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[kol_3] Lauschrausch: Guinga & Maria João
Mar afora und Roendopinho

Das neue Album des brasilianischen Gitarristen Guinga (Althier Carlos de Souza Lemos Escobar) und der portugiesischen Sängerin Maria João beginnt mit einem surrealen Text, den Guinga wie ein Gebet klingen lässt, sanft begleitet auf seiner Gitarre. Und gerade, wenn man denkt, es gehe angenehm so weiter, entführt einen Maria João schon im zweiten Titel mit kindlicher Stimme in höhere Sphären. Die Texte, die größtenteils vom berühmten Poeten und Komponisten Aldir Blanc stammen und selten einen wirklichen Refrain besitzen, bleiben mehr oder weniger surreal, handeln vom Leid eines Werwolfs ("Canção do lobisomem"), vom Kreuzweg ("Via Crúcis") oder von der Liebe ("Senhorinha"), aber Joãos Stimme variiert in den Titeln, die sie singt, zwischen Märchenerzählerin, Jazzsängerin und kammermusikalischem Gesang. Die für ihre Wandlungsfähigkeit bekannte Portugiesin scattet, flüstert oder spricht zum Klangfluss der Gitarre.

Guinga & Maria João
Mar afora
Acoustic Music

Guinga zitiert in seinen Kompositionen heimatliche Samba- oder Chôroklänge, spielt aber auch komplexe, moderne Passagen. Er, der schon früh Erfolge als Komponist feierte, jedoch erst im Alter von 40 Jahren seinen Zahnarztberuf endgültig an den Nagel hängte, um von der Musik zu leben, singt auf zwei weiteren Titeln mit sanfter Stimme, wobei "Chá de panela" als einziger Titel etwas brasilianische Energie in den sonst ruhigen Fluss dieses Albums bringt. Als er im Liebeslied "Senhorinha" kurz mit João in einen Dialog tritt, fällt seine Stimme kaum auf. Ein entspanntes Experiment zweier Musiker, die ihrem komplexen Wirken eine weitere Facette hinzufügen.

Hier sei gleich Guingas Album "Roendopinho" mitempfohlen, das rund ein Jahr zuvor, wie jetzt "Mar afora", in Osnabrück eingespielt wurde, für Peter Fingers dort ansässiges "Gitarrenlabel" Acoustic Music. Auf seiner ersten wirklichen Solo-Platte, die seine Songs so darstellen soll, wie sie zu ihm kamen – nur mit der Gitarre in der Hand - brilliert der Carioca mit glasklarem Spiel.

Guinga
Roendopinho
Acoustic Music

Seine Kompositionen bewegen sich zwischen Jazz, Bossa und brasilianischer Folklore, Titel wie "Constance No. 2" erinnern an die Musik eines Heitor Villa-Lobos. Die Musik auf "Roendopinho" – übersetzt etwa "Fichtenholz kauend" (aus Fichte baut man häufig Gitarren) – klingt schwerelos und leicht, und entführt uns in eine sympathischere Welt.

Text: Torsten Eßer
Cover: amazon

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