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[art_2] Spanien: San Pietro in Montorio in Rom
Ein Stück Spanien in der Ewigen Stadt
 
Spanien ist groß, das drittgrößte Land Europas. Und dazu gehören Territorien, die gar nicht in Spanien liegen. Damit meine ich nicht die spanischen Städte in Marokko, Ceuta und Melilla (die übrigens schon länger zu Spanien gehören als Granada) oder die Kanarischen Inseln in Nordafrika, sondern ein winziges aber sehr edles Stück Spanien, von dem kaum jemand weiß, dass es zu Spanien gehört. Es befindet sich auf einem Hügel mit grandiosem Panoramablick über die wohl großartigste aller Städte: Rom. Das exterritoriale Gelände der Academia de España in der Ewigen Stadt liegt auf dem Gianicolo, einem der angeblich sieben Hügel Roms, und umfasst nicht nur die Büroräume, Amtstuben und Bibliothek der Real Academia de España, sondern auch zwei Kirchen mit demselben Namen, von denen eine winzig ist, dafür aber als der reinste Renaissancekirchenbau gilt: San Pietro in Montorio.

Wie der Name schon verrät, war die Verehrung des heiligen Petrus, des Apostelfürsten und nach Interpretation der Katholischen Kirche ersten Papstes, der Grund für die Entstehung eines christlichen Heiligtums auf dem Gianicolo. Denn eine fromme Legende machte diesen Hügel zum Ort, wo Petrus sein Martyrium erlitt - angeblich ist er hier mit dem Kopf nach unten gekreuzigt worden. Mindestens seit dem 8. Jahrhundert gab es hier eine Kirche, die dem heiligen Petrus geweiht war. Dass der erste "Stellvertreter Christi" wirklich hier exekutiert wurde, ist äußerst unwahrscheinlich. Denn es gibt ja wie allgemein bekannt noch einen deutlich prominenteren Ort, der diese Ehre für sich beansprucht: das Terrain des heutigen Petersdoms, in dessen Krypta sich der Sarkophag des Apostels befindet. Und Petrus kann kaum an zwei Orten gleichzeitig gestorben sein.

Der Grund, warum sich die heutige Kirche, ein repräsentativer Rennaissancebau, hier befindet, war profaner und sehr menschlich: die langersehnte Geburt eines Babys. Spaniens Katholische Könige Ferdinand von Aragón und Isabella von Kastilien waren nervös geworden, weil ihnen nach ihrer Hochzeit 1569 Jahre lang nicht die Geburt eines Thronfolgers gelingen wollte. Motiviert von der Angst, die durch ihre folgenreiche Heirat frisch entstandene Großmacht Spanien könnte ohne Nachfolger auf dem Thron bleiben, legten sie das feierliche Gelübde ab, mit ihrem Geld eine Kirche in Rom zu bauen, sobald ihnen endlich ein Thronfolger geboren würde. Im Jahr 1478, neun Jahre nach der Hochzeit, kam ihr Sohn Juan zur Welt und 1480, mit einiger Verzögerung (Gott wurde schon ungeduldig), spendete Ferdinand von Aragón eine beträchtliche Summe und beauftragte den Bau einer Kirche und eines Klosters auf dem Gianicolo. Das Territorium hatte Papst Sixtus IV. bereits vorher einem spanischen Zweig des Franziskanerordens geschenkt. Und König Ferdinand verband viel mit Italien, schließlich herrschte das Haus Aragón schon seit 1282 über die Südhälfte Italiens, und Ferdinand war zugleich König von Neapel-Sizilien (wo spanische Herrscher noch bis 1713 auf dem Thron saßen).

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In der Folge schien es als ob der Verlauf der Geschichte die Katholischen Könige für ihren Kirchenbau belohnen wollte, denn im Jahr 1492 ließ er sie zuerst im Januar Granada erobern und danach im Oktober das Gold der Neuen Welt entdecken.

Dementsprechend fielen der Weiterbau und die Ausstattung der spanischen Kirche auf dem Gianicolo in den Jahrzehnten nach diesem Doppel-Triumph deutlich großzügiger aus als ursprünglich geplant. Aus einer bescheidenen Klosterkirche eines Bettelordens wurde ein sakraler Repräsentationstempel im Herzen Roms, der Spaniens Grandeza und Weltmachtstreben eindrucksvoll untermauern und bebildern sollte. Das zumindest ist gelungen, denn die Pracht von San Pietro in Montorio überdauerte die Zeiten bedeutend besser als Spaniens Weltmachtposition.

Die Hauptfassade der Klosterkirche ist monumental, aber eher schlicht gehalten. Über dem Portal das Wappen der Katholischen Könige und ein gemeißelter Granatapfel - Symbol für das eroberte Granada. Bei der Innenausstattung, zu der auch ihr Enkel Kaiser Karl V. noch einiges spendete, wurde an nichts gespart.

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Das vielleicht berühmteste Gemälde der Originalausstattung von San Pietro in Montorio, Raffaels "Verklärung Christi", befindet sich heute zwar in den Vatikan-Museen. Aber insbesondere die zehn Seitenkapellen der Kirche übertrumpfen sich gegenseitig mit erstrangigen Kunstwerken. In der Capella Borgherini wird alles dominiert von den grandiosen Fresken des Renaissance-Malers Sebastiano del Piombo, besonders gelungen und oft kopiert ist seine dramatische Szene der "Geißelung Christi" (1524 vollendet). Da erscheint Christus mit griechischem Heldenkörper gefesselt an eine Säule den römischen Folterknechten ausgeliefert. Auch für die Bildausstattung der anderen Kapellen wurden namhafte italienische Künstler beauftragt: die Maler Pomarancio und Baldassare Peruzzi (Capella di San Girolamo), Renaissance-Maler Giorgio Vasari und Bildhauer Ammanati (Capella del Monte) sowie noch ein Jahrhundert später der Barockmaler Michelangelo Cerruti sowie der Barock-Bildhauer Francesco Baratta (Capella di Sant Antonio).

Doch selbst die weniger berühmten und kleinen Kunstwerke in diesem Renaissance-Tempel zu Ehren des Apostel Petrus und des spanischen Thronfolgers Juan (der allerdings schon als Kind vor seinen Eltern starb) sind noch von herausragender Qualität. Dazu gehören die Grabmäler der Raimondi-Brüder in ihrer Kapelle, geschaffen von den Bildhauern Niccolo Sale und Andrea Bolgi. Eine Marmorbüste über dem Sarg zeigt den Grafen Raimondi als kultivierten Herrscher, der in Gedanken versunken in einem Buch blättert. Eine exquisite Darstellung, ebenso wie die beiden entzückenden Engelsköpfe unterhalb des Freskos, das in der Capella di San Girolamo die Krönung Marias zeigt.

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Und doch strömen die meisten Besucher ziemlich schnell durch diese Kirche und würdigen die sakrale Kunst kaum mit den Blicken, die sie verdienen würde. Denn die Hauptattraktion in Spaniens winzigem Territorium in Rom befindet sich mitten im Innenhof des Klosterkomplexes. Die Katholischen Könige hatten damit keinen Geringeren als den damaligen Stararchitekten Roms, Donato Bramante (1444 - 1514) beauftragt.

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Bramante hatte auch den ersten architektonischen Entwurf für den neuen Petersdom ausgearbeitet, der später von Michelangelo noch verändert wurde. Bramantes Beitrag zur spanischen Präsenz in Rom ist eher winzig, aber von gewaltiger Nachwirkung. Sein kleiner zwischen 1502 und 1510 errichteter Rundtempel im Innenhof hat einen Durchmesser von nur viereinhalb Metern! Insgesamt wirkt dieses Tempelchen, das sich genau über dem vermuteten Ort der Kreuzigung des Apostels Petrus  erhebt, wie ein Miniaturgebäude. Heute gilt dieses Meisterwerk von Bramante (neben der Kirche von San Biagio bei Montepulciano) als der perfekteste Sakralbau der Renaissance, denn wie kaum ein anderer präsentiert er die Ideale dieser für Europa so entscheidenden Kunstepoche: Rückbesinnung auf die Harmonie antiker Tempel durch den Säulengang, der ihn wie einen Ring umschließt, klare, rationale Gliederung der Formen besonders in der Gestaltung der winzigen Kuppel und dazu in der Innenausstattung Reliefs und Statuen, die sich deutlich an Vorbilder der griechisch-römischen Antike anlehnen - wie die vier Evangelisten, die hier wie muskelbepackte, griechische Götterstatuen dargestellt werden.

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Bramante bricht mit dem traditionell dominierenden Kirchenmodell einer dreischiffigen Basilika und präsentiert das revolutionäre Modell einer Kirche, die quasi nur aus einer Kuppel besteht. Sehr ähnlich war auch Bramantes Ur-Modell des Petersdoms. Und in der Tat ist das elegante Tempelchen von San Pietro in Montorio mehr Vorzeigemodell und Stein gewordene architektonische Idee als ein real zu nutzender Kirchenbau. Dieser Tempel Bramantes wurde nicht erbaut, um dort Messen zu feiern - dafür ist er viel zu klein, es hätten gerade mal ein Priester und vier Ministranten Platz. Erst recht viel zu klein ist dieses Kirchlein, um die zu erwartenden Pilgermassen, die zum legendären Sterbeort des Apostels Petrus strömen, empfangen zu können. Nein, Bramantes Kreation auf dem Gianicolo ist eher ein architektonisches Miniaturmodell, ein Juwel, das eher zur Betrachtung und weniger zur realen Benutzung als Kirche geschaffen wurde. Die Manifestation der Idee von einer Kirche - rund, hell und bekrönt von einem blauen Sternenhimmel und von perfekter Harmonie. Und so wurde im Westen Roms mit dem Geld der spanischen Könige und den besten Künstlern der Renaissance ein Architekturjuwel gezaubert, das weniger der Glorifizierung des spanischen Imperiums dient, sondern vielmehr ein zeitloses, ewig modernes Symbol vollendeter Baukunst darstellt.

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Den Ausflüglern, die vielleicht nur auf diesen Hügel kommen, um neben der spanischen Flagge die Aussicht auf die Ewige Stadt zu genießen, sei empfohlen, dieses kleine und sehr edle Stück Spanien in Rom zu besuchen und dabei besonders Bramantes Mini-Tempel die Aufmerksamkeit zu schenken, die ihm gebührt.

Text + Fotos (1 - 9): Berthold Volberg
Fotos (10 - 14): Vicente Camarasa

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