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[art_1] Spanien: Priego de Córdoba - Semana Santa in der andalusischen Provinz
 
Im vergangenen Jahr haben meine Freundin Angélica und ich das Wochenende vor der großen Semana Santa Sevillas zu einem Blitzbesuch im fernen Osten Andalusiens genutzt und waren in Úbeda und Baeza.

Auf dem Rückweg nach Sevilla am Palmsonntag fahren wir durch die blühende Frühlingslandschaft und endlos wirkende Olivenhaine, die hier in den Provinzen Jaén und Córdoba das Panorama dominieren. Da wir früh aufgebrochen sind und erst am Abend zurück in Sevilla sein müssen, um noch die drei wichtigsten Prozessionen des Tages (die der Bruderschaften Amargura, Amor und Estrella) zu sehen, beschließen wir spontan, einen Abstecher nach Priego de Córdoba zu machen.

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Das Landstädtchen (20.000 Einwohner) liegt im äußersten Süden der Provinz Córdoba in 650 Metern Höhe und ist berühmt für seine spätbarocken Bauten. Nach ziemlich langer Parkplatzsuche - auch hier gibt es Semana Santa Feierlichkeiten und die Innenstadt ist voller Menschen - schlendern wir über den Rathausplatz und Angélica amüsiert sich über die spärliche Doppelreihe der Zuschauertribüne links und rechts der Straße, die zum Platz führt. Denn in Sevilla sind zur Betrachtung der berühmten Prozessionen rund um den Rathausplatz und auf der Avenida, die zur Kathedrale führt, Tausende von Zuschauerplätzen für die Touristenmassen aufgebaut. Aber hier geht natürlich alles deutlich ruhiger zu und ausländische Touristen verirren sich während der Semana Santa kaum in dieses entlegene Städtchen. Semana Santa Touristen besuchen vor allem Sevilla, Málaga, Granada oder Cádiz. Von fern hören wir Trommelwirbel und Trompetenfanfaren, doch von einer Prozession ist noch nichts zu sehen.

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Wir steigen die Treppen hinab zum Wahrzeichen von Priego de Córdoba. Die Fuente del Rey ist eine aufwendige Rokoko-Brunnenlandschaft aus dem 18. Jahrhundert, die inmitten eines kleinen Stadtparks angelegt wurde. Der Hauptbrunnen ist eine spektakuläre Skulpturengruppe aus Marmor. Dargestellt wird hier ein Wagen, der von zwei Pferden in dynamischer Bewegung gezogen wird. Darauf thront, flankiert von Meerjungfrauen und anderen Fabelwesen, der Meeresgott Neptun und schwingt seinen Dreizack. An den Rändern des Wasserbeckens entladen 140 gemeißelte Köpfe von Fabelwesen ihre Wasserstrahlen ins Brunnenbecken. Besonders in den heißen Sommermonaten werden die Bänke rund um das große Wasserbecken gut besucht sein.

Plötzlich hören wir die Trommeln und Trompeten ganz nah und laufen die Treppen auf der anderen Seite wieder hoch, denn eine Palmsonntags-Prozession ist soeben in die Avenida eingebogen. Wie uns ihre Standarte verrät, handelt es sich um die Prozession der Hermandad de la Pollinica (die Bruderschaft des Eselchens) offiziell "Bruderschaft unseres Vaters Jesus bei seinem triumphalen Einzug in Jerusalem". Sie geht zurück auf eine Gründung im 17. Jahrhundert, zerfiel dann und wurde 1966 neu gegründet. Diese Prozession mit Nazarenos, die scharlachrote Kapuzenmasken und weiße Tuniken tragen, eröffnet die Semana Santa in Priego de Córdoba und führt besonders viele Kinder mit. Die erste Altarbühne (genannt "Paso"), die Jesus reitend auf dem Esel beim Einzug in Jerusalem zeigt, gleitet auf Rädern durch die Straßen. Der zweite Paso mit der Madonna wird dann aber doch per Muskelkraft bewegt.

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Aber ein fundamentaler Unterschied zu der uns bekannten Semana Santa von Sevilla ist, dass hier die Träger nicht unsichtbar unter der Altarbühne verborgen sind, sondern diese für alle sichtbar tragen - links und rechts ruht der "Paso" jeweils auf den Schultern der Träger. Allerdings haben diese ihre Gesichter unter scharlachroten Kapuzenmasken verborgen, so dass ihre Anonymität gewahrt bleibt. Diese Trageweise ist typisch für die Region Málaga. Ich persönlich bevorzuge aber die Art und Weise wie die Altarbühnen in Sevilla bewegt werden, mit Trägern die ganz unter dem Paso verschwinden, so dass das Publikum die Illusion bewahren kann, dass Christus oder die Madonna ganz von selbst durch die Menge gleiten. Hier in Priego dagegen sieht man die Träger der "Mutter der Schutzlosen" (Madre de los Desamparados), die mit bordeauxrotem Mantel und Silberkrone ihrem Ziel entgegen strebt. Angélica kommentiert als Sevillanerin natürlich, dass diese Art, den Paso mit langen Tragebalken und sichtbaren Trägern fortzubewegen, ihr nicht so gefällt. Da sind wir uns beide schnell einig, zu sehr sind wir durch die Semana Santa Sevillas geprägt und an "unsichtbare" Träger gewöhnt.

Kaum dass die Prozession und die sie beschließende Musikkapelle an uns vorbeigezogen ist, ertönt ein heftiges Donnergrollen am Himmel. Es ist inzwischen 15 Uhr und damit Zeit fürs Mittagessen. Auf der Suche nach einem Restaurant müssen wir uns beeilen, denn der Himmel ist jetzt plötzlich dunkelgrau, fast violett. Es fällt zwar noch kein Regen, aber die Donner ertönen immer lauter und drohender. Die ersten drei Restaurants nahe dem Prozessionsweg sind so voll, dass wir gar nicht hinein kommen. Endlich finden wir an der Plaza bei der maurischen Burgruine ein Restaurant, wo zumindest noch ein paar Stehplätze am Tresen frei sind. Gerade noch rechtzeitig erobern wir sie, denn im nächsten Moment bricht draußen ein Wolkenbruch los. Nach der langen Vorwarnung durch Donner und grauvioletten Himmel gießt es wie aus Eimern, innerhalb von einer Minute ist die Gasse vor der Bar überschwemmt. Wir heitern uns auf mit der originellen Spezialität des Hauses: mit Honig gebackene Auberginenscheiben, dazu ein fruchtiger Montilla-Weißwein.

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Der Kellner fragt uns, ob wir die ganze Heilige Woche hier verbringen werden. Denn die Höhepunkte der Semana Santa in Priego de Córdoba sind - wie in den meisten anderen Städten Andalusiens - die Prozessionen am Gründonnerstag ("La Columna") und Karfreitag ("Jesús Nazareno"). Aber da müssen wir verneinen. Obwohl es sicher reizvoll und ergreifend sein würde, die Semana Santa in einer Kleinstadt zu erleben, ohne Touristenmassen, authentisch und ohne den ganz großen Pomp, zieht es uns doch zurück zur Mutter aller Semanas Santas - nach Sevilla.

Als wir Priego de Córdoba gen Westen verlassen, wölbt sich neben der Landstraße und vor den abziehenden Gewitterwolken ein doppelter Regenbogen. Ein gutes Omen, denn bis auf ein paar Ausfälle am Dienstag sollten in Sevilla alle Prozessionen stattfinden.

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Text + Fotos: Berthold Volberg

Tipps und Links:
Unterkunft in Priego de Córdoba
Hospedería San Francisco (in altem Kloster mit wunderschönem Patio)
Adresse: Plaza Compás de San Francisco, 15, 14800 Priego de Córdoba
Telefon: +34 957 70 19 17
http://www.hospederiasanfrancisco.com/

Gastronomie in Priego de Córdoba
Restaurant "Califato"
Adresse: Calle Abad Palomino 14800 Priego de Córdoba (gegenüber der maurischen Festung)
Tel. 957 543 233
653 97 04 96
Reservas: reservas@restaurantecalifato.es
Web: http://restaurantecalifato.es/

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