiel Ceferino Nietos bis zum Guajira-Jazz der Telecasters. Der Soul von The Exciters muss sich nicht hinter der Musik von US-Krimiserien der 70er Jahre verstecken und auch die Version der Los Invasores von "El ratón" steht dem Original in nichts nach.


Die Soundqualität entspricht zwar nicht immer heutigen Maßstäben, da viele der Tracks von alten 45ern übernommen werden mussten, aber das tut der Musik keinen Abbruch, verstärkt eher die Authentizität des Hörerlebnisses. Die einleitenden Texte sind nicht weniger als eine kurze Musikgeschichte Panamas. Was Roberto Ernesto Gyemant mit diesen drei CDs vor dem Vergessen gerettet hat, ist beeindruckend. Und weil ich es dann doch nicht lassen kann, muss ich Janosch zitieren: "Ach wie schön ist [die Musik in] Panama..."

Text: Torsten Eßer
Cover: amazon

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