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[art_7] Lateinamerika: 200 Jahre Befreiung
Ein Kontinent der Hoffnung - Im Interview mit Walther L. Bernecker

In den Jahren 2009 bis 2011 feiern neun Staaten Lateinamerikas ihre Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Spanien, wobei im Jahr 2010 die 200-Jahr-Feiern - bicentenario - ihren Höhepunkt erreichen. Torsten Eßer hat mit Walther L. Bernecker, Professor für Auslandswissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und profunder Lateinamerikakenner, über die Unabhängigkeit, ihre Folgen und die Perspektiven für den Kontinent gesprochen.

Walther L. Bernecker ist Professor für Auslandswissenschaft an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

1810 / 2010: Was haben die 200 Jahre Befreiung den Staaten Lateinamerikas gebracht?
Zunächst einmal die politische Emanzipation von Spanien. Der großen Masse der Bevölkerung ging es damit aber nicht besser, denn eine soziale Befreiung war damit nicht verbunden. Es handelte sich um eine politische Befreiung, die gut für die Kreolen war; doch für die indigene und schwarze Bevölkerung gab es kaum Veränderungen. Die Situation der indígenas hat sich im Laufe des 19. Jahrhunderts in manchen Gegenden sogar verschlechtert, da bestimmte Schutzfunktionen der Krone für sie entfallen sind.

Warum hat sich der Kontinent seither so schleppend entwickelt?
Wirtschaftshistoriker haben herausgefunden, dass in der gesamten Geschichte die Entwicklungsdifferenz zwischen Lateinamerika und den USA zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit am Geringsten war. Diese Differenz nahm im 19. Jahrhundert deutlich zu und blieb dann im 20. Jahrhundert im Wesentlichen auf dem gleichen Stand. Was ist also im 19. Jahrhundert geschehen, dass der Kontinent so zurückgefallen ist? Dafür gibt es verschiedene Gründe:
  • Erstens hat der Bildungsbereich stark nachgelassen. Die Protestanten in den USA legten viel Wert auf Lesen und Schreiben, währen das in Lateinamerika von den Regierungen komplett vernachlässigt wurde.
  • Dann ist es natürlich auch eine Folge der geerbten Sozialstruktur, die sich durch große Ungleichheit ausgezeichnet hat. Gleichzeitig war die Machtfrage in den jungen Staaten ungeklärt und sehr viele Gruppen kämpften darum. Diese Bürgerkriege haben die Länder ökonomisch immer wieder zurückgeworfen.
  • Schließlich hat es damit zu tun, dass die lateinamerikanischen Länder zu Beginn ihre Grenzen öffneten und so europäische Waren - später auch aus den USA - dort günstiger angeboten werden konnten, so dass eine Industrialisierung im großen Umfang verhindert wurde. Das alles erklärt die mangelhafte Entwicklung im 19. Jahrhundert.

Nehmen wir einmal Venezuela. Warum steht dieses Öl-Exportland ökonomisch nicht besser da?
So kann man das nicht sagen, denn Venezuela war über weite Strecken im 19. Jahrhundert ein relativ geordnetes Land, politisch stabil und ökonomisch nicht schlecht aufgestellt. Aber man darf nicht vergessen, dass die Ausbeutung der Erdölreserven fast immer von ausländischen Gesellschaften durchgeführt wurde, weil die Lateinamerikaner weder das Geld noch das Know-How dazu hatten. Ein Großteil der Einkünfte ging also automatisch ins Ausland. Erst viel später wurden die Ressourcen nationalisiert, so dass ein Großteil der Gewinne im Land verblieb.

Aber auch das bedeutete nicht unbedingt, dass es besser funktionierte. Die Nationalisierungen sind meistens von den Regierungen mißbraucht worden, um andere Löcher zu stopfen. In Mexiko zum Beispiel wurde 1938 das Öl verstaatlicht, aber die riesigen Gewinne der nationalen Gesellschaft PEMEX dienten nur dazu, den Haushalt zu sanieren, anstatt die Industrie zu modernisieren.

Die Eliten scheinen kein Interesse an der nationalen Entwicklung zu haben?
Lateinamerika zeichnet sich negativ dadurch aus, dass die Eliten seit der Unabhängigkeit den Staat als ihre Pfründe betrachten. Das ist auch eine Erbschaft der Kolonialzeit, wo die Ämter gekauft werden mussten und der Amtsinhaber nichts Eiligeres zu tun hatte, als seine Investition möglichst gewinnbringend wieder herauszuwirtschaften. Das hat sich gehalten, die Eliten betrachten den Staat als ihr Eigentum und versuchen, so viel wie möglich aus ihm herauszuholen. Der Staat hat nicht die soziale Umverteilungsfunktion, die er in Europa seit der Aufklärung eingenommen hat.

Lateinamerika: Die unvereinigten Staaten! So nenne ich das Ergebnis all der gescheiterten Integrationsversuche bis heute, wenn man die EU als Modell nimmt.
Dafür gibt es verschiedene Gründe. Die Grenzen, die in der Kolonialzeit gezogen wurden, waren willkürlich. Die Kolonialmacht hat sie gezogen, aber diese Grenzen wiesen keinen inneren Zusammenhalt auf. Es existierten Staaten nach der Unabhängigkeit, aber keine Nationen, die Nation mußte erst geschaffen werden. Mit den jungen Staaten konnten sich nur die Eliten identifizieren, die unteren Schichten - indígenas, Schwarze - haben sich nicht zugehörig gefühlt. In Deutschland war es gerade umgekehrt: Da hatten wir ein Bewußtsein der Zusammengehörigkeit, ein Nationalgefühl und erst später dann einen gemeinsamen Staat. In Lateinamerika war es umgekehrt und darum bestand in den jungen Staaten eine große innere Heterogeneität.

Das läßt sich nach außen übertragen. Die gemeinsame Kolonialzeit und die Sprache - das Spanische hatte sich noch gar nicht so durchgesetzt wie heute - waren keineswegs verbindende Elemente. Die Kulturen waren überall sehr unterschiedlich und die Masse sah  - und sieht - keine Notwendigkeit in einem Zusammengehen, entgegen den Träumen der Unabhängigkeitskämpfer, allen voran Simón Bolívar. Die einzelnen Staaten müssen - um den Nationalgedanken zu fördern - sehr auf Nationalismus abheben. Und das verhindert natürlich die Bereitschaft, Souveränitätsrechte abzugeben, doch das ist das A und O einer supranationalen Organisation. So bald sehe ich da keine Perspektive.

Nach Kartoffel, Tomate, Befreiungstheologie, Rumba und Samba, was kann Lateinamerika der Welt heute geben?
Es kann Beispiel sein für eine Entwicklung, in der die Wirtschaft nicht so global verflochten ist, wie z.B. in Europa. In der jetzigen Krise ist Lateinamerika besser gefahren, gerade wegen der geringeren Verflechtung.

Man kann außerdem von den Menschen sehr viel lernen, die Art, sich zu verhalten, sich zu benehmen, das ist sicher etwas, was ich als positiv hervorheben würde, auch das in sich ruhen, was einem auffällt, wenn man durch diese Länder reist. Jeder, der einmal in Lateinamerika war, würde sicher einen Aspekt erwähnen: die Menschen. Unabhängig vom Regime, vom Glauben, vom Reichtum, die weit überwiegende Anzahl ist freundlich, hilfsbereit, widerspricht damit dem negativen Klischee, das wir haben von einem Kontinent der Gewalt, der Überfälle, des Betrugs und ähnlichem. Jede Touristikorganisation warnt ihre Leute davor , dass sie überfallen werden können. Das ist zwar alles richtig, aber es ist eine verschwindende Minderheit, vor der da gewarnt wird. Die Lateinamerikaner haben sich eine Art prämoderner Unmittelbarkeit und Spontaneität bewahrt, die wir nicht mehr kennen.

Interview: Torsten Eßer
Foto: Uni Erlangen

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