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[kol_1] Hopfiges: Original Medical Stout (Barcelona)
Ein Bier der La Calavera Brewery Coop.

Die letzte offizielle caimán-Bier-Verkostung liegt schon einige Monate zurück. Den Grund lieferte die Osteopathie: Meinen Darm solle ich mal aus seiner Lethargie reißen. Schuld an der Trägheit sei in erster Linie Antibiotikum-Missbrauch im Rahmen einer Borreliose Anfang der Neunziger Jahre.

Mich hatte in Guatemala, Belize, Mexiko oder doch im Kölner Volksgarten eine Zecke infiziert. Oder vielleicht nur eine Mücke. Ich hab’s nie erörtern können. Borreliose war damals noch wenig bekannt und so drückte mir jeder Arzt, den ich hoffnungsvoll aufsuchte, Antibiotikum rein – obwohl die Erreger bereits nach der ersten Antibiotikum-Kur nicht mehr im Blut nachweisbar waren.



Aus heutiger Sicht unglaubliche, wilde Zeiten mit ein paar schießwütigen, harten Ärzten in der Hauptrolle: "Ach Jung, nimm mal das ne Woche. Ist ein Breitband Antibiotikum. Damit bist du alle Sorgen los."

Zurück zur Osteopathie. Mein ewiges Leiden heißt "heiße Füße". Zum Schlafen eine Decke über den Füßen ist nicht vorstellbar. Und sobald der Sommer naht, verbringe ich nachts mehr Zeit im Eisbecken als ruhend. Irgendwann entsteht im Leben dann ein Kreislauf. Neben Eiswasser hilft Bierchen. Im Laufe der Jahre mehren sich die kleinen Wehwehchen und auch hier hilft Bierchen.

Das war die Zeit, in der sich das kleine trotzige Mädchen namens Olga mit dem ewig garstigen Blick in meinem Darm einzunisten begann. Anfangs seltener, mit der Zeit häufiger und dann fast permanent klopfte die Kleine, links und rechts ein leeres Glas in der Hand, auf ihren Tresen und der Darm signalisierte dem Belohnungsareal im Hirn: "Bierchen wäre jetzt ne feine Sache."

Glücklicherweise sind meine Suchtgene nicht allzu ausgeprägt und so gab sich Olga morgens mit einem Bierchen zufrieden. Wenn ich dann nachmittags noch mal zwei bis drei nachlegte, gab die trotzige Olga sogar ganz Ruhe.

Die Osteophatie bearbeitete meinen Rücken und verordnete neben Mineralöl, Algen und Urgesteinsmehl die Schüssler Salze Nummer 7 und 12. Die Wirkung war bombastisch. In mich und meinen zwanghaft gemütlichen Darm kehrte Leben zurück. Tolles Leben mit viel Lust auf Neues. Die sensationelle Entdeckung aber schreib ich den Salzen zu. Mit dem ersten Tag der Einnahme war Olga verschwunden. Das Verlangen nach Bierchen war wie weggeblasen. Es vergingen oft mehrere Tage, in denen ich nichts trank und nicht einen Gedanken an Bierchen verschwendet hätte.

Die Osteopathie meinte nach ein paar Wochen, es sei genug, ich könne die Dosis halbieren und dann auch ganz einstellen, je nachdem was mein Gefühl sage. Da die Beschleunigung des Darms sich nicht auf meine heißen Füße ausgewirkt hatte, ich mich aber mittlerweile echt fit fühlte, setzte ich Nr. 7 und Nr. 12 ab.

Olga kam zurück. Weniger vehement als zuvor, aber sie war wieder da. Das war auch gut so, denn der Spanien-Urlaub stand an und nach so viel Inaktivität, sollte die Kolumne Hopfiges wiederbelebt werden. Im Wine Palace stachen mir drei unbekannte Biere ins Auge:

1. Ein unaufdringliches, sicherlich solide erfrischend nach klassischem Bier schmeckendes.
2. Ein zweites, aus der Craft-Szene stammendes und den üblichen Zitrus-Hopfen aus den USA nutzendes.
3. Ein Medizinfläschchen, bei dem ich drei Mal hinschauen musste, um tatsächlich fassen zu können, dass es Bier enthalten solle.

Das original MEDICAL ist ein Imperial Stout mit 8° Alkohol gereicht in Medizin-Fläschchen à 20 cl.

Inhaltsstoffe laut Etikett:
Wasser, Malz, Hopfen, Hefe

Inhaltsstoffe laut Laborbericht:
Siehe unten





Jetzt wird's ernst

Die Wahl als Startbier fiel auf das mehr als exotische Medizin-Bier. Zur Verkostung erhielt ich Beistand von Eva und Andrea. Und der war auch bitter nötig...

Maria Josefa noch mit dem Versuch dem Bier mit Respekt zu begegnen: Bitte beschreibt zunächst den Geruch.

Andrea reißt den Kopf angewidert zur Seite: Was ist das denn? Das ist doch nicht deren ernst. Das riecht nach Füßen... nach einer mehrstündigen Wanderung bei 40° C.

Eva (Labor): Pökelsalz!

Bedacht darauf, nur einen winzigen Schluck abzubekommen, setzen wir die Gläser an die Lippen.

Maria Josefa: Ich wusste gar nicht, dass altes Öl aus dem Auto prickelt. Wenn auch nur minimal.

Andrea schüttelt sich: Ist das widerlich. Ist das ekelhaft. Bier aus Jahrzehnten alten Flaschen, die vor der erneuten Abfüllung nicht gereinigt wurden.

Eva (Labor) ist immer noch um Ernsthaftigkeit bemüht: Herausschmecken tue ich Fernet Branca, der mit – ihr Blick wandert, das richtige Wort suchend, in die Höhe – Maggi!, ja wirklich reichlich Maggie versetzt wurde. Dann bricht auch sie vor Schmerz zusammen.

Fazit

Im Wine Palace das Regal, in dem das original Medical steht, der Gesundheit zuliebe weiträumig umgehen. Auch wenn Olga noch so bittet und bettelt.

Und was die beiden anderen zu verkostenden Biere betrifft: Nach dem Medical-Stout-Schock wird es frühestens in der nächsten caimán-Ausgabe weitere Test-Berichte geben.

Text + Fotos: Maria Josefa Hausmeister

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