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[art_3] Brasilien: Quallen und dicke Wale
Jahresende in Imbassaí / Bahia
 
Die "mariscada" für zwei war so reichhaltig, dass ich beim Sprung ins Meer danach fast untergehe. "Vorsicht mit den Quallen, die verbrennen einen so richtig", sagt der Junge, der den Strand fegt. Wenn das Meer wild ist, tauchen die Quallen auf bevor sie am Strand sterben.

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Ich weiß schon nicht mehr, was mich eher verbrennen wird, die Sonne oder diese seltsam aussehenden Tierchen, diese lila Ballons. Oder ob ich vorher im Meer untergehe. Ich, ein menschlicher Wal voller Meeresfrüchte, in diesem so ruhigen Meer, das so salzig auf den Lippen brennt. Ich leck mal drüber.

Die "moqueca de camarão e lula" ist fast schon pornographisch-gut. "Wie die so etwas hinbekommen?" Die Köchin lächelt leise. "Und diese Pfeffersoße, wie macht Ihr die? Verkauft Ihr die?" Schweigen.

"Die Küche aus Bahia ist wegen des Dende-Palmöls so gut." Da stimme ich zu. In Brasilien kommt nur die Küche aus dem Amazonas an sie heran, mit ihren gegrillten und gekochten Fischen.

Ich gehe fast im Pool unter, so voll bin ich. Nur Kinder im Pool, die großen Dicken sitzen davor und checken ihre Smartphones. Die posten wohl Bilder vom schönen Strand mit den Palmen, damit die daheim gebliebenen Verwandten mächtig neidisch werden. Durch die Luft fliegen auch welche, mit einem Motor und Propeller auf dem Rücken und einem Fallschirm oben drüber. "Wenn die ins Meer fallen, zieht einen das Gewicht des Motors nicht nach unten?" Wahrscheinlich schon.

Ich muss was machen, mich bewegen. Eric, ein Surfer-Boy, bietet eine Kajaktour über den Rio Imbassaí an. Der Name ist Tupi und bedeutet "Weg des Flusses". Ich nehme ein offenes Kajak, denn ins geschlossene passe ich nicht rein. Immerhin kann ich das Gleichgewicht halten. Ein Tourist neben mir macht eine Rolle ins Wasser.

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Es geht durch Wälder, bis man am Strand ist. Auf einer Seite das Meer, auf der anderen der Strand. Man muss aufpassen, um nicht die im Fluss sitzenden Touristen zu überfahren. Die sitzen gemütlich im flachen Wasser und essen. Dann fahren wir in die Mangroven. Da werfen Fischer ihre Netze aus. Totale Stille, Frieden und Ruhe. Nach einer Stunde Kajak klopft der Hunger an.

Die "moqueca de camarão e siri" ist die beste. "Da passen die Zutaten einfach perfekt zueinander." Genau. Ich fühle mich wie ein durch den blauen Pool rollender Wal. Um mich rum checken alle ihre Smartphones. Demokratische Dinger sind das, denn sie dominieren die Dicken genau wie die Dünnen, die tätowierten Bodybuilder genau wie die sonnenverbrannten Dickbäuche, auf die gleiche Art.

"Hier kann man ganz viel nichts tun." Das Eis schmilzt im Caipirinha-Glas. Nichtstun ist das beste auf der Welt. "Lula de alho e óleo würden wir nehmen, statt paniert. Geht? Und noch mit camarão mit dabei?" Und dann noch eine Caipirinha drauf, nach dem Kokoswasser. Danach essen wir noch "siri com farinha."

"Wie machst Du nur diesen göttlichen Pfeffer?" Die Köchin sagt nichts. Ich muss einen Liter mitnehmen. Noch einen Teller mit "siri" und Salat, um den Magen zu schließen. "Wie viele Caipis hast Du schon?" Dann tanzen unter den Sternen. "Da oben sind die drei Marias, siehst Du?"

Niemand schaut. Alle sitzen über ihren Smartphones, posten Fotos. Ich bin ein besoffener Wal, der im Pool rollt. Wale trinken Alkohol und rollen dann im Pool? Morgen früh gibt es den tollen Kuchen, "tapioca com coco". Der ist auch pornographisch.

Text + Fotos: Thomas Milz

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