brasilien: Padre Marcelo Rossi
Katholische Multimedia-Waffe
THOMAS MILZ
[art. 1]
spanien: Heilige Nacht mit Guaraná
Nicht ganz ernst gemeinte Chronik der Semana Santa (2007)
BERTHOLD VOLBERG
[art. 2]
mexiko: Geheimsache Veracruz
FELIX HINZ
[art. 3]
spanien: Atlantis re-visited (Ibiza Teil I)
NORA VEDRA
[art. 4]
bolivien: Ein Weg in die Unabhängigkeit
Kolping in Bolivien unterstützt Frauen bei der Unternehmensgründung
KATHARINA NICKOLEIT
[art. 5]
pancho: Pommes über? Kroketten satt? Tostones rot-weiß!
DIRK KLAIBER
[kol. 1]
macht laune: Das Pillenwunder
THOMAS MILZ
[kol. 2]
lauschrausch: Roberto Fonseca / Beatriz Aguiar
TORSTEN EßER
[kol. 3]





[art_1] Brasilien: Padre Marcelo Rossi
Katholische Multimedia-Waffe

Er ist Sänger, Schauspieler, Fernsehprediger und DIE große Hoffnung der katholischen Kirche Brasiliens: Padre Marcelo Rossi, ein 39 Jahre alter und nahezu zwei Meter großer Hüne voller Charisma.

Seine CDs mit aufgepopten Kirchenliedern verkaufen sich wie warme Semmel - niemand hat in den letzten Jahren in Brasilien derart viele Scheiben verkauft. Und sein Film "Maria, die Mutter des Gottessohnes" zog drei Millionen Besucher in die Kinos.

Dreimal pro Woche hält er vor bis zu 20.000 Gläubigen seine Pop-Messe in einer ehemaligen Fabrikhalle im Süden São Paulos, und sonntags ist via TV Globo das ganze Land live zugeschaltet. Bei seinen Auftritten in den Fußballstadien des Landes versammelt er gar bis zu 100.000 Begeisterte.

Singende Gläubige :: CD
Padre Marcelo Rossi

Rossi ist die Allzweckwaffe der darbenden katholischen Kirche Brasiliens. Allein in der 20 Millionen-Metropole São Paulo hat diese in den letzten Jahren gut 30% ihrer Anhänger an die Pfingstkirchen verloren. In ganz Brasilien, so schätzt man, haben diese bereits gut 20% der Bevölkerung für sich gewonnen - und das im "katholischsten Land" der Welt.

"Die katholische Kirche in Lateinamerika wird unterwandert", warnt Rossi, ein ehemaliger Sportlehrer, der durch den Tod zweier Angehöriger Anfang der 90er Jahre sein persönliches "Gotteserlebnis" hatte. Seitdem zieht er rastlos durch das riesige Land und verkündet die Botschaft Gottes.

Verhaltene Gläubige :: keine CD
Padre Marcelo Rossi

Dabei hat er das Erfolgsrezept der evangelischen Fernsehprediger kopiert - mitreißende Musik und die lautstarke Partizipation der Gläubigen. "Ich mache keine Show und ich bin auch kein Popstar", zeigt sich Rossi jedoch bescheiden. Doch nach dem offiziellen Ende der Messe verharren Tausende vor der Bühne , um die improvisierte Rockjam von Rossi und seiner Band mitzuerleben. Wild hüpft dieser mit dem Mikrofon in der Hand über die Bretter und ganze Eimer voll Weihwasser feuert er dabei in die schwitzende Menge.

Vor ein paar Jahren hat er Papst Johannes Paul II. in Rom besucht, und dabei auch Joseph Ratzinger kennen gelernt. Prima unterhalten habe er sich mit dem sympathischen Deutschen, so Rossi. Und beide werden sich wieder sehen, wenn der Papst Anfang Mai auf dem "Marsfeld" in São Paulo seine Messe hält. Dann wird Rossi das Begleitprogramm bestreiten.

Rossis Bischof Dom Fernando
Padre Marcelo Rossi

Angeblich sieht man im Vatikan Rossis Popallüren mit gemischten Gefühlen, doch Rossi bleibt gelassen. Wenn man ihn nicht haben wolle, könne er sich jederzeit zurückziehen, und das ohne jeglichen Groll, sagt er bescheiden. Rossis Vorgesetzter, Dom Fernando, der Bischof von Santo Amaro, bescheinigt dem Bühnenderwisch jedenfalls, dass er pflegeleicht sei. Bisher habe er keine Probleme gehabt, das Temperament seines Schützlings im Zaum zu halten. Ob das jedoch in Zukunft so bleiben werde, wisse er nicht, gibt der Kirchenmann zu.

Ob Rossi auch in Zukunft im Dienste der katholischen Kirche stehen wird, bleibt abzuwarten. Falls man jedoch beschließt, auf seine Dienste zu verzichten, ist er durchaus in der Situation seine Karriere als Popstar voranzutreiben; oder vielleicht sogar seine eigene Kirche zu gründen. Genügend Anhänger hätte er mit Sicherheit.



Interview mit Padre Marcelo Rossi

Padre Rossi, verstehen Sie sich eher als Priester oder als Popstar?
Auf keinen Fall Popstar, nur Priester, und das zu 100%. Aber wir hier in Brasilien müssen die modernen Medien nutzen. Ihr Europäer müsst verstehen, dass wir hier in Südamerika von den evangelischen Sekten unterwandert werden. Diese Sekten bedienen sich Shows, um sich auszubreiten. Ich dagegen mache keine Shows. Ich nutze lediglich die Musik, und die Musik ist sehr stark.

Wir Südamerikaner müssen aufpassen, sonst sind wir in 10 Jahren nicht mehr katholisch und die Zahl der Gläubigen wird dramatisch zurückgehen. Deshalb habe ich diesen Auftrag zu erfüllen, mit der Unterstützung meines Bischofs und der Musik, nicht aber durch Shows - es gibt zwar Padres, die Shows inszenieren, ich jedoch habe dies niemals.

Multimedia Padre
Padre Marcelo Rossi

Natürlich habe ich viel Geld mit meinen CDs verdient, habe aber alles für soziale Zwecke verwendet, nichts für mich behalten. Wenn ich ein Popstar wäre, hätte ich mich schon lange zur Ruhe gesetzt. Künstlerkarrieren sind schnelllebig. Ich bin seit 13 Jahren Priester, die Künstlerkarriere wäre schon längst vorüber.

Heute habe ich die Nachricht erhalten - und bitte prüft das nach - dass ich 2006 die meistverkaufte CD herausgebracht habe. Ich habe mehr CDs verkauft als alle anderen Musikstars zusammen. Warum? Weil ich Priester bin. Die Musik führt zum Gebet. Und nicht zur Show. Show-Künstler kommen und gehen, ich bleibe.

Was machen Sie mit dem Erlös aus dem Verkauf ihrer CDs?
Alles Geld geht in den Bau des neuen Santuarios. - Es gibt drei Versuchungen, die den Menschen zerstören können: Sein, Besitz und Macht.

Sein: Ich gehe jetzt ins Krankenhaus, einen Freund besuchen, der gerade an Krebs stirbt.
Besitz: Wenn ich sterbe, kann ich nichts mitnehmen.
Macht: Man kennt einen Menschen erst, wenn er ein Amt übernimmt.

Wer sucht die Lieder für die CDs aus?
Ich lasse die Leute hier in der Messe abstimmen. Wenn die ein Lied mögen und mitsingen, nehme ich es auf CD auf.

Wer komponiert die Lieder?
Ich arrangiere traditionelle Lieder neu, andere Lieder sind mit Absicht evangelische Lieder, die meisten aber natürlich katholisch.

Rossis Vorgesetzter Dom Fernando
Rossi sei pflegeleicht

Akzeptiert die katholische Kirche Ihre Art der Auftritte?
Wäre mein Stil nicht mit der Kirchenlinie zu vereinen, würde ich ja nicht mehr hier sein. Ich bin schließlich schon seit mehr als 10 Jahren in den Medien präsent. Wäre etwas an meiner Arbeit falsch, wäre ich von der Kirche schon längst aus dem Verkehr gezogen worden. Würde der Papst sagen, ich will den Rossi nicht dabei haben, würde ich das sofort akzeptieren.

Ich meine, du hast der Messe eben beigewohnt, da gab es keine Show! Du hast gesehen, wie ich die Liturgie respektiere. Da wird nichts geändert. Das Einzige, was anders ist, sind die nach oben gestreckten Hände der Menschen. Und die Zweige, die aber nun mal zur Zeremonie gehören (Palmsonntag). Ist das etwa gegen die Liturgie? Meine Lieder folgen strikt der katholischen Liturgie. Nur die Medien berichten viel Erdachtes über mich. Mein Bischof (Dom Fernando) jedoch kennt - Gott sei Dank - meine Arbeit und meine positiven Intentionen.

Sind Sie eine Waffe im Kampf gegen die evangelischen Pfingstgemeinden?
Zuerst einmal gehöre ich nicht zur Pro-Elite, die denkt, dass die Evangelicos ausschließlich in der Unterschicht verankert sind und darüber hinaus gibt es solche und solche Evangelen. Ich habe Freunde, die Lutheraner sind, Presbyter, Baptisten. Aber diese neuen Kirchen, die in den letzten 20 oder 30 Jahren gegründet wurden, und die nur merkantile Interessen verfolgen, die nur an Geld denken, Geld verlangen und Exorzismus praktizieren - ich habe dies mit eigenen Augen gesehen - die versuchen, auf illegale Weise an Geld zu kommen, gegen die will ich sein. - Nicht als eine Waffe, sondern als ein Verteidiger der Kirche. So will ich sein.

Mission gegen die Pfingstgemeinden
Rossi: Verteidiger der Kirche

Wieso haben Sie sich für dieses Leben entschieden?
Früher war ich Sportlehrer. Aber Gott sucht nicht die Fähigen aus, sondern befähigt die Auserwählten. (lacht)

Werden Sie den Papst treffen?
Ich bin zu der Messe auf dem Marsfeld eingeladen, wo ich das Rahmenprogramm mitgestalte. Und ein Fernsehkanal hat mich eingeladen, für sie als Kommentator zu arbeiten. Ich wünsche dem Papst, dass er hier bestmöglich aufgenommen wird.

Ich will zeigen, dass ich nicht der Pop-Padre bin, sondern eine seriöse Person. Jesus ist der Edelstein, der Rest ist bloß Schmuck. Oder besser: Gott ist der Edelstein, der Rest ist bloßer Schmuck. Und ich bin von der ganz kostengünstigen Sorte.

Text + Interview + Fotos: Thomas Milz





[art_2] Spanien: Heilige Nacht mit Guaraná
Nicht ganz ernst gemeinte Chronik der Semana Santa (2007)

Palmsonntag, 1. April 2007
"Oh Gott, ist das kalt hier! - Und das soll die heißeste Stadt Europas sein?" Sabine, mein Besuch aus Deutschland, ist gestern in Sevilla angekommen und steht nun im sonnengelben T-Shirt fröstelnd neben mir. Wir befinden uns in der Nähe der Herkules-Allee auf der Dachterrasse eines Hauses, das eher ein Palast ist, und unter uns liegt die Hauptstadt Andalusiens im bläulichen Licht einer erwartungsvollen Abenddämmerung. Während der Horizont sich langsam violett verfärbt, ist die Frage, die alle beschäftigt: kommt die "Amargura" raus oder nicht?

Am Nachmittag, vor ein paar Stunden, hat es kurz und heftig geregnet, deshalb ist ungewiß, ob die beiden letzten Prozessionen mit den wertvollsten Kunstwerken des Tages - Amargura und Amor - überhaupt stattfinden.

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Unsere Gruppe hat Zuwachs bekommen seit letztem Jahr und besteht aus: meiner Sevillaner Freundin Carmen und ihrem Mann Manolo, drei Pilgern aus Madrid (Amparo, Vicente, Cayetana), der Französin Antoinette, die seit Jahren in Sevilla lebt, sowie Sabine (alle Namen geändert) und mir. Für Dienstag abend erwarte ich noch ein befreundetes Ehepaar aus Köln und Amparo kündigt in diesem Zusammenhang an, dass für die Madrugá (Karfreitagnacht) noch zwei Teenies aus Madrid zu uns stoßen, die eine neu entwickelte, abenteuerliche Limonade mit Guaraná-Extrakt mitbringen werden - "damit wir weder einschlafen, noch vor Kälte erstarren." Ja, es ist wirklich sehr kalt für Sevillaner Verhältnisse. Da hilft nur heißer Kaffee und der dunkle, sirupartige Likörwein, den unsere Gastgeber herumreichen.

Aber das Warten hat sich gelohnt! Denn tief unter uns in der Gasse formiert sich jetzt die Doppelreihe der mit weißen Gewändern und unheimlichen Kapuzen maskierten Nazarenos der Bruderschaft Amargura, die mit flackernden Kerzen würdevoll voran schreiten im Dämmerlicht.

Von hier oben sehen diese verkleideten Büßer aus wie die kleinen Zuckerguss-Nazarenos in den Schaufenstern der Konditoreien von Sevilla. Die Perspektive ist großartig, denn wir schauen wie aus dem Himmel hinein in diese tiefe Straßenschlucht. Leider ist es fototechnisch der schlechteste Moment, denn im diffusen Dämmerlicht ohne Stativ ist das Ergebnis meiner fotographischen Bemühungen meist nur "abstrakte Kunst". Sieht zwar interessant aus, wenn sich statt Kerzenflammen Lichtschlangen durch verschwommene Nazareno-Reihen bewegen, bleibt aber weit entfernt von der Intention des Fotografen. Aber vielleicht ist dieser Moment zu schön, um ihn festhalten zu können, wie Sabine neben mir mit einem Anflug von philosophischer Tiefe verkündet.

Als wir um halb zwei nachts mit jeweils zwei Pullovern übereinander in der Calle Cuna die letzte Prozession des Tages von der Bruderschaft El Amor anschauen, wird plötzlich für ein paar Augenblicke ein schönes Wortspiel direkt vor uns komponiert.

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Die Doppelreihe der schwarz gewandeten Büßer hat kurz angehalten. Auf den schwarzen Kreuzen, die sie tragen, steht der Name der Bruderschaft: Amor. Auf der gegenüberliegenden Seite wird das "r" von Amor durch den Schatten des anderen Kreuzes verdeckt, so dass man lesen kann: "Amo Amor" - "Ich liebe die Liebe" - könnte es ein schöneres Motto für die Semana Santa geben? Die statistische Tagesbilanz des Palmsonntags fällt allerdings weniger romantisch aus.

Es mussten 75 Tonnen Abfall von der Müllabfuhr aufgesammelt werden, 2200 Polizisten waren im Einsatz, 23 Klappstühle klappten für immer zusammen.

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Es gab sechs Ohnmachtsanfälle und die Herzattacke eines 85-Jährigen als er zum ersten Mal die monströsen Betonpilze auf der Plaza de la Encarnación sah..

Heiliger Montag, 2. April 2007
Auf der anderen Seite des Guadalquivir, in der Hauptstraße von Triana, San Jacinto, warten wir auf den Paso (Altarbühne) des Christus von San Gonzalo. Die Popularität dieser noch jungen Bruderschaft ist enorm und die schöne Christusstatue von Ortega Bru wird hoch geschätzt. Meine Freundin Carmen, die immer für kühne Pioniertaten zu haben ist und zu den glühendsten Verehrerinnen dieser Christusskulptur gehört, schlägt vor, dass im Rahmen der Gleichberechtigung der Geschlechter ein Fanclub zu Ehren des Christus von San Gonzalo gegründet werden soll. Seine Anhängerinnen sollen einen leidenschaftlichen Chor bilden und - nach dem Vorbild der berühmten "Macareeena - Guapa!"-Rufe - die Prozession begleiten und die ganze Zeit über aus bald heiseren Kehlen "San Gonzalo - Guapo!" ("San Gonzalo - Du Schöner!") heraus brüllen. Es würde uns nicht wundern, wenn sie diese bizarre Idee nächstes Jahr in die Tat umsetzt, sie war schon immer verwegen...

Cayetana scheint sich mehr für einen der Leuchter-Träger in der Prozession zu interessieren, der ist in der Tat nett anzuschauen und nicht aus Zedernholz wie der Christus, dem er voranschreitet, sondern aus Fleisch und Blut.

Als ob wir Carmens Fanclub-Plan schon in die Tat umsetzen wollten, hängen wir uns an den vergoldeten Paso, der in der Sonne glänzt, und folgen ihm bis zur Kapelle der Sternenmadonna, wo die Costaleros (Träger) von San Gonzalo ihrem Ruf, zu den besten in Sevilla zu gehören, alle Ehre machen.

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Sie gönnen sich keine Pause, zwei Märsche und ein Trompetensolo lang bewegen sie den fast drei Tonnen schweren Paso kunstvoll im Takt der Musik und eine Welle von Applaus begleitet sie auf ihrem Weg zum Flussufer. Die goldene Altarbühne des Christus aus dem Barrio León tritt den Triumphmarsch über die alte Brücke an. "San Gonzalo - Guapo!" - ruft Carmen ihm übermütig hinterher.

Heiliger Dienstag, 3. April 2007
Wir befinden uns unter den Arkaden des schönsten Patios von Sevilla im Pilatos-Palast und es regnet in Strömen. Ratlos und ziemlich genervt schauen wir uns an. Denn dies ist kein feiner Nieselregen, der jeden Moment wieder aufhören könnte, sondern eine Dauer-Sintflut, und es sieht so aus, als ob dieser Prozessionstag komplett ins Wasser fällt. Um uns zu trösten, beschließen wir, zum Tapas-Essen in die Bar Estrella zu gehen.

Als wir den Palast verlassen, sehen wir im Patio eine Gruppe von Costaleros der Bruderschaft San Esteban, die wohl vergeblich angetreten sind, ebenso wie eine schon als himmelblaue Nazarenos verkleidete Familie.

Um vier Uhr nachmittags hat es aufgehört zu regnen und Vicente, der ständig mit einem Ohr in die Nachrichten des Radiosenders Cadena Ser hineinhört, grinst zufrieden und verkündet: "San Esteban geht doch!"

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Wir brechen sofort auf um die Prozession der "Himmelblauen" in der Calle Cuna zu sehen. Bei Anbruch der Nacht stehen wir an der wahrscheinlich engsten Stelle der Gasse Cardenal Spínola und warten auf die Prozession der Bruderschaft des süßen Namens Jesu (Dulce Nombre). Schon dringen die ersten Nazarenos mit dem silbernen Leitkreuz in die Gasse ein.

Als der goldglänzende Paso sich nähert, müssen wir uns eng an die Wand quetschen, denn er füllt fast die ganze Breite der Gasse aus. Er geht so dicht vorbei, dass eine der Eckfiguren - ein Engel - leicht die Stirn von Vicente berührt. Das soll ja Glück bringen. Aber offenbar nicht was das Wetter betrifft, denn mit sorgenvollem Gesicht meint Antoinette, sie hätte zwei Regentropfen gespürt. Tatsächlich bleibt es nicht bei zwei, bald setzt leichter Regen ein. Doch die Prozession der tapferen Bruderschaft Dulce Nombre wird fortgesetzt.

Plötzlich stupst mich ein kleiner Nazareno an und bietet mir und Antoinette ein Bonbon und eine "estampa" an - ein Bildchen der Madonna des süßen Namens. Sabine ist so gerührt, dass ich es gleich weiter verschenke. Da holt der Kleine gleich noch ein Dutzend estampas der Madonna hervor und verteilt sie in unserer Gruppe. Vielleicht ahnte der kleine Nazareno schon, dass er es nicht bis zur Kathedrale schaffen würde, dass diese Prozession ein allzu schnelles Ende finden würde.

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Die folgenden Szenen habe ich so noch nie gesehen. Der Regen wird intensiv, einige Zuschauer versuchen, Regenschirme aufzuspannen, können es aber nicht, da die Gasse zu eng ist und die Schirme gegen die hohen spitzen Kapuzenmasken der Nazarenos stoßen. Diese werden natürlich ebenfalls nass, schreiten aber tapfer weiter; auch die ganz Kleinen, oft an den Händen der Mütter geführt. Und da das Publikum keine Schirme aufspannen kann, beschließt es, der mutigen Bruderschaft zu applaudieren. Der Applaus wälzt sich wie eine Welle durch die ganze Straße.

In all dem Chaos löst sich auf einmal eines der als Messdiener verkleideten Kinder, die in einer Gruppe in der Prozession mitgeführt werden und Körbchen mit Nachschub (Bonbons und Madonnenbildchen) tragen, von den anderen, läuft voraus durch die Reihen der Nazarenos und Zuschauer, schwenkt sein leeres Körbchen und brüllt gar nicht traurig, dafür aber so laut wie möglich: "Wir haben keine Bonbons mehr, wir haben keine Bonbons mehr!"

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Da der Regen anhält, wird alsbald klar, dass es nicht nur keine Bonbons, sondern auch keine Prozession mehr gibt. Der Paso des Christus mit den kostbaren Skulpturen wird in das Kloster Santa Rosalía hinein gerettet, das sich zum Glück in dieser Gasse befindet. Aber was ist mit der Madonna? Ihr Paso, über den sich ein Baldachin wie ein überdimensionaler Schirm spannt, war bereits in die Gasse eingebogen und ist nur noch dreißig Meter entfernt, man kann schon ihr schönes, sehr dunkles Gesicht erkennen.

Der Paso bewegt sich, kommt aber nicht näher - er entfernt sich! Die Costaleros tragen sie jetzt rückwärts schreitend zur Kirche zurück. Wenn die Szene nicht für alle Beteiligten so traurig wäre, könnte man fast lachen, denn es sieht schon unfreiwillig komisch aus, wie sich die Madonna mit der flackernden Kerzenpyramide im Rückwärtsgang bewegt - wie ein Videofilm, bei dem man die Rücklauftaste gedrückt hat. Wenigstens hat sie einen kurzen Ausflug gemacht.

Heiliger Mittwoch, 4. April 2007
Um sechs Uhr abends stehen wir unter einem wieder beängstigend bewölkten Himmel auf der schönen Plaza de San Martín vor der gleichnamigen Kirche in einer dichten Menschenmenge. Alle Balkone und Dachterrassen rund um den Platz sind zum Bersten gefüllt mit Zuschauern, aber die Prozession lässt auf sich warten: 10 Minuten, 20 Minuten, sollte sie etwa abgesagt worden sein?

Nein, plötzlich öffnet sich das Portal und die rotweiß gewandeten Nazarenos der aristokratischen Bruderschaft La Lanzada kommen heraus.

In dem Moment, als der riesige, üppig vergoldete Paso mit der Szene des Lanzenstoßes gegen den gekreuzigten Christus aus der Kirche getragen wird, reißt der Himmel auf und Sonnenstrahlen tauchen das Gold der Altarbühne in einen blendenden Glanz, der wie bestellt wirkt. Ein Raunen durchläuft das Publikum und es gibt Szenenapplaus für diese "Lichtregie".

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Gründonnerstag, 5. April 2007
Wir "zelebrieren" gerade, es ist vier Uhr nachmittags, das (vorgezogene) Letzte Abendmahl, einen von Manolo köstlich im Backofen zubereiteten Bacalao, verfeinert mit Orangenblütengelee von den Nonnen des Klosters Santa Paula, als Amparo plötzlich mit todernstem Blick, der den Gedanken an einen üblen Scherz gar nicht erst aufkommen lässt, die gefürchteten Worte in den Raum wirft: "Es regnet!" Alle lassen Gabel, Messer und Sherrygläser fallen und stürzen zum Fenster. Ja, es regnet. Wie am Dienstag. Nicht nur ein bißchen, sondern so richtig. Und es regnet immer heftiger, der Himmel verdunkelt sich, kein Blau der Hoffnung mehr zu entdecken. Wir schalten das Radio ein und Cadena Ser meldet jetzt 100% Regenwahrscheinlichkeit für den Rest des Tages - eine vernichtende Prognose, denn es wird wohl keine einzige Prozession die Kirche verlassen. Nach dem Essen werden die Regenschirme aufgespannt und wir widmen uns aus Trotz der üblichen Sevillaner Beschäftigung an einem Regentag der Karwoche: Pasos-in-den-Kirchen-gucken. Nach dem Motto: wenn die Pasos nicht aus den Kirchen kommen, kommen eben wir zu ihnen.

Und dann gibt es doch wieder Hoffnung: kurz vor Sonnenuntergang hört der Regen auf, die Wolkendecke bricht auf und gibt ein paar leuchtend blaue Stellen frei. Dann die frohe Botschaft: die Quinta Angustia, ausgerechnet die noble Hochadels-Bruderschaft, der man traditionell am wenigsten Risikobereitschaft zugetraut hätte, kündigt an, dass ihre Prozession stattfinden wird und wagt sich mit ihrem kostbaren Paso hinaus in das Wetterchaos. Feierlich schreiten ihre violett gekleideten Nazarenos durch die kalte, aber Gott sei dank trockene Nacht. Und wie jedes Jahr erwarten wir die kunstvollste Passionsszene Sevillas mit dem frei vor dem Kreuz schwebenden Christus von Pedro Roldán auf der Plaza de Molviedro.

Ein magischer Moment: Weihrauchnebel, lateinische Gesänge gefolgt von einer Saeta, einem heiser gesungenem Flamenco-Gebet.

Die Wolken geben erstmals den Vollmond frei und der Blick wandert nach oben zu der bizarr gekrümmten Statue des Erlösers, die vom Kreuz herab gelassen wird.

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Alle sind wir noch ganz ergriffen als der Paso der "Fünften Todesangst" knirschend um die Ecke biegt. Da werden mir plötzlich von Vicente die angekündigten Neuankömmlinge vorgestellt: die beiden Teenies Juan und Jorge, die mir feierlich die versprochene Flasche "Guarana Red Force" überreichen und das Ehepaar aus Madrid (José und Marisa) - das zu allem Überfluss auch noch Mitglied in der Bruderschaft der Esperanza de Triana ist. "Da sind wir ja jetzt ganz schön viele....", meine ich etwas verunsichert. "Zwölf!", entgegnet Amparo stolz - "Wie die 12 Apostel."

La Madrugá, Karfreitagnacht, 6. April 2007
Es ist derselbe schwierige Anfang wie jedes Jahr. Kurz nach Mitternacht will ein Platz erobert werden, um den "Jesus der großen Macht", die berühmteste Christusstatue Sevillas, möglichst nah an seiner Kirche zu sehen. In der Straße, die seinen Namen trägt, stehen die Zuschauerreihen schon dicht und in geschlossener Abwehrhaltung. Dabei wird es noch eine Stunde dauern bis er hier vorbei getragen wird! Aber etwas ist ganz anders als in den letzten 20 Jahren meiner Semana Santa Erfahrung: es ist kalt, winterlich kalt. Eine Stunde Wartezeit ist also keine erfreuliche Aussicht. Da entdecken wir plötzlich doch eine Lücke und sofort schlagen wir unsere Stühlchen auf. Eine endlose Reihe schwarz vermummter Nazarenos schreitet vorbei, wir vertreiben uns die Zeit, indem wir die bunt gemischten Zuschauer auf den Balkonen beobachten.

Plötzlich sieht jemand am Ende der Straße das erste Blitzlicht, schnell folgen weitere - bei Schweige-Prozessionen wie dieser das einzige Zeichen, dass der Paso im Anmarsch ist.

Eine Minute später steht er vor uns - der Herrscher Sevillas im violetten Gewand. Die ganze Straße eine Schlucht des Schweigens als der "Jesús del Gran Poder", dieser göttliche Rebell mit dem stolzen und finsteren Gesicht vorbeizieht. Er trägt sein Kreuz nicht nach Golgotha, er reißt es beinahe zornig mit sich und Tausende folgen ihm mit ihren Blicken.

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Inzwischen ist es fast halb drei und wir sind auf der Plaza del Salvador angelangt. Auch bei der nächsten Prozession ist Schweigen angesagt, denn bei der schon 1340 gegründeten ältesten Bruderschaft Sevillas, El Silencio, ist der Name Programm. Vorher aber müssen wir uns dringend kurz aufwärmen, es ist mindestens noch zwei Grad kälter als um Mitternacht. Als wir endlich eine offene Bar finden (wieso sind so viele Bars geschlossen in dieser Nacht?), ist sie so voll, dass wir uns kaum hinein quetschen können. Drinnen werden wir von sehr unheiligen Liedern, die nicht mehr geradeaus gesungen werden, empfangen - noch dazu auf englisch! Es ist eine Gruppe von Tottenham Hotspur Fans, die sich nach ihrer heutigen 2:3-Niederlage im Stadion des FC Sevilla schon mal Mut fürs Rückspiel ansäuft und gerade zum zehnten oder zwanzigsten Mal mit abenteuerlichen Intonationsschwankungen "Football is coming home!" anstimmt. Der Rest der Gäste nimmt es gelassen, ab und zu ertönt ein Ruhe gebietendes Zischen, ansonsten sind auch drollige Verbrüderungsszenen in dieser heiligen Nacht zu beobachten. Da legen Engländer ihre Arme um Spanier, die ihnen kaum bis an die Schultern reichen, und verkünden feierlich - sofern sie noch sprechen können - dass Sevilla heut verdient gewonnen habe. Und die Sevillaner laden ihre Gegner zu Sherry ein, wobei ein Sherry nach dreißig Bier unkalkulierbare Folgen haben kann.

Bei all dem Trubel vergessen wir fast, den "Cardenal Mendoza" in unseren eigenen Gläsern auszutrinken und - El Silencio! Ich stürze hinaus in die kalte Nacht und da schreiten auch schon unheimliche schwarze Schatten mit Kreuzen über den Platz.

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Meine ganze Gruppe folgt mir bedingungslos - so gefällt mir das - bei dem Versuch, noch den bestmöglichen Platz zu erobern. Eigentlich wollten wir uns noch in die enge Calle Cuna drängen, aber das können wir vergessen, kein Durchkommen mehr, die Doppelreihe der Nazarenos von El Silencio hat diese Gasse schon in Besitz genommen. Also gerät unser Vordringen durch die Menschenmenge kurz vor der Mündung der Gasse in die Plaza del Salvador ins Stocken; erst im letzten Moment fällt mir ein, dass die Christusstatue mehr nach rechts blickt, daher wechseln wir noch schnell die Seite und die Hälfte von uns besetzt sogar einen Platz in der ersten Reihe, der Rest postiert sich direkt dahinter.

Im nächsten Augenblick werden wir auch schon von einer Weihrauchwolke umnebelt und verschwommen erkennen wir den Paso, auf dem der Christus von El Silencio getragen wird - im Augenblick ist er nur als schemenhafter Schatten hinter dem Weihrauchnebel zu erkennen. Wir haben Glück, der Capataz entscheidet sich, den Paso genau vor uns anzuhalten.

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Als sich der Nebel lichtet, blicken uns mitten aus dem goldenen Schnitzwerk des Paso zwei niedliche Engelsköpfe an, die jetzt zitternd empor fliegen, denn die Altarbühne wird weiter getragen. Im Reich der Englein scheint vorübergehend auch Marisa zu sein, denn sie schläft im Sitzen auf ihrem Klappstühlchen, den Kopf weit nach vorn gebeugt. Als wir sie so sanft wie möglich wecken, schämt sie sich ein bißchen, den Paso von El Silencio verpasst zu haben, und meint etwas resigniert zu ihrer Verteidigung: "Die Temperaturen sind einfach nicht geeignet, um sich Schweige-Prozessionen anzusehen. Ich brauche jetzt endlich ein bißchen Action!"

"Sollst Du haben, meine Liebe, denn jetzt ist die Macarena angesagt - mit Trommeln, Trompeten und einer ganzen römischen Legion." Da meint Amparo zu mir: "Du bist also jetzt einer von sieben." Ich verstehe zuerst nicht, was sie meint.

Dann fällt mir ein, dass der "Diario de Sevilla" gestern Statistiken über die Zahlen von Ausländern in den Bruderschaften Sevillas veröffentlicht hat: es gibt aktuell sieben Deutsche in der Macarena-Bruderschaft, von denen einer ich bin.

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Als Belohnung für die Kälte, die wir ertragen müssen, wird auch der Paso des schönen Christus der Macarena, der aussieht wie ein maurischer Prinz, genau vor uns abgesetzt. Daneben formiert sich eine Truppe von Costaleros und vor unseren Augen vollzieht sich die Auswechslung der Trägermannschaft. Danach lassen wir uns wie immer zusammen mit den "Römern" der Macarena fotografieren, die hinter dem Paso marschieren, der jetzt verschwindet.

Aufgrund der erbarmungslosen Kälte halten es einige von uns für unmöglich, hier noch eine Stunde auf die Madonna zu warten. Wir stimmen ab und beschließen fast einstimmig, ihr entlang der Prozession entgegen zu gehen.

Doch vorher halten wir den Moment für gekommen, "Guaraná Red Force" seiner Bestimmung zuzuführen und wir lassen die Flasche mit dem Wunder-Elixier kreisen. Schmeckt wie ein Liter flüssig-rote Gummibärchen, die im Kreis tanzen. Ich spüre jedenfalls gar nichts. Ich finde, diese rote Limo schmeckt nur eiskalt und frage mich, wieviel Gift in diesem Farbstoff ist. Nur Cayetana kichert und behauptet, sie spüre "so ein Kribbeln", kann es aber nicht genau definieren.

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Guaraná-gestärkt manövrieren wir vorsichtig zwischen Nazarenos und Zuschauerreihen Richtung Kathedrale. Geschafft! Wenigstens stehen die Zuschauer hier so dicht, dass man die Kälte weniger spürt. Nach dem guten Gefühl, uns endlich mal bewegt zu haben, richten wir uns hier wieder auf eine lange Wartezeit ein. Daher können wir unser Glück kaum fassen, als Klangfetzen von Trompetenfanfaren von der Kathedrale her zu uns dringen - und tatsächlich, dort unten, wo die Gasse Argote de Molina beginnt, sieht man schon Blitzlichtgewitter. Im nächsten Augenblick erkennen die größeren unter den Zuschauern die diffusen Lichtpunkte der Kerzenpyramide der Macarena, die rasch deutlicher werden. Jetzt gibt es kein Halten mehr, alle drängeln nach vorne, denn die Macarena muss man immer in der ersten Reihe sehen. Elegant im Rhythmus der Musik und erstaunlich schnell bewegt sich ihr Paso die steile Gasse Argote de Molina empor, endlich erkennt man ihr dunkles, unvergleichliches Gesicht hinter den flackernden Kerzen, ihre Goldkrone, den Mantel aus Grün und Gold.

Ein Strom von Menschen wälzt sich vor dem silbernen Podest dieser orientalischen Göttin durch die Straße und hinter ihr der heisere Chor der Verehrerinnen, die immer wieder den Huldigungsruf "Macareeeena - Guapa!" anstimmen.

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Längst habe ich mich in die erste Reihe vorgekämpft, um die Silberstäbe ihres Baldachins zu berühren. Als der Paso in die Kurve geht und in die Placentines-Gasse einbiegt, beugen sich viele Zuschauer von den Balkonen, um den Baldachin zu berühren. Viele Sevillaner wären bereit, für den nächtlichen Anblick der Macarena auf ihrem Weg von der Kathedrale zurück zu ihrer Kirche alles zu geben. Als ihr Paso aus dem Blickfeld verschwindet, bedeckt mit Rosenblättern, die von den Balkonen auf sie herab regnen, sieht man in der Menge viele die sich wie wir umarmen - überwältigt von einer Lawine der Emotionen, viele mit feuchten Augen in verschiedenen Stadien, vom tränenglänzenden Blick bis hin zu hemmungslosem Heulen. Rational ist das alles nicht, aber irgendwie großartig.

Inzwischen ist es sechs Uhr morgens, die Dämmerung bricht an und die Kälte erreicht ihren gruseligen Tiefpunkt (später erfahren wir, dass der Sevilla-Kälterekord von Null Grad gemessen wurde!).

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Wir befinden uns inzwischen in der Calle Adriano, um wie letztes Jahr die Esperanza de Triana vor der Rosenkranz-Kapelle zu sehen.

Vorher ist allerdings der neunte oder zehnte Kaffee dieser Nacht fällig. Eine dichte, unübersehbare Menschenmenge bevölkert die Straße doch wir finden kein Café, das schon/noch offen ist. Neben Kaffeedurst und kaum zu verdrängender Müdigkeit spüren Antoinette und ich ein viel dringenderes menschliches Bedürfnis, das keinen Aufschub mehr duldet. Endlich finden wir einen geöffneten Gastronomiebetrieb und die - beängstigend lange - Schlange vor den Toiletten. Als Antoinette endlich an der Reihe wäre, stürzt aus dem Hinterhalt eine männliche (!) Gestalt an ihr vorbei in die Damentoilette und presst nur die verzweifelten Worte hinaus: "Niña, um der Liebe Gottes Willen..." Es ist ein schweißgebadeter Costalero aus Triana, der nach fünf Minuten mit einem befreiten Strahlen das Damen-WC wieder verlässt, dabei Antoinette dankend umarmt und ihr verspricht, eine Kerze vor der Esperanza für sie anzuzünden, die ihr Glück bringen soll. Und sie sei ja so hübsch, ob man sich nicht mal auf einen Kaffee treffen könnte? Antoinette stürzt an ihm vorbei, um endlich auch zu ihrem WC-Recht zu kommen. Nachdem sie schon die Tür zugeschlagen hat, ruft sie von innen: "Vielleicht! Aber schlaf erstmal ne Runde!"

Als sie raus kommt und wir mit jeweils sechs Plastikbechern Kaffee eilig zurück zu den anderen laufen, meint sie: "Der war ja dreist! Aber schon O.K., Costaleros haben immer Vorfahrt, denn ohne sie würde dieses ganze Spektakel ja gar nicht stattfinden..."

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Und es geht weiter: Als die Szene mit dem schönen, maurisch aussehenden Christus und dem Römer zu Pferd schon über die Brücke nach Triana getragen wird, ist längst die Sonne aufgegangen und die Esperanza de Triana, nach der Macarena die populärste Jungfrau Sevillas, erreicht die Kapelle. Inmitten der begeisterten Menge junger Zuschauer drehen die übermütigen Träger sie zu den betörenden Klängen des "Salve Trianera" einmal ganz im Kreis.

Carmen kommentiert das mit den Worten: "Ich glaube, die Träger bewegen sich soviel, weil sie genauso frieren wie wir."

Als die Herrscherin von Triana sich Richtung Ufer entfernt, wiederholen sich ähnliche Bilder wie bei der Macarena: völlig übermüdete Menschen liegen sich in den Armen und lassen ihren Gefühlen und Tränen freien Lauf.

Es gibt kaum Worte, die diese kollektive Ekstase beschreiben könnten und man glaubt es nur, wenn man es selbst gesehen hat.

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Nach diesem glanzvollen Schlusspunkt stellen wir gemeinsam fest, dass diese Madrugá nicht nur die kälteste, sondern auch die schönste war, die wir bisher erlebt haben. Gegen elf Uhr morgens falle ich in mein Bett, kann aber zuerst nicht einschlafen - setzt jetzt etwa die Wirkung des Guaraná ein?

Karsamstag, nachts, 7. April 2007
Es ist schon wieder zwei Uhr nachts und ich weiß nicht, wie wir es geschafft haben, aufzustehen. Wir befinden uns in der Gasse Doña María Coronel, lehnen uns halb schlafend an ein Orangenbäumchen und sehen zu wie die feierliche Prozession von La Mortaja in Schwarz und Violett vorüber zieht.

Als der kostbare Paso mit der schönen Piedad herankommt, wird ein neuer Weihrauch-Rekord aufgestellt - die ganze Straße verschwindet im Nebel. Als der sich wieder lichtet und den Blick auf den goldstrahlenden Paso freigibt, werde ich aus meiner Trance gerissen.

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Völlig entzückt wenden sich zwei junge Iren aus Dublin, die gar nicht wissen, wohin mit ihrer Begeisterung, mit der Frage an uns: "Sorry, what means beautiful in Spanish?" Bevor ich etwas sagen kann, antwortet Amparo prompt: "Es una maravilla." Und sie übt mit den beiden Dublinern das Nachsprechen, wobei sie ihnen auf die Schultern klopft, als würde sie wie eine Lehrerin mit kleinen Kindern sprechen: "Es u-na Ma-ra-vi-ja!"

Dienstag nach Ostern, 10. April 2007
Ich stehe im Flughafen vor der Sicherheitskontrolle und hole meinen Schlüssel aus der Hosentasche.

Dabei ziehe ich noch zwei andere Kleinigkeiten mit heraus: ein nach Weihrauch duftendes Bonbon, das mir der kleine Nazareno am heiligen Dienstag geschenkt hat, und ein Bildchen der Jungfrau des süßen Namens, das mich immer an die kälteste Semana Santa aller Zeiten erinnern wird.

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Text + Fotos: Berthold Volberg

Von Berthold Volberg sind zur Semana Santa in Sevilla folgende Artikel erschienen:
[Es ist vollbracht: Der Karsamstag in Sevilla]
[Zwischen strahlendem Barock und düsterer Mystik: Der "Heilige Montag"]
[Die Passion in Sevilla: Der "Heilige Mittwoch"]
[Der Karfreitag in Sevilla: Ein Andalusisches Requiem]
[Der Tag der Himmelsköniginnen - Palmsonntag in Sevilla]
[Goldrausch in Sevilla: Gründonnerstag der Semana Santa]
[Semana Santa in Sevilla-Die Geheimnisse der Madrugá]





[art_3] Mexiko: Geheimsache Veracruz

Der Taxifahrer konnte einfach nicht glauben, dass wir hier aussteigen wollten, meinte, er wisse es besser und ließ uns direkt vor dem Kraftwerk Laguna Verde aus dem Wagen. Aber wir waren nicht gekommen, um das mexikanische Atomprogramm zu inspizieren, sondern wieder einmal en servicio de Su Majestad. Also mit dem Gepäck die Bundesstraße 180 zurück und einen Feldweg rein in Richtung Küste, an einen Ort mit dem wohlklingenden Namen Punta Villa Rica. Warum wohlklingend? Weil wir auf der Suche waren nach dem ersten Veracruz, das mit vollem Namen einst La Villa Rica de la Vera Cruz del Puerto de Archidona hieß - und somit möglicherweise hier zu finden sein würde.



Abbildung 1
Strand von Punta Villa Rica

Das einstige Veracruz hat bis heute mindestens drei Mal den Ort gewechselt und hier könnte es gewesen sein, wo die Conquistadoren unter Hernán Cortés 1519 die erste spanische "Stadt" auf dem nordamerikanischen Festland errichteten.

Bunt bebilderte, schlecht recherchierte Reiseführer bezeichnen meist das etwas weiter südlich gelegene La Antigua als "die alte" Stelle des einzig bedeutenden Hafens vom einstigen "Neuspanien" (Mexiko) nach Kuba, Hispaniola und Spanien. Im verschlafenen La Antigua speist man angesichts eines Wandgemäldes der marschierenden Conquistadoren und stößt auf einen restaurierten Bau der angeblich ältesten Kapelle Mexikos mit einer Gedenktafel für die "Doce" genannten zwölf Franziskaner, mit denen die systematische Missionierung des Landes begann. Touristenbusse halten an der malerisch mit dicken Wurzeln überwachsenen Casa de Cortés, vor der sogar ein Kanonenrohr aufgebockt ist, das unter Hernán Cortés indianische Heere in die Flucht geschlagen haben soll. Alles Legende! Mit Cortés hat dieses Veracruz so gut wie nichts zu tun.

Wo aber lag die ursprüngliche Conquistadorenstadt, die erste spanische Gründung Neuspaniens? Dies ist heute kaum jemandem bekannt. Ihre Lage war vom erfahrenen Navigator Antonio de Alaminos ausgespäht worden, während Cortés mit der übrigen Truppe noch vor der Insel San Juan de Ulúa am Strand des heutigen und dritten Veracruz lagerte und sich langsam aber sicher von den Mücken zerstechen ließ. Montejo und Alaminos waren schon unter Juan de Grijalva im Jahr zuvor an diesen Küsten gekreuzt. Letzterer kann als der erfahrenste spanische Seemann jener Zeit in mexikanischen Gewässern gelten. Da Montejo 10-12 Tage unterwegs war, muss der fragliche Ort weiter nördlich als La Antigua gelegen haben.



Abbildung 2
Blick von Quiahuiztlán auf Punta Villa Rica


Bei einem genaueren Lokalisierungsversuch hilft die Information des berühmten, schreibenden Cortés-Soldaten Bernal Díaz del Castillo, dass das totonakische Quiahuiztlán, der erste mexikanische Ort, den die Conquistadoren ihrer Herrschaft unterwarfen, eine halbe Wegstunde von Vera Cruz entfernt lag.

Soweit also die Quellenlage. Sind wir hier aber nun richtig? Die einzige staubige Straße ist praktisch tot. Da steht ein Rindvieh bis über die Fesseln im Wasser der sumpfigen Wiesen und kaut und schlägt mit dem Schwanz mechanisch nach allen möglichen Insekten. Ein Esel schreit, dass sich einem die Nackenhaare sträuben. Ein gusseisernes Zufahrtstor trägt die Initialen HC! Zufall oder ein Zeichen? Dann der eindeutige Hinweis: Ein anderes Haus trägt ein Schild: "La Villa Rica de Hernán Cortés." Am Strand ein paar Fischerboote, etwas weiter sogar eine Strandbar - geschlossen. Verschlossen geben sich auch die wenigen Bewohner, auf die wir nach und nach stoßen. Schließlich finden wir jemanden, der uns eine annehmbare Cabaña mit Ventilator vermietet. Auf gelegentliche Strandurlauber ist man offenbar eingerichtet.

Am nächsten Tag endlich der entscheidende Tipp: Pedro fragen. Wer ist Pedro? Pedro kommt. Kleiner, freundlicher Mann in kurzen Hosen. Er führt uns bereitwillig an den Weg zurück, auf dem wir gekommen waren. Geht man den unbefestigten Weg zum Ort hinunter, muss man sich links halten und findet die letzten Ruinen dort, wo das Gebüsch am höchsten wächst. Wer die wirkliche Casa de Cortés sucht, der darf sich also nicht vor Schlangen fürchten, weshalb Pedro mit seinen kurzen Hosen auch auf dem sicheren Weg bleibt. Wir aber schlagen uns ohne zu zögern in die Büsche. Gut 100 Meter muss man sich da seinen Weg bahnen, ehe man auf die Knie hohen Fundamente stößt, die die Truppe der Eroberer zusammen mit den Totonaken legte. Es waren dies die Grundsteine Neuspaniens und der Anfang vom Ende der "aztekischen" Dreibundherrschaft Tenochtitlán-Texcoco-Tlacopán über Zentralmexiko.



Abbildung 3
Fundamente. Detail



Nur wenige Eingeweihte fanden bisher den Ort, über dessen genaue Lage bereits 1580 Unklarheit herrschte. Was ist hier denn nun eigentlich passiert? - Im Mai 1519 zog Cortés auf dem Landweg zu der von Montejo ausgesuchten Stelle. "Man baute eine Kirche, ein Regierungsgebäude; einen Platz; eine Werft; einen Munitionsschuppen, und es wurden Grundstücke verteilt, um Häuser zu errichten [...]. Man baute auch ein befestigtes Haus, oder ein Kastell, alles gemauert", heißt es beim Chronisten Juan de Torquemada. Sie beeilten sich gemäß Díaz del Castillo so sehr, die Fundamente fertigzustellen, damit das Holzwerk darauf gebaut werden konnte, dass der Anführer, Hernán Cortés, der erste gewesen sein soll, der auf dem eigenen Rücken den Aushub für die Fundamente forttrug. Seine Hauptleute und die übrigen Conquistadoren taten es ihm gleich. Einige arbeiteten "an den Fundamenten, andere, indem sie mauerten, Wasser trugen und Kalk brannten, um Backsteine und Dachziegel zu machen, und Nahrungsmittel oder Holz suchten, und die Schmiede, indem sie Nägel herstellten, denn wir hatten Schmiede [unter uns]. Und auf diese Weise arbeiteten wir vom Vornehmsten bis zum Geringsten unablässig daran - auch die Indianer, die uns halfen", so Bernal.

Da Cortés sich von seinem Vorgesetzten und Auftraggeber Diego Velázquez, dem Statthalter Kubas, losgesagt hatte, beruhte seine einzige zweifelhafte Legitimation als rechtmäßiger Oberbefehlshaber seiner Truppe und Oberrichter seines Herrschaftsbereiches auf seiner Ernennung an Königs statt durch den Rat der "Stadt" Vera Cruz.

Zudem mussten eine Verbindung an Velázquez vorbei zum spanischen Mutterland hergestellt, ein erster fester Stützpunkt und ein Ort geschaffen werden, an dem man den bald nötigen Nachschub in Empfang nehmen konnte. All dies leistete La Villa Rica de la Vera Cruz.

Hierher schickte Motecuhzoma seine zweite reiche Gabe. Hier wurden seine Gesandten bewirtet. Noch vor dem Aufbruch des Cortés nach Tlaxkala traf das Schiff des Francisco de Saucedo ´el pulido´ in Villa Rica ein mit 10 Mann, einer Stute und Luis Marín, später einem der fähigsten Hauptleute des Cortés. Um dem geplanten Unternehmen, einen Kriegszug ins Landesinnere zu unternehmen, den Schein von Legitimation zu geben, hielt man es für opportun, wenn der Stadtrat - und nicht Cortés persönlich - einen Lage- und Rechtfertigungsbericht direkt an die Krone verfasste.

Escalante, der oberste Ordnungsbeamte der neuen Stadt, war derjenige, den Cortés mit den Kranken, Alten und Schwachen nebst zwei Pferden und einigen Geschützen während seines Kriegszugs nach Mexiko hinein in Vera Cruz zurückließ.



Abbildung 4
Fundamente des ersten Vera Cruz - dem Vergessen anheimgegeben?


Escalante sollte den Ausbau der Befestigungen vorantreiben und das Umland in Schach halten, d.h. vor allem Cempoala und Motecuhzomas Garnison in Nauhtlán (heute Nautla). Bei Díaz del Castillo heißt es:
"Cortés befahl, alle Kaziken der Dörfer des Berglandes, unsere Verbündeten und Aufständischen gegen den großen Motecuhzoma, zusammenzurufen, und er sagte ihnen, wie sie denen zu dienen hätten, die in Villa Rica blieben, und die Kirche fertigstellten, das Fort und die Häuser; und dort vor ihnen nahm Cortés den Juan de Escalante bei der Hand und sagte ihnen: ´Das hier ist mein Bruder.´ [Und er sagte,] dass sie das tun sollten, was er befehle. Und wenn sie Rat und Hilfe gegen irgendwelche mexicanischen Indianer benötigten, dass sie sich an ihn wenden sollten und dass er persönlich kommen werde, um ihnen zu helfen. Und alle Kaziken erboten sich guten Willens, das zu tun, was er anordne. Und ich erinnere mich, dass sie Juan de Escalante später mit ihrem Weihrauch anräucherten, obwohl er das nicht wollte. Ich hatte schon gesagt, dass er ein sehr fähiger Mann für jedwedes Amt war und zudem ein Freund des Cortés, und mit diesem Vertrauen betraute er ihn mit jener Siedlung und dem Hafen als Hauptmann, damit es Widerstand gäbe, wenn Velázquez jemanden schickte."

Cortés selbst gibt an, 150 Mann zurückgelassen zu haben, doch tatsächlich dürften es weniger gewesen sein. Motecuhzoma zeigte sich ungehalten über den Abfall der erst kürzlich von ihm unterworfenen Totonaken sowie über die baldigen Erfolge des Cortés in Tlaxkala und Cholula. Er wies daraufhin Cuauhpopoca, seinen Kommandanten Nauhtláns, an, gegen Vera Cruz gewaltsam vorzugehen. Nun kam alles auf Escalante an, denn wenn er seine Stellung nicht hätte halten können, hätte Cortés umkehren und seinen Plan aufgeben müssen. Statt sich in Vera Cruz zu verschanzen, entschied Escalante, hombre de sangre en el ojo - so Díaz del Castillo -, dass Angriff die beste Verteidigung sei, und rückte mit den halbwegs Gesunden seiner kleinen Truppe, zwei Kanonen und beiden Pferden aus. Zusammen mit einem ängstlichen totonakischen Heer griff er Cuauhpopoca an. Mindestens sechs Spanier, viele Totonaken und eins der Pferde kostete dies das Leben. Escalante starb schwer verletzt drei Tage nach seiner Rückkehr in Vera Cruz. Man sieht also, dass die Aufgabe der Besatzung von Vera Cruz nicht ungefährlich war. Als Cortés Kunde von deren kritischer Lage in Vera Cruz erhielt, gab es für ihn zwei Möglichkeiten: Entweder zur Golfküste zurückzueilen, um Cuauhpopoca auszuschalten, oder Cuauhpopoca musste zu ihm gebracht werden. Nur Motecuhzoma hatte die Macht, dies zu veranlassen. - War also die Gefangennahme Motecuhzomas, die spätestens am 14. November 1519 erfolgte, (auch) aus der Notwendigkeit heraus geschehen, Einfluss auf die Garnison in Nauhtlán zu gewinnen und die Zerstörung des überlebensnotwendigen Vera Cruz zu verhindern?

Wenig später, im Mai 1520, tauchte Pánfilo de Narváez mit stolzen 1400 Mann, 20 Kanonen und 80 Pferden auf, um die Herrschaft des Diego Velázquez (oder auch die eigene, je nachdem, wie es lief) in Mexiko durchzusetzen. Das war eine riesige Streitmacht für die damaligen Verhältnisse in Amerika. Der neue, Cortés treue Kommandant Sandoval mit seinen 60 Invaliden behielt aber die Nerven und blieb in Vera Cruz, während Narváez den Fehler beging, schon bei San Juan de Ulúa anzulanden und zunächst nur Parlamentäre nach Vera Cruz zu schicken, die Sandoval sofort verhörte und gefesselt und in Hängematten von indianischen Läufern nach Tenochtitlán schickte. Dennoch lag es auf der Hand, dass Cortés nun doch zur Küste zurückkehren musste. Mit weit unterlegenen Kräften konnte er die Truppe des Narváez überrumpeln, aber als er wieder in die Lagunenstadt Tenochtitlán einzog, dem heutigen Mexiko-Stadt, fand er die zurückgelassene Besatzung im Belagerungszustand vor. Der verlustreiche Ausbruch während der Noche Triste hätte leicht das Ende der Conquista bedeuten können, wenn die Tlaxkalteken ihm nicht die Treue gehalten und in Vera Cruz nicht neue Verstärkung eingetroffen wäre. Sie war noch für den bereits geschlagenen Narváez bestimmt, doch den Schiffsbesatzungen war es ziemlich gleich, unter wessen Befehl sie Motecuhzomas Schätze erobern und reich werden würden.




Abbildung 5
Die Conquistadoren auf dem Marsch ins Landesinnere

Inzwischen hatte Cortés seine Herrschaft in Zentralmexiko wieder gefestigt und sich darangemacht, Tenochtitlán zu belagern. Dazu benötigte er kleine Segelschiffe, die er in Tlaxkala bauen ließ. Mit Lastenträgern wurden hierfür aus Vera Cruz das bis dahin sorgfältig aufbewahrte Takelwerk, Segel und Anker geholt. Zu dieser Zeit gelangte auch ein Schiff nach Vera Cruz, das direkt von Spanien kam und drei Pferde, Kugeln und Pulver geladen hatte. Offenbar hatte sich auch im spanischen Mutterland durch die Veröffentlichung der Cartas de relación herumgesprochen, dass man in Mexiko über viel Gold aber wenig Kriegsgerät verfügte.

Am 20.12.1522 stach das Schiff von Vera Cruz aus in See, das den dritten Bericht an Kaiser Karl V. sowie die Goldbeute aus dem geplünderten Tenochtitlán trug - und dem französischen Freibeuter Jean Florin in die Hände fallen sollte. (Dumm gelaufen!)

Die oben genannten Doce, die zwölf Franziskaner, sind am 13.05.1524 wohl schon im nach La Antigua umgesiedelten Vera Cruz (2) an Land gegangen, oder ist auch dies ein Irrtum der dortigen lokalen Geschichtstradition? In dem am 15. Oktober 1524 verfassten vierten Bericht des Cortés heißt es, er habe die Siedlung Vera Cruz (1) inspiziert, um dort einige notwendige Angelegenheiten zu regeln. Der Hafen von Vera Cruz (1) habe sich als nicht sehr gut erwiesen, da er nur wenig Schutz vor den Nortes-Winden bot und bereits mehrere Schiffe dort verloren gegangen seien. (Ob man da einmal tauchen sollte?) Daher habe er sich nach San Juan de Ulúa begeben, um einen besseren zu suchen. In der Konsequenz gaben die Bewohner von Vera Cruz (1) ihre alte Stadt spätestens 1525 auf und siedelten zum Ort des heutigen La Antigua bzw. Vera Cruz (2) über. Die Stadt konnte sich behaupten und blieb bis zu ihrer erneuten Verlegung an die Bucht von San Juan de Ulúa, wo einst ihre ersten Stadträte gewählt wurden und die Gründung der Stadt beschlossen wurde, der bedeutendste Hafen Neuspaniens.

Auch wenn einem bei der Geschichte der Eroberung Mexikos die kleine Siedlung durch die spannenden Ereignisse im Binnenland leicht aus den Augen und dem Sinn schwindet, war sie doch der Angelpunkt der Conquista, von dem aus Motecuhzomas Herrschaft ausgehebelt wurde.

Die heutige Begehung des Areals zeigt Spuren von Probegrabungen, doch eine veröffentlichte archäologische Untersuchung ließ sich nicht ermitteln. Erhalten haben sich oberirdisch nur die steinernen Grundmauern, die zahlreiche größere und kleinere rechteckige Räume markieren. Von einer umlaufenden steinernen Verteidigungsmauer ließen sich keine Reste feststellen, vermutlich bestand diese entgegen des zitierten Zeugnisses von Torquemada nur aus einer hölzernen Palisade mit einigen Wachtürmen und eventuell einem Graben. Möglicherweise war die sich ins Meer erstreckende erhöhte Halbinsel, die man auf den Fotos sieht, mit einem Beobachtungsposten oder einer kleinen Befestigung versehen. Das Areal, in dem sich die steinernen Grundmauern feststellen lassen, beläuft sich auf ungefähr 150 m2. Es muss sich um die kleine Kirche, das Stadtratgebäude, Wohnräume und Lagerbauten gehandelt haben, in denen Nahrungsmittel, Pulver und das wertvolle Takelwerk der demontierten Schiffe aufbewahrt wurde. Es wird auch die bei Díaz del Castillo erwähnte Schmiede gegeben haben, ein Gefängnis, einen Galgen, vielleicht einen Stall für die Pferde und einen kleinen Landungssteg.



Abbildung 6
Blick in den Vorratsspeicher oder Brunnen


[zur Videosequenz] (1,2 MB)

Aber kein Gebäude ist ohne Grabung einer genauen Bestimmung zuzuordnen. Eine Ausnahme bildet ein kreisrunder unterirdischer Bau. Hier handelt es sich entweder um einen Brunnen oder, was aufgrund des relativ großen Durchmessers wahrscheinlicher ist, um einen Vorratsspeicher. Das Klima von Vera Cruz ist so feucht und heiß, dass ein solcher etwas kühlerer Lagerraum für Leichtverderbliches wie beispielsweise Getreide unabdingbar gewesen sein dürfte. - Dachten wir und gingen erst einmal ausgiebig baden.

Leider behandelt Mexiko die Stätte nach wie vor wie eine geheime Staatsaffäre. Indianische Ruinen wie die erwähnten von Quiahuiztlán sind in sehr gepflegtem Zustand. Aber zu Cortés hat man in Mexiko noch immer ein - gelinde ausgedrückt - gespaltenes Verhältnis. Besser man wartet den richtigen Augenblick ab, um sich als criado del marqués zu outen. Aber ein Besuch lohnt sich für einen jeden solchen - und sei es, um den Gang hinauf nach Quiahuiztlán zu erleben, die ersten Meter der Conquista Mexikos, und einen Atem beraubenden Ausblick auf die grüne Küste und die sich anschließende Lagune zu genießen. Oder sei es, um einen kleinen Beitrag dazu zu leisten, dass Punta Villa Rica, diese historisch bedeutsame Stätte, für die Zukunft etwas würdiger konserviert wird.

Text + Fotos + Videosequenz: Felix Hinz

Website: Wenn euch das Thema interessiert, besucht die Website des Autors: www.motecuhzoma.de/start-deu.html

Buchtipp: Dr. Felix Hinz ist Autor der dreiteiligen Abhandlung
"Hispanisierung" in Neu-Spanien 1519-1568. Transformation kollektiver Identitäten von Mexica, Tlaxkalteken und Spaniern

Gebundene Ausgabe: 874 Seiten

Verlag: Kovac, J; 1. Auflage: Oktober 2005
ISBN: 3830020708





[art_4] Spanien: Atlantis re-visited (Ibiza Teil I) (Ibiza Teil II)

Als "heiliges Land", weil es dort keine dem Menschen gefährlichen Tiere gab und die rote Erde jedes Gift neutralisieren würde, verehrten die Punier Ibiza. Neben der Stadt der Lebenden errichteten sie eine Stadt der Toten (Heute Museum "Necrópolis del Puig des Molins" am Fuße der UNESCO-geschützten Altstadt von Ibiza), wo sich die Illustresten unter ihnen in Gräbern unter Olivenbäumen zur ewigen Ruhe betten ließen. Ibiza wird bis heute nachgesagt, ein "Elefantenpfad" zu sein - wegen der Legionen von Intellektuellen, Malern, Schriftstellern und anderen Kunstschaffenden, die dort von einem neuen Atlantis träumten. Noch in den 1970ern, als viele, die in den 50er und 60er Jahren hier hängengeblieben waren, sich entsetzt vom einsetzenden Massentourismus abwandten, schuf ein junger Japaner auf einem Felsen in einem stillgelegten Steinbruch am Meeresrand den "Buda de Atlantis". Es gab noch genug, wofür man Buddha kleine Opfergaben in Form von Kerzen, Muscheln, Ketten oder Münzen darbringen konnte.

Als ich 1985 auf die Insel kam, empfand ich sie als Paradies, das aus einem picassoblauen Himmel, türkisem Wasser, rostroter Erde, grünen Pinien und weißen Häusern komponiert war - mit schwarzen Flecken freilich.

Als Reiseleiterin fuhr ich durch das archaische Gemälde über Feldwege und schlechte Straßen zu den Tourismuszentren in Ibiza-Stadt und der Playa d‘en Bossa (Damals waren vorwiegend spanische Ortsnamen gebräuchlich. Vor dem Hintergrund des zunehmenden Ausverkaufs der Insel und Identitätsverlustes der Bevölkerung gewann das Katalanische an Bedeutung. Mittlerweile wurden alle spanische Ortstafeln durch katalanische ersetzt.), San Antonio, Es Caná und ein paar verstreuten Clubs - in 20 Minuten von Idyllen, wie sie die Punier oder Mauren gerade verlassen zu haben schienen, ins High-Tech-Age. Die Reiseagenturen boten harmlose Touristenvergnügungen wie Esel- und Kamelreiten an. Wenn ich nervös und hektisch war, sagte irgendein Ibizenko garantiert: ¡tranquila! und führte meine Sorgen mit einem einzigen Blick ad absurdum. In meiner Freizeit sonnte ich mich am Ende der Playa d’en Bossa - nach den Hotels, nach Bora-Bora und Rolex-Beach. Im September blühten dort die Strandlilien in den Dünen. Aber mein Lieblingsstrand war Las Salinas, der allen Karibiktraumstrandvisionen entsprach: kristallklares Wasser und nichts als Sand. Am letzten Zipfel im Chiringuito Sa Trinxa trafen sich die In-People aus aller Welt, damals schon gepierct und tätowiert, mit Phantasie- und Muschelschmuck behangen, im Pareo, brasilianischem Bikini oder ganz ohne. Ein eigener Stamm mit seinen eigenen Ritualen. Ihm gehörten auch die weltbesten DJs an, die sich hier zum Relaxen vor langen Nächten trafen. Ich begann mit Ton aus roter Erde zu arbeiten und hatte eine "beste Freundin", die Tochter einer holländischen Hippy-Frau und eines Chilenen.

Bereits mit 15 war sie allein um die Welt getrampt, und wusste einfach alles. Sie kannte unentdeckte Sonnenplätze auf Felsen im Meer, das neueste Lokal am "pebble beach", "Kraftorte" und Feengärten mit knorrigen Olivenbäumen.

Ich lernte einen Ibizenko kennen und zog auf eine dieser hunderjährigen Fincas, wie sie Raoul Hausmann (Taller d’Estudis de l’Habitat Pitiús: Raoul Hausmann, Bruselas, Edicions de Sa Nostra, Caixa de Balears 1991) und das Bauhaus inspiriert hatten. Hinter dem Haus war ein Pinienwäldchen, vor dem Haus die traditionelle Palme sowie eine paar Felder mit Paprika und rotschaligen Kartoffeln. Der Wäschestrick war zwischen einem Lorbeerbaum und einem Affenbrotbaum gespannt. Das Haus stand immer offen, einen Gartenzaun gab es nicht. Jede Finca bildet eine Insel für sich - und das respektiert man, wurde mir gesagt. Ich spazierte oft zu dem leerstehenden, verfallenden Haus am Hügel daneben, das mich faszinierte. Mein Geliebter erzählte mir, dass es Keke Rosberg eine Zeitlang von seinem Onkel gemietet hatte. Nein, auch wenn ich eines Tages reich wäre, mir, einer Ausländerin, würde man es nie verkaufen. Den Ibizenkos sei ihr Land heilig. In nächster Nachbarschaft war Las Dalias, eine Art Landgasthaus mit idyllischem Garten. Auch im sanften sich in rosa Mandelblüten hüllenden Inselwinter stellten hier "Hippies" - oder besser gesagt, flippig-gestylte Händler -allwöchentlich ihren vorwiegend in Asien produzierten Schmuck und Strandkleidchen zur Schau. Es roch nach Räucherstäbchen und Shiva tanzte. Ibiza war schon immer buddhistisch.

Der Winter war überhaupt schön. Ibizenkos und solche, die es werden wollten, unter sich. Lukulische Paella-Mittagessen, die sich bis in den frühen Abend hineinzogen und mit Carajillo (Espresso mit Brandy) ausklangen. Für Weihnachten braute meine Fast-Schwiegermutter tagelang eine geheimnisvolle "salsa de navidad" aus Fleischbrühe, Eiern, Mandeln, Zucker und Zimt. Die Heiligen Drei Könige karrten die Geschenke meiner drei Fast-Stiefkinder und der übrigen aus den Fincas herbeigeströmten Kinder der Umgebung mit einem Lastwagen vor die schlichte, aber perfekte Kirche von St. Carlos. Mein Geliebter erzählte mir die Geschichten von den die Insel heimsuchenden Piraten und zeigte mir die dazugehörigen Piratentürme. Ich hörte von bizarren Bräuchen der Vorzeit, als Männer auch Wehen bekamen oder sich nach der Taufe ihres Kinds ins Bett legten und sich zu ihrer Fruchtbarkeit gratulieren ließen ("sa covada"), vom Bürgerkrieg, dem Entsetzen der Ibizenkos über die schlechte Behandlung der Priester durch "die Linken", von hungernden, nach Kuba ausgewanderten zweitgeborenen Söhnen und der Schlacht der Hippies.

Aus naiven Gründen warf ich den Job als Reiseleiterin hin und wurde 1985 Model für Ledermäntel und -kostüme im damals schon scheußlichen Es Caná.

Ich arbeitete mit M., einem ibizenkischen Mädchen, das nur davon träumte zu heiraten. Sie lebte in einer versteckten Finca mit Eltern, Bruder und Großmutter, die noch die schwarze Tracht mit Kopftuch trug. Man nannte die alten ibizenkischen Damen auch respektvoll "brujas".

Die "Hexen" hatten allerlei Wissen über Heilkräuter und bestrichen alljährlich die Häuser mit im Licht leuchtendem Kalk. Meistens sprachen sie nur Katalanisch, weil sie den in Franco-Zeiten ausschließlich auf Kastilisch stattfindenden Schulunterricht gar nicht besucht hatten.

Nun, mein Job war nicht sehr einträglich. Pro Show gab es ein Fixum, das eigentliche Gehalt sollte aber in einer Provision bestehen. Stand ich mit Kundinnen nach Verkaufsgesprächen in verschiedenen Sprachen vor dem Kaufabschluss, kam die bauernschlaue, süßlichen Sekt verschenkende Besitzerin und sagte, es wäre jetzt ihr Deal. Streit gab es aber nie. Wie sollte ich eine Ibizenka aus der Ruhe bringen können?

1986 war auch das Jahr, in dem Spanien der EU beitrat. Die Insel wurde mit der "Niederlassungsfreiheit" für Menschen und Unternehmen und zahlreiche Programme zur Industrialisierung rückständiger landwirtschaftlicher Gebiete konfrontiert. Der bei der konservativen Ibizenkos beliebte Insel-Cacique Abel Matutes (Er stellt für europäische Verhältnisse ein außergewöhnliches Beispiel für die Verflechtung von Wirtschaft und Politik dar: Besitzer eines Unternehmensimperiums aus Hotels, Banken, Immobilien- und Baufirmen, Spitzenposten in der spanischen Volkspartei (Partido Popular), später EU-Kommissar und spanischer Außenminister) konnte seinen Machteinfluss und sein Wirtschaftsimperium nun noch besser ausbauen. Gleich am Ende der Saison 1986 wurden die Dünen am Ende der Playa d’en Bossa begradigt: keine Strandlilien im September, kein Nacktbaden mehr, dafür neue Ferienclubs. Europäisierung und Entparadisierung begannen, Hand in Hand zu gehen.

1987 arbeitete ich als Rezeptionistin in einem Ferienclub, der sich im Besitz eines Deutschen befand. Ich fuhr jeden Tag von einem Insel-Ende zum anderen, die ganze Kurvenstraße zur Bucht hinter Baufahrzeugen hinterher kriechend. Der Job war hart - und unterbezahlt. Neben multilingualer Gästebetreuung in der Rezeption gab es tägliche Herausforderungen wie das Schlichten von blutigen Streits zwischen einem Zigeuner-Bauführer und einem andalusischen Haustechniker, die Beruhigung von Gästen, die in kürzlich fertiggestellten Apartments einquartiert wurden, für welche die Betten noch nicht geliefert waren. Eine schwangere Sevillanas tanzende Gastarbeiterin aus Andalusien bekam nachts Nervenzusammenbrüche, wenn sie zu viel getrunken und/oder gekifft hatte.

Ich wohnte mittlerweile schon im Club, da sich mein Geliebter zu einem dem Geldscheffeln verfallenen Workaholic zu entwickeln begann. Ich war mit seinen Kindern, seinen Eltern und meiner Einsamkeit überfordert. Immerhin mein neues Apartment hatte Meerblick.

Meine ibizenkische Rezeptionskollegin stellte mir gerne Fallen, um sich beim Direktor beliebt zu machen. Dieser wiederum bekam oft schlechte Laune, weil ihn die jeder Art von Droge zugeneigte Irin, für die er eigens den Posten der "Koordinatorin" geschaffen hatte, mit dem holländischen Animateur betrog. Aber dann lud er uns - wie eine große Familie, deren Ruhepunkt und Seele L. war, die Leiterin der Putzfrauentruppe - zu ausgiebigen Mittagessen am Strand ein. Der Surflehrer, eine koksende argentinische Schönheit, schenkte mir ein wildes Kätzchen, das nicht in geschlossenen Räumen leben konnte und mich bald wieder verließ. In dieser Zeit marodierte ich oft an Orten, wo ich Blick auf meinen geliebten, majestätischen Felsen Es Vedrá im Meer (dort ist es kobaltblau) hatte: meine Kathedrale mit persönlichem Zutritt zu Gott.

Am Ende der Saison erfuhr ich, dass der Club Besitzer wechselte und es wieder nicht mit der Arbeitsgenehmigung geklappt hatte.

Ich hauste noch eine Weile über der winterlichen Bucht, mit dem Hund des Hoteldirektors zur Bewachung meiner Person. Es war ganz still, nur ein paar deutsche Alkoholiker trafen sich unten in den Strandbars. Ich gehörte nicht dazu.

Ich gehörte in die Wälder, die Höhle der Tanit (Die wichtigste Kultstätte der Liebes- und Mondgöttin aus Karthago ist die Höhe Es Cuieram, wo angeblich Kinderopfer dargebracht wurden.), auf das Dach irgendeiner verfallenden Fischerhütte, und ich las viele Bücher, darunter das von Mario Planells (Mario Planells: Ibiza. La senda de los elefantes. 1980) über schillernde Persönlichkeiten, die hier lebten und manchmal auch starben.

Im März verließ ich Ibiza mit meinen Koffern, Schachteln und Plastiktaschen mit Inselmodellabels wie "Maria M.". Meine Zeit hier war abgelaufen.

Text + Fotos: Nora Vedra





[art_5] Bolivien: Ein Weg in die Unabhängigkeit
Kolping in Bolivien unterstützt Frauen bei der Unternehmensgründung

Im zweiten Stock des Kolpinghauses im bolivianischen Santa Cruz herrscht reger Betrieb. Junge Mädchen und Frauen jeden Alters sind auf dem Weg zu ihren Kursen im Centro de Educación: Modeschmuck herstellen, Puppen basteln, Kosmetik oder Tortenverzierung.

In Deutschland wären solche Kurse der Einstieg zu einem neuen Hobby. In Bolivien sind sie für viele eine Überlebenschance: "Die Hälfte unserer Kursteilnehmerinnen ist hier, um etwas zu lernen, womit sie genug Geld verdienen kann um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten", erklärt Carmen Luz Loza, die das Fortbildungszentrum leitet. "Was wir den Frauen hier beibringen, sind Fertigkeiten, mit denen sie Miniunternehmen gründen können."

Wenn man sich die Puppen, die Mabel herstellt, anschaut, ist das erst einmal schwer zu glauben. Die 25-Jährige bastelt "Cortillon en Sofp"s, für europäischen Geschmack recht kitschige Stoffgebilde, in deren Bäuchen Süßigkeiten und Spielzeug untergebracht werden können.

"Dieses Model ist bei meinen Kunden besonders beliebt", sagt sie, und zeigt auf einen schreiend bunten Clown. "80 Stück hat eine reiche Familie davon für den ersten Geburtstag ihrer Tochter bestellt und das bringt mir Arbeit für sechs Wochen."


Jede der Puppen wird gefüllt mit kleinen Geschenken vor einem der 80 Geburtstagsgäste stehen. Einen halben Tag braucht Mabel, um eine dieser Puppen herzustellen; jede verkauft sie für umgerechnet 4,50 Euro. Die Hälfte davon geht fürs Material drauf. Mit ihrem Tageslohn von nicht mal fünf Euro ist Mabel sehr zufrieden. "Wir brauchen dieses zusätzliche Einkommen, denn mein Mann verdient alleine nicht genug für uns und unsere kleine Tochter", erzählt sie. Außerdem macht ihr Basteln und vor Allem das Entwerfen der Puppen viel Spaß. "Das ist jetzt der dritte Kurs, den ich bei Kolping mache, und ich sehe, dass meine Puppen immer besser werden. Das hat sich rumgesprochen und ich bekomme immer mehr Kunden."

Geburtstage, Hochzeiten und Taufen werden in Bolivien groß gefeiert, nicht nur von den Reichen. Man kann es unangemessen finden, wenn in einem Land, in dem zwei Drittel der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze leben, die Mittel- und Oberschicht aufwändige Geburtstagspartys für Einjährige veranstaltet. Doch diese Festlichkeiten sind zugleich eine wahre Jobmaschine, die den Armen zu Gute kommt. "Alle Kurse, in denen es darum geht zu lernen, etwas für diese Feste herzustellen, sind bei uns äußerst beliebt. Gefeiert wird in Santa Cruz immer, deswegen ist alles, was damit zusammenhängt, ein sicheres Geschäft", meint Carmen Luz Loza und zeigt die Dekoration aus Luftballons, die sie an diesem Tag mit ihren Schülerinnen gemacht hat.

Wer sich mit einem eigenen Unternehmen, und sei es noch so klein, selbständig machen will, der muss mehr können, als Puppen oder anderes zu basteln. "Wir bieten zusätzlich Kurse an, in denen die Teilnehmerinnen lernen, Kosten und Zeitaufwand zu kalkulieren. So gibt es bei uns Buchhaltungskurse und solche, in denen wir erklären, wie man für sich selber wirbt." Carmen Luz Loza weiß, dass es ohne diese Fähigkeiten auf dem hart umkämpften Markt der Festlichkeiten nicht geht.

Die Nachfrage nach jeder Art von Kursen ist groß, und das, obwohl Kolping für sein Fortbildungsangebot keine Werbung macht. Denn auch wenn solche Kurse ebenfalls anderswo angeboten werden, hat es sich herumgesprochen, dass sie hier bei Kolping nicht nur besonders gut, sondern auch für diejenigen erschwinglich sind, die sie am Dringendsten brauchen. 6,50 Euro müssen die Teilnehmerinnen für den zweiwöchigen Kurs aufbringen, außerdem die Kosten für das Material - das ist deutlich weniger als bei kommerziellen Anbietern.


Aber das alleine ist für Wilma nicht das Wichtigste. Die 30-Jährige hat das Backen von ihrer Mutter gelernt und lässt sich nun in die Kunst des Tortenverzierens einweisen. "Für Kolping war Fortbildung und Solidarität das Wichtigste. Deshalb ist er für uns ein Vorbild. Wir alle helfen uns gegenseitig und sind uns einander eine große Stütze, auch moralisch." Die alleinerziehende Mutter arbeitet als Hausmädchen - bislang. Wenn alles gut geht, will sie sich in ein paar Jahren als Konditorin selbständig machen.

Auch für Deidi ist der Nachmittag im Kolpinghaus etwas Besonderes. "Kolping ist für mich wichtig. Wir kommen hier nicht einfach nur zusammen um etwas zu lernen, sondern sind Teil einer großen Familie. So habe ich das Gefühl, nicht alleine zu sein." Die 26-Jährige hat sich auf Fingernageldesign spezialisiert und bereits einen festen Kundinnenstamm. "Das gute am Nageldesign ist, dass die Nägel schnell wachsen und meine Kundinnen alle zwei Wochen zu mir kommen müssen", erzählte sie, während sie mit ebenso ruhiger wie geschickter Hand ein kompliziertes Muster auf die Nägel ihres Models malt. "Früher trugen die Damen aufwändig verzierte Nägel nur zu Hochzeiten oder an Geburtstagen, aber heute gehört es einfach zu einem gepflegten Äußeren, schön bemalte Fingernägel zu haben. Davon kann ich inzwischen ganz gut leben", freut sich Deidi.

Geld verdienen, sein Leben bestreiten zu können, selbständig werden - das ist nicht nur für die jungen Mütter eine wichtige Sache, sondern auch für viele der Schülerinnen, die hierher kommen. Jenny ist zwar erst zwölf Jahre alt, aber auch sie ist nicht nur zum Vergnügen in das aus roten Backsteinen erbaute Kolpinghaus gekommen.

Ihre Eltern sind vor einem Jahr nach Spanien ausgewandert um dort Geld für die Ausbildung ihrer drei Kinder zu verdienen. Seitdem lebt Jenny bei ihrem Onkel, und der verlangt, dass sie etwas zum Lebensunterhalt beiträgt.

Sie mag kaum von den bunten Perlen aufschauen, aus denen sie ein Armband knüpft. "Ich nutze meine Schulferien um etwas zu erlernen, womit ich Geld verdienen kann. Schmuck herzustellen macht mir Spaß und wenn ich wirklich gut bin, kann ich damit ein gutes Geschäft machen." Jenny träumt davon, eines Tages ein eigenes Modeschmuckgeschäft zu besitzen, aber bis dahin ist es ein weiter Weg. "Im Moment verkaufe ich meine Ketten noch in der Schule an Freundinnen. Aber es kommen auch schon Mädchen aus anderen Klassen, die mich fragen, ob ich ihnen etwas machen kann", sagt sie nicht ohne Stolz. Einen Euro verlangt sie für ein Armband, an dem sie zwei Stunden lang arbeitet. Nach Abzug der Materialkosten bleiben Jenny noch 50 Cent. Das mag nicht nach viel klingen - aber es der erste Schritt in eine Zukunft ohne Armut.

Text: Katharina Nickoleit
Fotos: Christian Nusch

Tipp: Katharina Nickoleit hat einen Reiseführer über Bolivien verfasst, den ihr im Reise Know-How Verlag erhaltet.

Weitere Informationen über die Autorin findet ihr unter:
www.katharina-nickoleit.de

Titel: Bolivien Kompakt
Autorin: Katharina Nickoleit
139 Seiten; broschiert
ISBN-10: 3896623648
ISBN-13: 978-3896623645
Verlag: Reise Know-How Verlag Hermann
2. Auflage (01.09.2009)





[kol_1] Pancho: Pommes über? Kroketten satt? Tostones rot-weiß!

Pommes mit Mayo und Ketchup gehören wie Döner, halbes Hähnchen oder Pita Gyros zum Standardprogramm einer ausklingenden Nacht nach ekstatischem Hüftschwung und freudiger Beseelung durch flüssiges Gold. Die Friteuse sichert das Überleben auf dem Heimweg und halbiert den folgenden Kopfschmerz.

Grüne Platano (Kochbanane)

Nun sind Friteusenjunkies bislang von der rundum Globalisierung verschont geblieben. Jetzt aber dringen grüne Backbananen (Platanos) ins heiße Fett und schicken sich an das Angebot von Imbiss Lecker und Fritten Willi aufzumöbeln: Ne kleine Banane Frittes: 1,50 Euro rasen die Buchstaben über die Leuchtreklame.

Noch aber ist es nicht soweit. Zunächst müssen die festen grünen Bananen geschält und mit dem Messer von Schalen - Rückständen gesäubert werden (lieber mehr entfernen als zu wenig). Dann schneidet man die Banane in 2-3 Zentimeter große Stücke und packt sie in die Friteuse bis sich die Farbe der blassen Stücke in ein sanftes Gelb verwandelt.

1. schälen / schneiden
2. sanft gelb fritieren

Rausholen, abtropfen lassen, plattdrücken (bspw. mit einer Tasse) auf etwa einen Zentimeter Höhe. Und wieder in die Friteuse bis das satte Gelb der spätnachmittaglichen Sonne die trockenen Felder in ein warmes braunes Licht taucht.

3. platt drücken
4. satt gelb fritieren / salzen

Rausnehmen, salzen, servieren. Mayonnaise und Ketchup drüber. Die salzigen Finger abschlecken erlaubt. Bananen genießen, Pappschale zerknüllen und fertig.

Text + Fotos: Dirk Klaiber





[kol_2] Macht Laune: Das Pillenwunder

Manchmal hilft nur noch ein Wunder. Und wer dringend eins braucht, kann sich in der kleinen Kirche in einem Außenbezirk von Guaratinguetá einfach ein kleines graues Tütchen geben lassen. Drinnen findet man einen Zettel mit einem kurzen Gebet. Und drei Papierkügelchen. Damit das Wunder auch funktioniert, muss man zuerst das Gebet sprechen, und dies neun Tage lang. Zusätzlich schluckt man am ersten, fünften und neunten Tag jeweils eines der Papierkügelchen, hier ganz nassforsch auch "Pílula do Frei Galvão" genannt.

Besagter Frei Galvão (1739 bis 1822), ein Franziskanermönch, hatte anno dazumal den Geistesblitz, einem von Schmerzen geschüttelten Jüngling eine kleine Papierkugel zu verabreichen.

Auf dem Papierstück hatte er zuvor die Jungfrau Maria in schriftlicher Form um Beistand gebeten. Rasch wurde der junge Mann schmerzfrei; und auch ein zweiter Test mit einer schwangeren Frau funktionierte perfekt - die befürchteten Komplikationen während der Geburt blieben aus.

Seitdem häufen sich die Nachrichten von wundersamen Heilungen durch des Mönchs Papierkügelchen. Allein im Jahr 2006 wurden sechs Fälle von geheilter Depression gezählt, und in sieben Fälle führten die Pillen dazu, dass Frauen sich endlich ihren lange gehegten Kinderwunsch erfüllen konnten. 27 Personen fanden nach der Einnahme der Pillen einen Job, 28 konnten sich zudem über bestandene Aufnahmeprüfungen freuen.

Aber der hünenhafte Mönch konnte noch viel mehr. Schweben zum Beispiel. Verkündete er Gottes Wort, so begann er sich vom Boden zu erheben, berichteten Zeitzeugen. Zudem soll er nach verbürgten Quellen über die Fähigkeit verfügt haben, an zwei Orten gleichzeitig zu sein. Und in die Zukunft schauen, konnte er auch noch.

Trotz all seiner zu Lebzeiten und posthum vollbrachten Wunder war Frei Galvão jedoch bis vor kurzem lediglich in seiner Heimatregion im Osten des Bundesstaates São Paulo bekannt. Das änderte sich erst nachdem Papst Benedikt XVI. verkündete, ihn zum ersten Heiligen Brasiliens "befördern” zu wollen. Seitdem versammeln sich Tausende an seinem Grab im Kloster Luz in São Paulo.

Und auch in seinem Geburtsstädtchen Guaratinguetá ist seitdem viel los. Zu den Messen in der kleinen, nach ihm benannten Kirche außerhalb der Stadt kommen oft bis zu 15 Reisebusse voller Gläubiger. Und der katholische TV-Sender Canção Nova überträgt die Messe gleich live.

Der bescheidene Kirchenbau ist zum Pflichtprogramm für Religionstouristen geworden, ähnlich wichtig wie der Glaubenspalast im nahen Aparecida, dem meist besuchten Ort der katholischen Welt.

In der Frei Galvão Kirche bekommt man die Papierpillen kostenlos als Willkommengeschenk überreicht. Drei betagte Frauen verbringen ihre Freizeit damit, die Papierstücke zu Kügelchen zu rollen. Den Rest macht der heilige Geist. In dem Souvenirshop am Eingang der Kirche kann man zudem CDs, Büchlein über Frei Galvão, Schlüsselanhänger mit seinem Konterfeit und Postkarten erwerben - oder direkt ein "Kit Milagre", ein "Wunder-Paket für Einsteiger".

Richtig ernst wird es für Frei Galvão am 11. Mai, ab 9.30 Uhr in der Früh, wenn ihn der Papst höchstpersönlich auf dem Marsfeld in São Paulo heilig sprechen wird. Gut eine Million Menschen werden zu der Open-Air-Messe erwartet.

Danach beginnt für den toten Mönch die wirklich große Aufgabe, die katholische Kirche vor dem Ansturm der evangelischen Pfingstkirchen zu schützen. Gut 35 Million Gläubige, so schätzt man, hat Rom in den letzten Jahren an die flotten Prediger verloren. Ein Wunder müsse her, meinen viele, um den Trend zu wenden.


Immerhin ist jetzt der Anfang gemacht. Brasilien hat seinen ersten Heiligen, und man wird sehen, zu welchen zukünftigen Wundern der tote Mönch mit seinen Papierpillen so fähig sein wird. Ob der Papst die Pillen bereits höchstpersönlich ausprobiert hat, ist bisher nicht bekannt.

Text + Fotos: Thomas Milz





[kol_3] Lauschrausch: Roberto Fonseca / Beatriz Aguiar

Roberto Fonseca
Zamazu
enja /Soulfood

Kubanische Musik vom Feinsten
Ein neues kubanisches Klaviertalent schickt sich an, die Konzertbühnen der Welt zu erobern und der Erfolg ist ihm sicher: Der Pianist Roberto Fonseca tritt mit seinem vierten Album "Zamazu" in die Fußstapfen von Chucho Valdés und Gonzalo Rubalcaba. Man fragt sich, wieso Kuba so viele hervorragende Pianisten hervorbringt, ob im Jazz, in der populären Musik oder in der Klassik. Wahrscheinlich ist ein Grund, dass es diese klare Trennung für die dortigen Pianisten weder in der Ausbildung noch im Spiel gibt: Auch der Jazzmusiker Fonseca trat und tritt mit Gruppen auf, die traditionelle kubanische Musik interpretieren, u.a. gab er über 400 Konzerte mit den Musikern des Buena Vista Social Club.

Seine Musik pendelt denn auch klanglich zwischen Theolonius Monk, Guajira und Mozart, zwischen gefühlvollen, stillen Parts und Titeln ("Suspiro"/ "Dime que no") und mitreißender Expressivität, wenn seine Finger wieder einmal über die Tasten rasen und in einem Stück von Abdullah Ibrahim - "Ishmael" - sie sogar "prügeln", wie es kubanische Pianisten selten tun.

Cuban salsa
Fonseca, ein Anhänger des Yoruba-Kults, widmet den Titel "Congo Árabe" dem wichtigsten Gott dieser synkretistischen Religion, Changó (St. Barbara).

Gleichzeitig schlägt er musikalisch die Brücke zum Orient (St. Barbara stammte aus der Türkei), indem er als Gastmusiker den begnadeten Gitarristen Vicente Amigo eingeladen hat sowie den Akkordeonisten Toninho Ferragutti, die dem groovigen Stück die "orientalische" Note verleihen. Fonsecas Spiritualität ist es auch zu verdanken, dass "Zamazu" mit dem Ausschnitt einer populären kubanischen Messe beginnt.

Begleitet wird Roberto Fonseca von seinem langjährigen Mitspieler aus der Gruppe "Temperamento", dem Saxophonisten und Flötisten Javier Zaiba, sowie einer kubanisch-brasilianischen Rhythmusgruppe und Gästen wie u.a. der Sängerin Omara Portuondo oder dem Bassisten Orlando 'Cachaito' López, die er beide beim Buena Vista Social Club kennen gelernt hat. Kubanischer Jazz, kubanische Musik vom Feinsten.


Beatriz Aguiar
Mi Canción
Connecting Cultures/ galileo mc

Sanfte Töne aus Uruguay
Wer melancholische und romantische Lieder und Balladen aus Lateinamerika schätzt, sollte sich die neue CD der uruguayischen Sängerin und Malerin Beatriz Aguiar anhören. Auf ihr singt sie mit ihrer sanften Stimme traditionelle und zeitgenössische Lieder und verbindet in der Interpretation ihre Erfahrungen aus Lateinamerika und Europa. Denn 1990 zog sie in die Niederlande und arbeitete dort mit vielen einheimischen und lateinamerikanischen Künstlern zusammen, u.a. in den beiden bekannten Bands Nueva Manteca und Rumbatá.

Calle Real Con Fuerza

Auf "Mi Canción" dominieren die ruhigen Klänge, abgesehen vom jazzigen Stück "2" und den beiden folkloristischen Titeln "7" und "14".


"7" ist ein candombe, basierend auf dem gleichnamigen Rhythmus, der mit den afrikanischen Sklaven nach Montevideo kam und dort seit über 200 Jahren den "Herzschlag" Uruguays bestimmt. Die chacarera hingegen ist ein ländlicher Tanz aus dem Norden Argentiniens, der für dieses Album modern arrangiert wurde. Aus dem großen Nachbarland im Süden stammt auch das Stück "10", das mit seiner Instrumentierung an die Musik aus den Anden erinnert, während das sanfte "11" den anderen großen musikalischen Einfluss Uruguays repräsentiert, die brasilianische Musik. Ein umfangreiches Booklet rundet den Musikgenuss ab.

Text: Torsten Eßer
Fotos: amazon.de






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